Der Bote für TirolOriginalquelle ansehen

Die deutschen Alpenbewohner Südtirols und der Sette Comuni: Volkscharakter und Gewerbe

Zusammenfassung

Ein historisch-statistischer Überblick beschreibt den Charakter, die Lebensweisen und Erwerbszweige der deutschen Bevölkerung in Südtirol und den Sette Comuni. Neben den militärischen Sonderrechten unter der Republik Venedig werden Wohnverhältnisse, Hausierhandel und landwirtschaftliche Erzeugnisse wie Tabak- und Strohhutherstellung beleuchtet.

Vollständige Transkription

Anhang.

Statistik.

Ueber die deutschen Alpenbewohner des Süd-Tirols und des angränzenden venetianischen Gebiets. (Fortsetzung.) 3/7

III. Volks-Charakter und Industrie.

Die Verschiedenheit der Sprache hält diese Gemeinden hinsichtlich gesellschaftlicher Verbindungen gleichsam in einem isolirten Zustande, und nöthigt sie, sich auch mit ihren Heirathen auf die Gränzen ihrer, ich möchte sagen Zünfte, zu beschränken; dieß bewirkt, daß ihr physischer und moralischer Charakter noch immer seine Originalität bewahrt, wie sie uns Tacitus in seinen Sitten der Deutschen schildert.

Sie sind insgemein von einem robusten Körperbau, abgehärtet gegen große Beschwerden, Kälte und Witterungswechsel, haben eine lebhafte Gesichtsbildung, blaue Augen, blonde Haare, sind groß und flink von Person. Was ihren Charakter betrifft, so kann man das Nämliche nicht von Allen behaupten, weil die Verschiedenheit der Regierungen auch eine Verschiedenheit im Charakter erzeugte. Während die Bewohner der tirolischen Alpen sich in ihrer ursprünglichen deutschen Einfachheit und Beugsamkeit erhielten, haben die Bewohner der sieben vicentinischen Gemeinden unter der Regierung der Republik Venedig das seltene Privilegium, Hieb- und Schußwaffen von was immer für einer Art, sichtbar oder heimlich, tragen zu dürfen, angesprochen, und was noch mehr sagen will, auch beständig ohne Wiederrede ausgeübt. Erst noch vor 20 Jahren war es etwas Gewöhnliches und Alltägliches, diese Bauern, wenn sie von einem Dorfe in ein anderes, oder zur Feldarbeit, ja selbst wenn sie in die Kirche giengen, mit der Flinte auf der Achsel einhergehen zu sehen, die sie dann in einer langen Reihe außen bei der Kirchthür anlehnten, um sie dann nach geendetem Gottesdienst jeder die seine wieder zurück zu nehmen. Wo Viele Waffen tragen, müssen sie natürlich, zur Herstellung des Gleichgewichts, Alle tragen; die jungen Leute insgemein finden darin ein großes Vergnügen.

Es fehlte diesen Gemeinden nicht an Amazonen; auch diese wußten sich durch ein auf der Brust verborgenes Stilet oder Terzerol Achtung zu verschaffen.

Auch in dieser kriegerischen Außenseite war dieses waffentragende Volk gutmüthig, gerecht, gefällig, von einem guten Herzen, und fähig, selbst das Leben für einen Freund aufzuopfern. Aber wehe dem, der es beleidigt hätte!

Dieß war jedoch nicht, wie es scheinen möchte, ein Zustand der Anarchie oder tartarischer Wildheit. Sie hatten ihre Statuten, ihre Lokalbehörden, die von der venetianischen Regierung abhiengen, denen sie, unabbrüchlich ihrer Privilegien, gehorchten, und im Bedürfungsfalle auch zur Unterstützung der Gesetze den Zwangs-Beistand leisteten. Doch die venetianischen Sbiren durften sich in den sieben Gemeinden nicht blicken lassen; die Regierung mußte sie daher mit Güte behandeln.

Die Republik Venedig hatte bei dieser besonderen Nachsicht, mit welcher sie auch die Freiheit von Abgaben verband, ein politisches Interesse zum Zweck; denn sie betrachtete diese Gebirgsbewohner, welche die zwei aus Trient in den venetianischen Staat führenden Wege, nämlich aus dem Valsugan und dem Thale Astiko, in ihrer Macht hatten, als eine Vormauer gegen die künftigen Einfälle der Deutschen, und in der That bewiesen sie in dieser Eigenschaft ihre große Nützlichkeit, vorzüglich im zehnten bis zum zwölften Jahrhundert.

