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Über die deutschen Alpenbewohner Südtirols und des angrenzenden venetischen Gebiets

Zusammenfassung

Ein statistischer Bericht beschreibt die deutschsprachigen Sprachinseln im Südtiroler Etschland sowie in den Gebirgen von Vicenza und Verona. Neben Bevölkerungszahlen und Ortsnamen geht der Text auch auf lokale Dialektbezeichnungen wie Zimbrisch oder Mocheno ein.

Vollständige Transkription

Anhang.

Statistik.

Ueber die deutschen Alpenbewohner des Süd-Tirols und des angränzenden venetianischen Gebiets. 1/7

1. Bezeichnung dieser Alpenbewohner.

Der Reisende, welcher längs dem Laufe der Etsch vom nördlichen Tirol in´s südliche übertritt, findet in Salurn die letzte Gegend, wo man deutsch spricht.

Nach einer anderthalbstündigen Reise erwartet ihn in St. Michael ein ganz neues Schauspiel: Sprache, Kleidung, Nahrung, Unterhaltungen, gesellschaftliche Manier, Gebräuche, selbst Gesichtsbildungen – alles dieses sind Dinge, welche einstimmig ihn erinnern, daß er schon von den Deutschen zu den Italienern übergetreten ist.

Wenn er sich in St. Michael befindet, ist er schon weiter, als er glaubt, unter italienische Landesbewohner vorgedrungen, denn er hat bereits im Rücken mehrere, zur Rechten und Linken aber in den anstoßenden Thälern sehr zahlreiche italienische Gemeinden zurück gelassen, nämlich zur Rechten das Non- und Sulzthal, zur Linken aber Fleims, Fassa, Primör, welche zusammen bei 60,000 Seelen zählen.

Setzt er nun gegen den Süden über Trient, Roveredo und Verona, immer längs der Etsch seine Reise fort, so trifft er rechter Hand auch nicht eine eine einzige deutsche Gemeinde mehr an, wo man deutsch spräche; zur Linken hat er nun auch die Thäler von Cembra, von Pine´, die Pfarren Verla, Meano, Albiano, Civezzano, mit ihren einschlägigen Kuratien, und überdieß noch viele im Etsch- und Lagarinthale zerstreute Dörfer, lauter italienische Ortschaften, deren Volkszahl sich wenigstens, mit Inbegriff der Stadt Trient, auf 50,000 Seelen beläuft, und welche Gegenden, nach den schon erwähnten Thälern von Fleims, Fassa und Primör, den Reisenden durch eine weite Landstraße von den Deutschen absondern.

Wer möchte nun, nach einem so großen Zwischenraume, sich´s einbilden, daß er beim fernern Fortschreiten gegen Süden, nämlich nach Italien, auf Einwohner stoßen sollte, welche deutsch sprechen? Und doch stößt er auf solche, und zwar sehr zahlreiche Einwohner, nicht nur an den äußersten südlichen Gränzen von Tirol, sondern auch jenseits derselben, zwischen den Alpen der Provinzen von Vicenza und Verona, welche mit Tirol in Berührung stehen, nämlich in den sieben Gemeinden der Vicentiner Berge, welche Gemeinden zwischen den Flüßen Brenta und Astiko liegen, und aus vielen Dörfern bestehen, welche nach dem Gesetz-Bulletin von 1807 dortmals eine Bevölkerung von 30,800 Seelen hatten; und in den dreizehn Gemeinden der Veroneser Gebirge, welche von der Seite des Thales Arsa an Tirol gränzen, und bei einer amtlichen Zählung im April 1821, 8,754 Einwohner in sich faßten, welche sämmtlich bis zum Ende des 17ten Jahrhunderts sich der deutschen Sprache bedienten, die sich jetzt jedoch nur mehr unter einem vierten Theile der Volksmenge erhalten hat, indem die übrigen italienisch sprechen.

So viel Tirol betrifft, folgen hier die Namen jener Ortschaften, in welchen man dermal deutsch spricht, von den gegen Osten gelegenen Bergen in der ganzen Umgebung der Stadt Roveredo angefangen, bis hinab nach Pergine einschließlich.

Im Roveredaner-Kreise

Terragnolo Pfarre, Seelenzahl . . . . . . . 1433.

Trambelleno Kuratie . . . . . . . . . 716.

Thal Arsa, Pfarre . . . . . . . . . 2290.

