Der Bote für TirolOriginalquelle ansehen

Die Alpenstraße über das Stilfser Joch (Fortsetzung)

Zusammenfassung

Fortsetzung der bautechnischen Beschreibung der Stilfser-Joch-Straße: Der Abschnitt von Piatta Martina über das Diroccamento, die Sponda lunga und den Braulio-Pass bis zur Passhöhe auf 2814 Metern Höhe. Detailliert geschildert werden Lawinenschutzgalerien, Cantonieren und der Höhenvergleich mit anderen Alpenpässen.

Vollständige Transkription

Anhang.

Die Alpenstraße über das Stilfser Joch. 3/6

(Fortsetzung.)

Die Straße geht nun immer weiter bergauf, und zwar theils in den Felsen gehauen, theils in mehrern Windungen, um große Steigung zu vermeiden, und erreicht dann die Piatta Martina, welche durch zwei kleine Thäler merkwürdig ist, wo häufige Lawinenfälle statt finden. Man hat zwei Brücken darüber geschlagen, eine hölzerne, wie die bei der Bäder-Gallerie, und eine steinerne, mit einer Sehne von 15 und einem Sinus versus von 5 Metres. Die nächsten Berge bestehen aus Kalkstein und Gyps. Ersterer gibt trefflichen Mauerkalk und gute Bruchsteine; auch hat man ihn mit Vortheil zum Beschütten der Straße angewendet. Bei der steinernen Brücke erblickt man das erste Zufluchtshaus, die Cantoniera di Piatta Martina *).

Von hier gelangt man, wieder auf mehrern Windungen der Straße, zu einer Stelle, welche das Diroccamento (Der Einriß) heißt. Zu beiden Seiten erheben sich hohe und steile, oft weit ins Thal vorspringende Felsen, über welche der von den höhern Bergen sich losreißende Schnee in ungeheuern Massen herabstürzt. Um die Straße hier vorbeiführen zu können, hat man diese Felsen sprengen, und gemauerte Gallerien errichten müssen, welche nunmehr als Lawinen-Ableiter dienen, indem der Schnee über dieselben hinwegrollt. Andere Gallerien sind durch die Felsen gehauen, so daß oft an sechs solcher Durchfahrten beiderlei Art auf einander folgen, und die gewölbte Straße im Ganzen eine Länge von 689 Metres (= 2121 P. F.) hat. An manchen Stellen hat man dadurch Lawinen-Ableiter geschaffen, daß man den Felsen, wo es seine Beschaffenheit erlaubte, oben in Form eines herüberragenden Bogens stehen ließ, und nur unten so viel wegsprengte, als für den Raum der Straße nöthig war. Mit Inbegriff dieser Stellen ist das ganze Diroccamento 887 Metres (= 2731 P. F.) lang. An der Seite des Abgrunds sind starke Brustwehren angebracht, so daß hier, ungeachtet der erste Anblick der Straße Schauder erregt, überall für die größte Sicherheit der Reisenden gesorgt ist.

Auf das Diroccamento, welches ganz gemächlich und gleichförmig aufsteigt, folgt eine andere nicht minder merkwürdige Stelle, la Sponda lunga (die lange Brustwehr). Bevor man aber zu derselben gelangt, passirt man die zweite Cantoniera, wo sich zugleich eine Poststation befindet. Die Sponda lunga ist ein zwischen dem Adda-Thale und dem tiefen Val de´ Vitelli bergauf bis zum Gipfel steigender Felsenrücken, welcher nach oben zu immer breiter wird, so daß er ein Dreieck vorstellt, dessen Spitze nach unten gekehrt ist. Man überschreitet das Val de´ Vitelli auf einer steinernen Brücke, und steigt nun mittelst acht Windungen der Straße ganz gemächlich den Felsenkamm hinauf, bis zu einer Höhe, wo man nur unfruchtbares Gestein, aber auch das erste Casino de´ Rotteri (Hütte der Schneewegräumer) zu Gesicht bekommt; ein angenehmer Anblick für den Reisenden, dem es zur Beruhigung dient, in diesen öden Räumen der Schöpfung noch lebendige Wesen seines Gleichen zu finden. Diese Häuschen können nöthigenfalls auch Reisende aufnehmen.

Die Straße geht nun weiter bergauf, bis zur Bocca (Mündung) del Braulio, wo die Thalwände von beiden Seiten so eng zusammen stoßen, daß kaum ein schmaler Durchgang für die Straße bleibt. Diese geht hier, über eine hohe steinerne Brücke, vom linken aufs rechte Ufer, und zieht sich dann in schöner gerader Linie bis zum Piano (Ebene) di Braulio fort, einem Thalbecken mit vielen Vorsprüngen, und überall von schroffen Felsen eingeschlossen. Hier befindet sich die dritte Cantoniera, nebst zwei kleinen offenen Ställen, zur Unterkunft für die Heerden, welche im Sommer nach diesem Becken getrieben werden, um das wenige daselbst wachsende Gras abzuweiden.