Es ergab sich jedoch manchmal, wie ganz natürlich, der Fall, daß diese stets bewaffneten Vertheidiger sich selbst den Vicentinern auf´s Aeußerste furchtbar zu machen wußten.

Nach Aufhebung der Republik Venedig hörte mit ihrer elenden Polizei auch diese Unordnung auf, und das Volk ist nun selbst froh, dieses verderbliche Privilegium verloren zu haben. *) Ihre tirolischen Mitbrüder gleichen ihnen im Physischen, aber sie sind von einer ruhigen und friedlichen Gemüthsart. In der Nahrung sind sie unglaublich mäßig; ihre gewöhnliche Kost ist Polenta von Türkenmehl, ohne Zuthat, sondern blos gesalzen, die sie mit den Händen in Stücke brechen, und mit Sauerkraut, oder einer Art elendem Käs speisen. Ihr Getränk ist Milch. Der Reiche, mit wenig Ausnahme, lebt und kleidet sich fast wie der Arme. Luxus wird nicht geduldet, selbst für Bequemlichkeit ist man wenig besorgt. Ihre Straßen sind schlecht, und kaum fahrbar. Ihre nach dem Erfordernisse ihrer Grundstücke auf den Bergen in verschiedenen Entfernungen gelegenen Häuser sind schlecht. Die Küchen, welche, weil sie aus Furcht vor Feuersbrünsten keine Schornsteine haben, sehr rauchig sind, dienen ihnen im Winter als Gesellschaftszimmer, wo auch bei Nacht einige schlafen, und im Fall einer Krankheit auch dort liegen. Die Küche ist so ihr Alles, daß sie selbe Haus nennen, was sonst die ganze Wohnung bedeutet. Küche, oder gemeiner Kuchel, ist in einigen Dörfern ein unbekanntes Wort. Im Sommer schlafen sie auf dem Heu. So sparsam sie gegen sich selbst sind, so sind sie doch sehr gastfrei gegen Jeden, der sie besucht; kein Armer verläßt ihr Haus ohne Gabe. Diese heilige, von ihren Voreltern auf sie vererbte Pflicht, zieht ihnen eine Menge herumschweifender Bettler auf den Hals.

Was die Moralität betrifft, sind sie insgemein gewissenhaft, redlich, halten genau Wort, und sind Feinde des Zwistes. Kein Volk in Nord-Tirol giebt den Civil-Gerichten so wenig zu schaffen, wie dieses. Die Kriminal-Gerichte haben von ihnen kaum eine Notiz. Diese guten Eigenschaften öffnen ihrer Industrie, mit der sie der Dürftigkeit ihres Bodens zu Hülfe kommen, einen weiten Weg, indem sie im Winter, der auf Handelschaft, jener auf Arbeit, in andern Gegenden herum reisen, wo sie vortheilhaft bekannt sind, gerne gesehen werden, und im Frühjahre mit bedeutenden ersparten Summen zu ihren Familien zurückkehren.

Sie haben jedoch, außer dem Ackerbau, **) auch noch einige einheimische Produkte zur Verbesserung des Nahrungszweiges,nämlich Holz, Vieh, und vorzüglich Wolle. Doch alles dieses würde für ihre Bedürfnisse nicht hinreichen, wenn nicht die periodischen Wanderungen dieser Leute damit verbunden würden, welche, wenn sie im Winter zu Hause blieben, die Konsumtion vermehren und müßig gehen würden.

Kaum sind also ihre Feldarbeiten geendet, nämlich beiläufig um Allerheiligen, so machen sie sich nach verschiedenen Richtungen und zu verschiedenen Zwecken, nach der in jeder Ortschaft bestehenden verschiedenen Gewohnheit, auf den Weg.

*) Durch vice-königliches Dekret vom 21. November 1505 wurde das freie Tragen der Waffen allgemein verboten, welches Verbot auch von der gegenwärtigen k. k. österr. Gesetzgebung mittelst hohen Patentes d. d. 18. Jänner 1818 erneuert wurde.

