Über die deutschen Alpenbewohner des Süd-Tirols
Der Artikel untersucht die Herkunft der deutschsprachigen Bevölkerung in Südtirol und angrenzenden venetischen Gebieten. Der Autor argumentiert gegen die reine Cimbren-Theorie und vertritt die Ansicht, dass die deutschen Alpenbewohner Ureinwohner der Region sind, deren Dialekt nahe am Nordtirolerischen blieb. Historische Flurnamen und Dokumente aus dem 13. und 14. Jahrhundert belegen die kontinuierliche Präsenz deutscher Sprache in Tälern wie dem Valsugana und Fleimstal.
Vollständige Transkription
Anhang.
Ueber die deutschen Alpenbewohner des Süd-Tirols und des angränzenden venetianischen Gebiets. (Fortsetzung.) 6/7
4. Diese Meinung wird noch bekräftigt durch die Beschaffenheit des Dialekts, welcher, wie schon gesagt, jenem der Gebirgsbewohner von Nord-Tirol wo nicht ähnlich, doch auch nicht sehr davon unterschieden ist, und dessen sich die Alpenbewohner noch heut zu Tage im Umgange bedienen.
Es ist nicht glaublich, daß sich im cimbrischen Chersones und den andern nördlichen Ländern Deutschlands, von woher jene Völker kamen, welche die Römer ohne Unterschied Cimbrer nannten, eine so große Gleichheit der Mundart mit jener Tirols gebildet habe, während man auch noch heut zu Tage in ganz Deutschland, so wie überall von Provinz zu Provinz eine solche Verschiedenheit der Dialekte bemerkt, und man muß daher annehmen, daß die Cimbrer weder die ersten, noch die einzigen Deutschen in diesem ihrem Zufluchtsorte, und noch weniger so zahlreich gewesen seyen, um in dem deutschen Dialekte der Alpenbewohner eine große Veränderung zu bewirken.
5. Aber nicht nur die vorerwähnten veronesischen, vicentinischen und tirolischen Gemeinden waren von Alters, wo wie jetzt noch, Deutsche der Sprache nach, sondern es ist sogar wahrscheinlich, daß dieß auch ganz Obervalsuga mit Piné, mit einem Theile des Fleimserthales und vielen andern angränzenden Ortschaften von Trient am linken Etsch-Ufer gewesen seyen, wo die ältern Benennungen der Felder, Gewässer, Berge, Dörfer und Familien meistentheils deutsch sind. Einer der Trient am nächsten gelegenen Berge im Ost-Nord heißt noch heut zu Tage der Calisberg.
Daß bis zum 13. Jahrhundert im Dorfe Pergine, jetzt in der Volkssprache Ferzen und Fersen genannt, welchen Namen es auch mit dem in der Nähe vorbei strömenden Flusse gemein hat, so wie in allen dasselbe umgebenden Dörfern die gemeine Sprache die deutsche gewesen sey, wie sie es auch in ihren sechs erwähnten Kuratien noch heut zu Tage ist, beweisen die sämmtlich deutschen Benennungen der Felder, Dörfer, und fast jedes Bauernhofes, die sich in lateinischen Dokumenten vom 14. Jahrhundert finden, ungeachtet, daß auch so manche Urkunde aus jener Zeit, in deutscher Sprache geschrieben, vorhanden ist, aus welchen wir nur anliegendes Dokument Nr. 2 auswählen, welches in einer Art von Urtheil besteht, gesprochen vom Pfarrer zu Pergine, der auch Notar war, und Lindrick hieß, im Jahre 1212, zwischen einem Manne aus Falesina, wohnhaft im Dorfe zu Pergine, und einem andern vom nahe gelegenen Maierhofe Ischia, der heut zu Tage Drischel heißt. Dieß nämliche kann man auch von der Pfarre zu Calceranica, die zwischen Pergine und Lavarone liegt, sagen, wovon eine Kuratie, Centa genannt, noch im verflossenen Jahrhundert einige Familien hatte, die deutsch sprachen. Eben dieß behauptet man auch von den zwischen Pergine und Cembra gelegene Piné.
Die weitschichtige Pfarre Fleims hat gleichfalls manche Kuratien, wo die deutsche Sprache herrscht, z. B. Antarivo, und eine derselben, nämlich Trodena (Trauden), ist auf der Seite von Salurn bereits mit Deutsch-Tirol in Verbindung.
