Über die deutschen Alpenbewohner Südtirols: Volkscharakter und Industrie
Der vierte Teil der Abhandlung beschreibt die Arbeits- und Erwerbsweisen der deutschen Sprachinseln im Trentino und Venetien, insbesondere aus Folgaria, Lavarone, Pergine und dem Fersental. Neben dem Mauerbau und der Herstellung von Holzgeräten wird der weiträumige Bildeinzelhandel beschrieben, den Händler aus dem Fersental bis nach Osteuropa und an die osmanische Grenze betrieben. Ihre Verträge beruhten auf mündlichem Vertrauen und ungeschriebenen Bräuchen.
Vollständige Transkription
Anhang.
Ueber die deutschen Alpenbewohner des Süd-Tirols und des angränzenden venetianischen Gebiets. (Fortsetzung.) 4/7
III. Volks-Charakter und Industrie.
Die Einwohner von Folgaria und mehr und die von Lavarone begeben sich, in´s italienische und deutsche Etschthal, wo sie trockene Mauern zur Befestigung der Bauländer, oder zur Verdämmung der Flüsse errichten, in welcher Arbeit sie sehr sinnreich sind, indem sie ohne scheinbar großen Kraftaufwand Steine von jeder Größe, wenn sie nur bewegbar sind, wirklich staunungswürdig auf eine dauerhafte und zugleich dem Auge gefällige Art zusammenfügen. Sie besitzen die Kunst, selbst die härtesten runden Granitsteine so geschickt zu behauen, daß sie von allen Seiten eine beinahe vollkommen ebene Vorderseite bekommen, um sie vorn in die Mauer einsetzen zu können, und sie bringen diese Steine von verschiedener Ausdehnung so geschickt an, daß man kaum die Zwischenräume bemerkt. Die Lavaroner unternehmen, in zahlreiche Gesellschaften vereint, wichtige, auf mehrere tausend Gulden sich belaufende Unternehmungen, nicht nur an Dämmen und Mauern, sondern auch im Ergebungsfalle neue Gebirgs-Straßen anzulegen. Sie führen diese Geschäfte so ehrenvoll aus, daß man sie immer die ersten zu solchen Unternehmungen beruft.
Mehrere ziehen beim Eintritt des Winters mit ihren Familien und Heerden nach Italien, vorzüglich gegen den Po, um dort die Weiden zu genießen, während ihre Heimath mit Schnee bedeckt ist.
Ueberdieß verfertigen jene, welche zu Hause bleiben, eine große Menge hölzerne Acker- und Hausgeräthschaften, als: Handleitern, Eimer, Tragbutten, Fäßchen, Pipen, Ochsenjoche, Holzschuhe, Schüsseln, Löffel und viele andere Dinge, die sie dann auf den Trienter und Roveredaner Märkten verkaufen. Die Einwohner der dreizehn Veroneser Gemeinden beschäftigen sich außer Ackerbau und Viehzucht meist mit Kohlbrennen, welche sie in Verona verkaufen, wohin sie auch von ihren Bergen das Eis für den Sommer führen. Einen andern sichern, vom Bedürfniß angewiesenen Erwerbszweig haben sich die Deutschen von Pergine, und vorzüglich die aus den Kuratien von Palù, St. Franziskus und St. Felix in Fierozzo gewählt: auch sie ziehen gegen Ende Oktobers in mehreren Gesellschaften, jede von 20 bis 30 Personen vereint, geradezu Weges nach Böhmen, wo sie von den Fabriken von Lanau und Buchers auf Kristall gemalte Heiligenbilder von etwas schlechtem Geschmack, die aber von den Bauern sehr gesucht werden, in großen Parthien aufkaufen, sie dann zuerst auf der Donau zu Schiffe bringen, sich dann nach verschiedenen Richtungen theilen, und ihre Waare in Ungarn, Polen, Siebenbürgen, und überall, wo es katholische Einwohner giebt, bis an die türkische Gränze verkaufen.
Gegen Ostern kehren fast alle von ihrer Handelschaft zurück, rechnen sodann mit bewunderungswürdiger Offenherzigkeit und Redlichkeit miteinander ab, und theilen dann den Gewinn, der nach Maaßgabe des Kapitals oft ziemlich beträchtlich ist. Ihre Verträge geschehen meistens mündlich; ihr Gesetzbuch sind die Gewohnheiten der Vorzeit. Die Rechnungen werden in einem Wirthshaus in der Steyermark oder Oesterreich mit einem Stück Kreide auf die Tafel hingeschrieben. Wer nicht schreiben kann, legt seinen Hut auf den Tisch, auf welchen der Eintritt in die Gesellschaft und die Auslagen mit Kreide aufgezeichnet sind. Man liquidirt und theilt ohne Mißtrauen, und ohne Grund zum Mißtrauen, und kehrt dann fröhlich nach Hause.
Es werden etwa 60 Jahre seyn, seit dieses Volk sich auf diese Handelschaft verlegte, die nun unter ihnen allgemein geworden ist, und obwohl die Spekulation an sich selbst sehr unvollkommen ist, indem sie mit der lästigen Nothwendigkeit einer weiten Hin- und Herreise verbunden ist, und die gebrechliche und schwere Waare bedeutende Transportkosten verursacht, so verschafft ihnen doch ihre äußerste Frugalität und der gute Ruf, den sie wegen ihres redlichen Benehmens allenthalben genießen, in jenen Ländern, wo sie Jedermann kennt, die vorteilhafteste Aufnahme, so daß sie ihre Verpflegung wenig kostet, und der Gewinn nur einen kleinen Abzug von Unkosten leidet.
Es ist kaum glaublich, und dennoch wahr, daß in so vielen Jahren gegen diese zahlreichen Handelsleute von Pergine nie die mindeste Beschwerde, weder in den Ländern, welche sie durchreisen, gehört, noch unter ihnen selbst auch nicht der mindeste Prozeß entstanden ist, ob sie gleich in Gesellschaft handeln, wobei einer dem anderen auf´s bloße Wort traut.
Ihr Gewinnst ließe sich vielleicht verdoppeln, wenn sie ihren Handelsprojekten ein wenig mehr Ausdehnung geben würden, indem sie aus ihrer Heimath geringere Fabrikate von Seide oder Floretseide mit sich nähmen, und Leinwand und andere Waaren aus Oesterreich oder Mähren zurück brächten; allein bisher haben sie sich noch nicht von ihrer alten Gewohnheit zu entfernen gewußt, und auf der andern Seite wollen sie durchaus keine eigentliche Handelsleute werden, sondern widmen die übrige Zeit dem Ackerbau. Jedoch nicht alle kehren jährlich zu ihren Familien zurück. Einige kaufen sich in Ungarn Haus und Güter, und lassen sich dort nieder; andere machen sich dort nur zur Hälfte ansäßig, und haben auch in Pergine einen Theil ihrer Familie, einige sogar Weiber, Kinder und Haus. (Fortsetzung folgt.)
Auch in diesem Monat
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"Über die deutschen Alpenbewohner Südtirols: Volkscharakter und Industrie." Der Bote für Tirol, 22. April 1822. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/22.04.1822/149826/4. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1822-04-22-ueber-die-deutschen-alpenbewohner-suedtirols-volkscharakter-und-industrie