**) Die Industrie-Zweige in den sieben Gemeinden sind, nebst der Viehzucht, welche vorzüglich betrieben wird, Holzarbeiten, Kohlenbrennerei, Gerberei, Strohhüte, welche letztere jedoch nur in den Gemeinden von Lusiana und in den anliegenden Gegenden von Crosara, Conco und Valle San Florian fabrizirt werden. Der Haupt-Zweig der Industrie in Valstagna, Campolongo und Valravina besteht im Anbau des Toback´s, welcher diesen Gemeinden aus höchster Gnade, jedoch unter der Bedingung zugestanden ist, daß sie denselben gegen den höchsten Ortes bestimmten Preis an die Regierung verkaufen.

(Fortsetzung folgt.)

Auch in diesem Monat

  • Der Bote für Tirol1819–18295 Schlagwörter

    Die deutsche Mundart der Alpenbewohner Südtirols und der Sette Comuni

    Eine sprachgeschichtliche Untersuchung beschreibt die deutsche Mundart der deutschsprachigen Sprachinseln im Trentino und Vicentino, darunter die Sette Comuni. Trotz italienischer Schul- und Kirchensprache blieb der alpenländische Dialekt erhalten, weist aber italienische Einflüsse und altertümliche Formen auf. Der Beitrag vergleicht diese Sprachformen mit den nordtirolischen Dialekten und verweist auf das vergleichende Wörterbuch von Simon Peter Bartolomei aus dem Jahr 1760.

  • Der Bote für Tirol1819–18294 Schlagwörter

    Über die deutschen Alpenbewohner Südtirols: Volkscharakter und Industrie

    Der vierte Teil der Abhandlung beschreibt die Arbeits- und Erwerbsweisen der deutschen Sprachinseln im Trentino und Venetien, insbesondere aus Folgaria, Lavarone, Pergine und dem Fersental. Neben dem Mauerbau und der Herstellung von Holzgeräten wird der weiträumige Bildeinzelhandel beschrieben, den Händler aus dem Fersental bis nach Osteuropa und an die osmanische Grenze betrieben. Ihre Verträge beruhten auf mündlichem Vertrauen und ungeschriebenen Bräuchen.

  • Der Bote für Tirol1819–18294 Schlagwörter

    Ueber den Ursprung der deutschen Alpenbewohner Südtirols

    Dieser vierte Teil des Aufsatzes in der Beilage des Boten für Tirol befasst sich mit den Theorien zur Herkunft der deutschsprachigen Bevölkerung in Südtirol und den angrenzenden venezianischen Tälern. Der Autor hinterfragt die gängige Lehre einer Abstammung von den Cimbren nach der Schlacht von Vercelli oder Verona. Er vermutet stattdessen, dass im Gebirge bereits altansässige deutsche Völkerstämme lebten, mit denen sich flüchtende Cimbren lediglich vermischten.

  • Der Bote für Tirol1819–18295 Schlagwörter

    Über die deutschen Alpenbewohner des Süd-Tirols

    Der Artikel untersucht die Herkunft der deutschsprachigen Bevölkerung in Südtirol und angrenzenden venetischen Gebieten. Der Autor argumentiert gegen die reine Cimbren-Theorie und vertritt die Ansicht, dass die deutschen Alpenbewohner Ureinwohner der Region sind, deren Dialekt nahe am Nordtirolerischen blieb. Historische Flurnamen und Dokumente aus dem 13. und 14. Jahrhundert belegen die kontinuierliche Präsenz deutscher Sprache in Tälern wie dem Valsugana und Fleimstal.

1822 im Überblick

Das Jahr 1822 war maßgeblich von historischen, genealogischen und sprachwissenschaftlichen Betrachtungen geprägt. Die Überlieferungen dokumentierten die Geschichte des Adelsgeschlechts der Knillenberger in Obermais sowie die Lebensverhältnisse und Mundarten der deutschsprachigen Sprachinseln in der Region. Ergänzend gaben Berichte über historische Ereignisse, regionale Demografie und karitative Initiativen Einblicke in die gesellschaftlichen Strukturen der Epoche.

Zitieren & Teilen

"Die deutschen Alpenbewohner Südtirols und der Sette Comuni: Volkscharakter und Gewerbe." Der Bote für Tirol, 18. April 1822. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/18.04.1822/149825/4. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1822-04-18-die-deutschen-alpenbewohner-suedtirols-und-der-sette-comuni-volkscharakter-und-g