Man beobachte nur, wie sich von der Nachbarschaft, von Verona an weiter gegen Norden hin, von Berg zu Berg, von Thal zu Thal die Deutschen an einander reihen, bis sie sich endlich mit den übrigen des dermaligen Deutsch-Tirols vereinigen. Die Zwischenräume jedes zusammenhängenden Gebietes deutscher Gemeinden haben von Jahrhundert zu Jahrhundert in dem mehr flachen, zugänglichern, bequemern, und mit einer mildern Klima begabten Thälern, besonders aber in jenen Gegenden zugenommen, welche an die Haupt-Eintritts-Straßen aus Italien nach Tirol gelegen sind, wo es nämlich der Uebermacht der verschiedenen fremden Völkerschaften, welche mit Gewalt in Tirol eingefallen sind, sich festzusetzen am dienlichsten war. Wer auch immer nach den Celten, wahrscheinlich ihren ursprünglichen Bewohnern, diese Völker gewesen seyn mögen, nämlich Enganeer, Etrusker unter Retus Anführung, Gallier, Römer, Gothen oder Andere, so ist es doch augenscheinlich, daß die Bewohner dieser Berge von diesen Zuströmungen unberührt blieben, wie ihre Felsen und ihre Schneemassen; oder sie haben sich, um ihrem Angriffe auszuweichen, in Sicherheit zurückgezogen, indem sie ihren Wohnplatz den Stärkeren überließen, und sich damit begnügten, sich mit ihren Familien dort für beständig anzusiedeln, wo sie im Sommer ihre Heerden zu weiden pflegten. Andere haben vielleicht den Muth gehabt, bei diesen neuen ungerufenen Gästen zu bleiben, oder haben sich mit der Zeit dort niedergelassen; und daher erhielt sich auch in der Ebene noch lange die Muttersprache, welche später verschwand, und gegen jene verwechselt wurde, welche diese Fremdlinge sprachen.
Daraus kann man sich´s leicht erklären, wie sich in Untervalsugana ein jenem der daran gränzenden Venetianer und in Fleims ein jenem der benachbarten Cadoriner ähnlicher italienischer Dialekt einschlich, und selbst jetzt noch erhält.
Nach allem diesem glaubt der Verfasser dieses Artikels, daß sich die angebliche ausschließende Abstammung der genannten deutschen Alpenbewohner von der zerstreuten cimbrischen Nation nicht vertheidigen lasse, sondern man vielmehr Grund habe, anzunehmen, daß die in den Thälern und auf den Bergen von Süd-Tirol an linken Etsch-Ufer noch befindlichen Deutschen Ueberbleibsel eines alten Volkes jener Gegenden sind, und daß es Ankömmlinge, und ihrem Ursprunge nach Fremde waren, welche die italienische, oder jene Sprachen, vorzüglich die lateinische, aus welchen sich die jetzt übliche italienische Mundart bildete, dorthin verpflanzten. Um die Sache anders zu entscheiden, reicht die Verschiedenheit des Dialekts dieses Volkes nicht hin; denn, genau geprüft, und von den Mängeln der Aussprache geschieden, ist dieser Unterschied nur sehr gering, und nicht größer als derjenige, welchen man in ganz Deutschland zwischen benachbarten Provinzen antrifft. Vielleicht wäre gar kein Unterschied (mit Abrechnung der italienischen Vermischung), wenn man diese Sprache mit der alt-tirolisch-deutschen zusammen halten könnte.
Es reicht nicht hin die sich dazwischen eingeschobene italienische Volksmenge, denn sie ist unläugbar fremder Abstammung.
Auch der Umstand reicht nicht hin, daß die Cimbrer (was wohl zu weit in das Alterthum zurück reichte) oder andere Teutonen oder Deutsche in diese Gegend ihre Zuflucht genommen haben; denn dieß liefert vielmehr einen Beweis, daß deutsche Völkerschaften schon vorher dort ansäßig gewesen seyn müssen. Will also, wird man sagen, der Verfasser dieses Artikels die Frage entscheiden? Nein, das will er nicht, sondern nur das Gewicht der Gründe zu erkennen geben, welche beide Meinungen für sich haben; inzwischen erklärt er, daß er sich verpflichtet halte, die fraglichen Alpenbewohner vielmehr für die alten Landesbewohner, als für Fremde zu halten.
(Beschluß folgt.)
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"Über die deutschen Alpenbewohner des Süd-Tirols." Der Bote für Tirol, 29. April 1822. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/29.04.1822/149828/4. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1822-04-29-ueber-die-deutschen-alpenbewohner-des-sued-tirols