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Ueber den Ursprung der deutschen Alpenbewohner Südtirols

Zusammenfassung

Dieser vierte Teil des Aufsatzes in der Beilage des Boten für Tirol befasst sich mit den Theorien zur Herkunft der deutschsprachigen Bevölkerung in Südtirol und den angrenzenden venezianischen Tälern. Der Autor hinterfragt die gängige Lehre einer Abstammung von den Cimbren nach der Schlacht von Vercelli oder Verona. Er vermutet stattdessen, dass im Gebirge bereits altansässige deutsche Völkerstämme lebten, mit denen sich flüchtende Cimbren lediglich vermischten.

Vollständige Transkription

Anhang.

Statistik.

Ueber die deutschen Alpenbewohner des Süd-Tirols und des angränzenden venetianischen Gebiets. (Fortsetzung.) 5/7

IV. Ueber den Ursprung dieser Einwohner.

Wer den Ursprung dieser Sprache nach deutschen Einwohner, die ringsum von allen Seiten von Italienern umgeben sind, erforschen will, findet sich aus gänzlichem Mangel an Nachrichten oder alten Urkunden auf bloße Mutmaßungen beschränkt. Mehrere vaterländische Geschichtschreiber machen von diesem Volke Erwähnung; am meisten beschäftigt sich mit diesem Gegenstande der obgenannte Bartolomei; allein, so wie die andern alle, so scheint auch er mit Gewißheit voraus zu setzen, daß diese Alpenbewohner von flüchtigen Ueberbleibseln der cimbrischen Völker abstammen, welche nach dem Vellejus Paterkolus B. 2., Hauptstück, 12. und Florus B. 3, Hauptstück, 3. auf den Feldern von Raudium (Plutarch im Leben Marius behauptet, die Schlacht sey bei Vercelli vorgefallen) vom römischen Konsul Cajus Marius in seinem fünften Konsulate und von seinem Kollegen C. Catulus im Jahre Roms 652 geschlagen, eine Zuflucht in den dortmals unbewohnten Gebirgen suchten, welche sie jetzt bewohnen. Alles dieses sind jedoch nur Behauptungen, aber von keinem Beweise unterstützt.

Der Verfasser dieses Artikels, obgleich entfernt, in einem so dunkeln Gegenstande entscheiden zu wollen, wagt es jedoch, seine Zweifel gegen die obgedachte Meinung vorzutragen, und er gesteht, daß er dermal mehr geneigt ist, davon abzuweichen, als ihr beizupflichten, indem es ihm sehr wahrscheinlich dünkt, daß diese Deutschen alte tirolische Völkerstämme sind, mit welchen Cimbrer sich können vermischt haben, und daß vielmehr jene, welche die Ebenen der Thäler bewohnen, und italienisch sprechen, fremde Völker, oder mit solchen vermischt sind. Der Verfasser hofft dadurch in den gelehrten Freunden der vaterländischen Geschichte einen gedeihlichen Forschungsgeist zu wecken; es würde ihm in dieser Hinsicht höchst angenehm seyn, sich mit guten Gründen widerlegt zu sehen.

1. Wäre die gänzliche Niederlage der Cimbrer, obwohl sie sich nach Florus ungezweifelt aus dem Trienter Gebiete in Italien niedergelassen haben, nicht bei Verona, sondern nach Plutarchs Behauptung bei Vercelli vorgefallen, so müßte man annehmen, daß die vom C. Catulus in Tirol erlittene große Niederlage, welche Rom selbst in Schrecken setzte, und wegen welcher der in das Veronesische vorgedrungene Catulus sich von der Etsch zurückziehen mußte, ihn genöthigt haben, in Vercelli seine Verbindung mit dem siegreichen Heere des Marius zu versuchen, welche nach Vernichtung der Deutschen bei Air in der Provence, auf die Nachricht von der Niederlage des Catulus gegen die Cimbrer, ihm mit seinen Legionen zu Hülfe nach Piemont zog.

