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Die deutsche Mundart der Alpenbewohner Südtirols und der Sette Comuni

Zusammenfassung

Eine sprachgeschichtliche Untersuchung beschreibt die deutsche Mundart der deutschsprachigen Sprachinseln im Trentino und Vicentino, darunter die Sette Comuni. Trotz italienischer Schul- und Kirchensprache blieb der alpenländische Dialekt erhalten, weist aber italienische Einflüsse und altertümliche Formen auf. Der Beitrag vergleicht diese Sprachformen mit den nordtirolischen Dialekten und verweist auf das vergleichende Wörterbuch von Simon Peter Bartolomei aus dem Jahr 1760.

Vollständige Transkription

Anhang.

Statistik.

Ueber die deutschen Alpenbewohner des Süd-Tirols und des angränzenden venetianischen Gebiets. (Fortsetzung.) 2/7

II. Mundart.

Es muß die seltsame Bemerkung vorausgeschickt werden, daß in allen den oberwähnten Ortschaften Seelsorge und Schule, wo es doch eine solche giebt, in italienischer Sprache versehen werden. Daher kommt es, daß diese Gemeinden eine doppelte Sprache haben, wie sie lange Zeit hindurch ganz Italien hatte, als die lateinische Sprache sich allmählig verlor, und sich aus ihrer Verderbung die heutige italienische Sprache bildete, die mehrere Jahrhunderte hindurch Volkssprache war, und darum jetzt noch die gemeine heißt, während in den Kirchen dem Volke noch lateinisch gepredigt wurde, und die öffentlichen Verhandlungen in lateinischer Sprache geschahen. So haben auch diese Alpenbewohner ihre gemeine Sprache, welche die deutsche ist, und die gebildete Sprache, nämlich das Italienische, doch mit dem Unterschiede, daß, so wie in Italien die italienische Sprache aus der lateinischen entstand, diese in dem Maaße aufhörte, als jene sich verfeinerte, oder vielmehr eine mit der andern zusammen floß, so im Gegentheile die zwei Sprachen dieser Leute zur gleichen Zeit sich unvermengt erhalten, indem sie wegen Mangel der Verwandtschaft ganz und gar keine Vermischung bezwecken.

Indessen ist die deutsche ausschließend die National-Sprache, und nachdem man in den Familien nur diese spricht, verstehen die Kinder nicht italienisch, und fangen es erst dann zu lernen an, wenn sie die Christenlehre in der Kirche, und die Schule besuchen; was den Seelsorgern und Lehrern unsägliche Mühe verursacht, und die Volkskultur auf´s höchste verhindert.

Die Weibspersonen, die nur selten ihren Aufenthaltsort verlassen, verstehen das Italienische, sprechen es aber nur mit Mühe. Die Männer, die wegen ihrer Geschäfts- und Handelschaften oft in andere Gegenden reisen müssen, sprechen das Italienische mit Fertigkeit, aber mit einem deutschen Accent. Der Laut ihrer Stimme ist ein hartes Geschrei, welches daher kommt, daß sie damit das Getös ihrer Ströme überschreien, sich von Haus zu Haus, und auch von Feld zu Feld und in den Wäldern einander verständlich machen müssen. Die Einwohner der sieben Gemeinden im Vicentinischen und ihre Nachbarn, die Lavaroner, haben darin etwas Eigenes, daß sie beständig fragweise zu reden scheinen, indem sie bei jeder Periode die letzte Sylbe um vier Töne erheben.

Der im vorigen Jahre verstorbene gelehrte und berühmte Bischof von Padua, Monsignor Dondi, unter dessen Diócese die sieben venetianischen Gemeinden stehen, ließ, um den dortigen Kindern einen Vorbegriff des christlichen Unterrichts zu verschaffen, den in dem ehemaligen Königreiche Italien vorgeschriebenen kleinen Katechismus in ihre deutsche Mundart übersetzen, und in der Buchdruckerei seines Seminars im Jahre 1813 unter dem Titel: »Der kloane Catechismo« drucken.

Aus diesem Katechismus, so wie aus anliegendem Briefe Nro. 1, kann man sich einen Begriff von ihrer Sprache machen. Einige Wörter sind italienisch, vorzüglich jene, welche das Volk in seinem gesellschaftlichen Umgange nicht braucht, sondern sie in der Kirche oder Schule lernt. Das übrige ist eine deutsche, jedoch rohe Mundart, mit wenigen grammatikalischen Beugungsfällen und Gradationen, welche jedoch mit Abrechnung gewisser Fehler in der Aussprache, an welche sich der Uebersetzer des Katechismus freiwillig gebunden hat, in der Hauptsache ein mehr oder weniger von Jenem verschiedenes Deutsch ist, welches die Gebirgsbewohner von Nord-Tirol sprechen. Die Sprache der übrigen Alpenbewohner, von welchen wir handeln, kommt beinahe mit dieser Sprache überein.