Folgaria Pfarre

St. Sebastian Kuratie

Nosellari eben so

Serrado eben so . . . . . . . . . 3000.

Guardia eben so

Mezzomonte, eben so

Im Trienter Kreise

Brancafora, Pfarre

Luserna, Kuratie Seelenzahl . . . . . 584.

Cassatto, Kuratie

Lavarone, Pfarre detto . . . . . 950.

Chiesa nuova, Kuratie

Noncegno il monte. detto . . . . . 40.

In der Pfarre Pergine auf dem Berge, links an der Fersina,

Palú, . . . . . Seelenzahl . . . . . 442.

St. Felice in Fierozzo . . . . . . . . . . 307.

St. Francesco in Fierozzo . . . . . . . . . . 234.

Frassilongo . . . . . . . . . . 280.

Roveda . . . . . . . . . . 259.

Vignola . . . . . . . . . . 445.

Mehrere Dörfer, in welchen man vor nicht langer Zeit noch deutsch sprach, das man jetzt mit dem Italienischen verwechselt hat, z. B. Centa, Vattaro, Falesina, werden übergangen.

Außerhalb Tirol spricht man noch deutsch:

a. In den sieben Gemeinden der Vicentinischen Gebirge in folgenden Dörfern:

1. Azzago, Hauptort, zählt Seelen . . . . . 4042.

2. Foza . . . . . . . . . . 1486.

3. Gallio . . . . . . . . . . 2684.

Doch ist in beiden letztern Dörfern mehr das Italienische im Schwung, als das Deutsche.

4. Novana . . . . . . . . . . 2539.

5. Rotzo . . . . . . . . . . 1333.

Letzteres hat zwei Abtheilungen, deren eine Pediskata, die andere Vald'astiko heißt, in denen die National-Sprache ganz verloren gegangen, und blos die Italienische üblich ist.

Eben dieß ist auch der Fall in Enego (Seelenzahl 2694) und Lusiana (Seelenzahl 2807.)

In folgenden, zu den sieben Gemeinden gehörigen Ortschaften, haben sich blos noch einige Benennungen von deutschen Gegenden erhalten:

1. Valstagna (Seelenzahl 2441.) 2. Campolongo (Seelenz. 1310.) 3. Val San Florian (Seelenz. 1265.) 4. Valravina (Seelenz. 676.) 5. Crosara (Seelenz. 1433.) 6. Conco (Seelenz. 1375.) 7. Tresché Conca (Seelenz. 360.) In Laste Basse (Seelenz. 613) spricht man noch die deutsche National-Sprache vermischt mit der Italienischen.

b. In den dreizehn Gemeinden des Veroneser Gebirges ist das Deutsche noch üblich: 1. In deutsch St. Bartholomä (Seelenz. 654.) 2. In Selva di Progno mit Giazza und Campo Fontana (Seelenz. 456.) 3. Auch in einigen Ortschaften in Velo *) (Seelenz. 783.)

In Allein also 1893 Seelen, welche die deutsche Sprache noch beibehalten, ob man sie gleich in jedem der genannten Dörfer mit dem Italienischen vermischt spricht. Es ist zu bemerken, daß alle diese Einwohner, obwohl sie zu drei verschiedenen Provinzen gehören, dennoch aneinander angränzen, oder wenigst, ehe sich an einigen Orten die deutsche Sprache verlor, angränzten, so daß es höchst klar ist, und selbst durch die Einförmigkeit ihres wenig von einander abweichenden Dialekts bestätigt wird, daß sie einst alle nur einen einzigen Volksstamm ausmachten.

Bemerkenswerth ist ferner, daß man die Sprache der oberwähnten Roveredaner u. Veroneser Alpenbewohner insgemein die Cimbrische, jene der angränzenden Vicentiner und Tiroler scherzweise Schlaper, die vom Berg Roncegno und den Bergen von Pergine Mochen nennt.

*) In jenen Gegenden befindet sich der Berg Bolca, berühmt durch die versteinerten Meerfische, welche dort in einer Höhe von mehr als 1000 Fuß über dem Meeres-Spiegel ausgegraben werden.

(Fortsetzung folgt.)

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"Über die deutschen Alpenbewohner Südtirols und des angrenzenden venetischen Gebiets." Der Bote für Tirol, 11. April 1822. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/11.04.1822/149823/4. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1822-04-11-ueber-die-deutschen-alpenbewohner-suedtirols-und-des-angrenzenden-venetischen-ge