Allein in diesem Falle würde es die Entfernung der Orte höchst unwahrscheinlich machen, daß übergebliebene cimbrische Flüchtlinge sich mit allen ihren Weibern und Kindern auf die mühseligste Art nach den südlichen Gränzen Tirols geflüchtet hätten; sie würden vielmehr im nähern Gebirge von Vercelli ihren Zufluchtsort gesucht haben. *)

2. Es haben jene Kritiker sehr starke Gründe auf ihrer Seite, welche die Autorität des Plutarch verlassen, in welcher sie aus einem Fehler der Abschreiber das Wort Vercelli statt Verona eingeschlichen zu seyn glauben, und mit Florus und Paterkulus behaupten, daß ein Ort in der Gegend von Verona das Raudische Feld geheißen habe, und daß dort die große Schlacht zwischen den kombinirten Armeen des C. Marius und C. Catulus auf der einer, und der Cimbrer auf der andern Seite, vorgefallen sey, in welcher letztere eine gänzliche, und zwar so fürchterliche Niederlage erlitten, daß, nachdem alle Männer gefallen waren, die einzig mit ihren kleinen Kindern noch übergebliebenen cimbrischen Frauen, von ihren Wagen herab, mit welchen sie eine Art von Wagenburg gemacht hatten, verzweifelnd sich mit den Römern schlugen, und als sie sich am Ende verloren sahen, statt sich zu ergeben, ihre Waffen erst gegen ihre Kinder, und dann gegen sich selbst wandten, und so alle sich tödteten.

3. Nehmen wir nun auch an, diese letzte entscheidende Niederlage der Cimbrer wäre bei Verona, und nicht bei Vercelli vorgefallen, würden sich die elenden, bebenden Ueberbleibsel dieser Nation, arm, von allem entblößt, und verlassen von allen, sich wohl hier sicher und geborgen auf den nahen, unbewohnten, ringsum in den tiefen Thälern von feindseligen, durch Sprache und Lebensart so sehr von ihnen unterschiedenen Völkern umgegebenen Bergen gehalten haben? Wie hätten die Cimbrer mit Weib und Kindern ohne freien und freundschaftlichen Verkehr mit ihnen sich festsetzen und ernähren können? Und wie würde man sie wohl aufgenommen und geduldet haben? Für Unglückliche, die fern von ihrem Vaterlande umherirren, giebt es keinen kräftigern Trost, als irgend einen Landsmann, geschweige erst die ganze verwandte Nation selbst anzutreffen. Würden sie also nicht vielmehr gesucht haben, auf ihrer Flucht weiter bis zu den deutschen Tyrolern durchzudringen? Und dieß um so mehr, als sie, nachdem sie schon bis nach Pergine, ja sogar bis Cembra (weil man denn doch, aus diesem Namen auf italienisch Cymbria, den jene Pfarre trägt, wo übrigens dermal italienisch gesprochen wird, abnehmen will, sie daß bis dorthin vorgedrungen seyen) gekommen waren, nur einen kleinen Weg von 3 Stunden zu machen hatten, um in Salurn, und in der Folge in Botzen mit seinen Umgebungen, in Brixen und im Pusterthale sich zu befinden. Daraus kann man, wie es scheint, schließen, daß, wenn die zerstreuten Cimbrer die obgedachten dreizehn veronesischen und die sieben vicentinischen Gemeinden und die andern tirolischen Gränzorte besetzt hatten, alle diese Ortschaften schon vorher von deutschen Völkern müssen bewohnt gewesen seyn, mit welchen sie sich vereinten, und von denen sie eine mitleidsvolle Gastfreundschaft und Sicherheit erwarteten und fanden. Und dieß um so mehr, als sie, nachdem sie auf ihrem Marsche am linken Etsch-Ufer nach dem Rückzuge des Catulus beiläufig ein Jahr zugebracht hatten, schon vorher von ihnen erkannt worden seyn, und vielleicht so, wie von andern Orten Deutschlands, wodurch sie zogen, also auch von jenen Gebirgen einige Einwohner als Gefährten der Expedition mit sich genommen haben werden.

Allein die zwei Anfangsbuchstaben A. V., welche er auslegt Agri Veronensis – könnte man sie nicht auch lesen Agri Vercellensis? In diesem Zweifel erübrigt nur der schwache Beweis des Ortes, wo man den Stein fand. (Der berühmte Marchese Scipio Maffei erklärt diese Inschrift als unächt.)

*) Bartolomei erklärt nach der bei Gelegenheit einer Nachgrabung im Amphitheater oder der Arena von Verona gemachten Auffindung eines Steines, der dermal im dortigen Museum Moscardi aufbewahrt wird, und nachfolgende Inschrift die Frage gegen Plutarch für entschieden.

D. F.

C. M. trucidatis

Cimbris in F. Italiae A. V.

R. R. ob insignem ejus

Memoriam

S. P. Q. R.

(Fortsetzung folgt.)

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"Ueber den Ursprung der deutschen Alpenbewohner Südtirols." Der Bote für Tirol, 25. April 1822. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/25.04.1822/149827/4. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1822-04-25-ueber-den-ursprung-der-deutschen-alpenbewohner-suedtirols