Jene der Gebirgsbewohner von Roncegno und Pergine nähert sich noch mehr jener der nördlich-tirolischen Bergbewohner. Es ist jedoch zu bemerken, daß die nördlichen Tiroler durch Begünstigung der Schulen, eifriger Seelsorger, und ihres beständigen Verkehrs mit benachbarten Städten und Märkten, mehr ausgebildet, und im Besitz des Vortheils, nur eine einzige Sprache zu haben, ihren Dialekt ein wenig verfeinert, und einige rohere Redensarten sich abgewöhnt haben, so zwar, daß seit Mannsgedenken viele Idiotismen von der ersten Art bei ihnen abgekommen, und dagegen viele neue manierlichere Ausdrücke aufgenommen sind. Allein die tirolischen Alpenbewohner an den südlichen Grenzen, von alten Zeiten isolirt, die ihre Sprache beständig nur unter sich selbst sprechen, und sie nie von Andern hören, hatten nie eines jener Hülfsmittel, um sie von rohen Ausdrücken zu reinigen; sie ist noch immer die nämliche, wie sie vor Jahrhunderten war, mit Ausnahme der italienischen Wörter, welche sie aus Unbekanntschaft mit gleich bedeutenden deutschen Ausdrücken in ihre Sprache verwebten. Sie behalten daher noch immer gewisse Ausdrücke, welche in Deutschland entweder ganz außer Gebrauch gekommen sind, oder eine verächtliche Bedeutung angenommen haben, z. B. klafen (reden), Pfaff (Priester), er hat krit (er hat gesagt), Floas (Fleisch). Uebrigens sind die Ausdrücke, die sie gebrauchen, z. B. hoach (hoch), roat (roth), Moaster (Meister), Goas (Ziege), Pfoad (Hemd), groas (groß) und ähnliche rein tirolisch-deutsche Ausdrücke, und so hört man auch die Wochentage, nämlich Sonnta, Monta, Erta, Mitta rc.) im Pusterthal, Vinschgau, in Ulten eben so aussprechen, wie bei ihnen.

Der gelehrte Rechtsverständige von Pergine, Simon Peter Bartolomei, der die Geschichten jener Gegenden sehr aufklärte, gab sich im Jahre 1760 die Mühe, eine Art vergleichenden Wörterbuches jener Dialekte zu verfassen, welches noch im Manuscript vorhanden ist. Obwohl unter den Wörtern einiger Unterschied Statt hat, den man bei jeder Nation zwischen Dorf und Dorf, und selbst zwischen benachbarten Städten beobachtet, so dient doch auch dieses Wörterbuch dazu, um uns zu überzeugen, daß alle diese erwähnten Alpenbewohner zusammen genommen ein vollkommen gleichförmiges Volk waren, und ihre Sprache von der alten Mundart der nördlich-tirolischen Bergbewohner nur wenig abwich.

Diese alte Form ihrer Sprache, die zum Teil aus Mangel an Kultur, zum Theil aber durch die Beimischung des Italienischen einen fremdartigen Zusatz erhalten hat, gibt ihnen den Charakter von Fremden, und da sie, durchschnitten durch neu entstandene italienische Gemeinden, und von den Deutsch-Tirolern abgesondert, mit ihnen in der Kultur nicht gleichen Schritt halten konnten, werden sie jetzt von den nämlichen Fremden, die sich unter ihnen ansäßig gemacht haben, wie Söhne eines anderen Vaterlandes und Kolonien entfernter Provinzen, betrachtet, während auf der anderen Seite diese nämlichen Deutsch-Tiroler sie nicht mehr für ihre alten Mitbrüder erkennen. Welch Unrecht gegen dieses Alpenvolk, wenn sie wirklich die ursprünglichen Bewohner jener Gegenden wären! Sie konnten dem, der sie als Fremde betrachtet, und ihrem Ursprunge nachforscht, eben das antworten, was die Amerikaner den Spaniern zur Antwort geben könnten. Doch davon weiter unten!

(Fortsetzung folgt.)

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"Die deutsche Mundart der Alpenbewohner Südtirols und der Sette Comuni." Der Bote für Tirol, 15. April 1822. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/15.04.1822/149824/4. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1822-04-15-die-deutsche-mundart-der-alpenbewohner-suedtirols-und-der-sette-comuni