Von hier geht die Straße noch eine Strecke in geraden Richtungen fort, und erreicht dann, mittelst zweier Windungen, das Joch oder den Paß von Santa Maria, von welchem ein Reitweg zum Dorfe gleichen Namens im Münster-Thale hinabführt. Bei diesem Passe steht die vierte Cantoniera, ein Post- und auch ein Mauthhaus **). Da das Adda-Thal hier zu Ende geht, und auf dem Kamm des Gebirges die Gränze zwischen dem Veltlin und der Schweiz (Graubündten) hinläuft, so mußte, um der Bedingung, kein fremdes Gebieth zu berühren, Genüge zu leisten, die Straße von hier wieder südwärts geführt werden. Sie erhebt sich also noch ungefähr 300 Metres, um ein Plateau, und hierauf das Stilfser Joch (Giogo di Stelvio) zu erreichen, welches unmittelbar über dem jenseitigen Tiroler-Thale gleichen Namens liegt. Hier ändert sich merklich die Beschaffenheit des Bodens; unter einer festen und dichten Kalkdecke findet man einen gänzlich zerfallenen Thonschiefer.

Zur Linken des Passes befinden sich die dreifachen Gränzen zwischen dem Veltlin, der Schweiz und Tirol; zur Rechten erheben sich die mit ewigem Schnee bedeckten Gipfel der Ortles-Spitze. Das Stilfser Joch liegt 2814 Metres (= 8663 P.F.) über dem Meere, und ist der höchste Punkt der Straße. Die berühmten Straßen über den großen St. Bernhard, den St. Gotthard und den Mont Cenis, erreichen diese Höhe nicht, und die beiden ersten sind überdieß nicht einmal für Wagen fahrbar ***).

*) Solcher Zufluchtshäuser befinden sich mehrere auf der Straße in gleichen Entfernungen von einander. Sie enthalten im Erdgeschoß einen großen Schwibbogen, unter dem die Straße durchgeht, eine Küche und Stallungen, im oberen Stockwerke ebenfalls eine Küche, einen gemeinschaftlichen heizbaren Saal nebst acht Zimmern. In diesen Häusern wohnen die Cantoniers, welche die Verpflichtung auf sich haben, sich mit Allem zu versorgen, was den Reisenden nöthig seyn kann, und thuen, mit Hülfe der, für den Straßendienst angestellten, ebenfalls hier wohnhaften Tagarbeiter, in Nothfällen Beistand zu leisten. Diese Häuser können an zwanzig Reisende, erforderlichenfalls auch mehr, beherbergen. - Sie haben auch Röhrbrunnen, zu welchen das Wasser aus benachbarten Quellen hingeleitet wird.

**) Diese Gebäude haben eine Meereshöhe von 2500 Metres (= 7700 P. F.), und liegen demnach beträchtlich höher, als das Hospiz von St. Gotthard, dessen Meereshöhe, nach Saussure, nur 2075 Metres (= 6388 P. F.) beträgt, und welches bisher als der höchste von Menschen bewohnte Ort in Europa betrachtet wurde.

***) Die Höhe des Stilfser Jochs ist hier zu 2814 Metres angegeben; nach Andern soll sie 2830 Metres (= 8712 P. F.) betragen. Hier folgen die Höhen der übrigen berühmten Alpenpässe:

Großer St. Bernhard . . . 2491 M. (7668 P. F.)

Kleiner - - . . . 2192 „ (6748 „ „ )

St. Gotthard . . . . . . . . . .2075 „ (6388 „ „ )

Mont Cénis . . . . . . . . . . 2066 „ (6360 „ „ )

Mont Genève . . . . . . . . 2033 „ (6258 „ „ )

Simplon . . . . . . . . . . . . . 2005 „ (6172 „ „ )

Splügen . . . . . . . . . . . . . 1925 „ (5926 „ „ )

Col di Tenda . . . . . . . . . 1795 „ (5526 „ „ )

Brenner . . . . . . . . . . . . 1420 „ (4371 „ „ )

Auch in diesem Monat

  • Der Bote für Tirol1830er5 Schlagwörter

    Die Alpenstraße über das Stilfser Joch

    Fortsetzung der detaillierten Beschreibung der Stilfser-Joch-Straße mit technischen Angaben zu Gefälle, Trassenführung, Kehren und Brücken von Bormio über Trafoi bis nach Mals. Erläutert werden zudem bauliche Besonderheiten wie Lawinengalerien und Entwässerungen sowie die militärische und verkehrstechnische Bedeutung des Alpenübergangs.

  • Der Bote für Tirol1830er5 Schlagwörter

    Die Alpenstraße über das Stilfser Joch: Der Abschnitt von Colico über Sondrio und Bormio bis ins Brauliotal

    Ausführliche topografische und bautechnische Beschreibung der neu errichteten Stilfser-Joch-Straße im Abschnitt durch das Veltlin von Colico über Morbegno, Sondrio und Tirano bis nach Bormio und in das Brauliotal. Neben Maßen, Steigungen, Brücken und der Bäder-Galerie werden auch örtliche Wirtschaftswege, geographische Begebenheiten und Hochwasserschutzmaßnahmen dargelegt.

  • Der Bote für Tirol1830er5 Schlagwörter

    Die Alpenstraße über das Stilfserjoch (Teil 1)

    Erster Teil einer Abhandlung über den Bau der neuen Alpenstraße über das Stilfserjoch zur Anbindung des Veltlins an die Lombardei und Tirol. Der Bericht schildert die verkehrspolitische Bedeutung des Projekts sowie den Straßenabschnitt von der Brücke bei Lecco entlang des Ostufers des Comer Sees bis nach Colico.

  • Der Bote für Tirol1830er6 Schlagwörter

    Die Alpenstraße über das Stilfser Joch (Schluss): Wirtschaft und Heilquellen des Veltlins

    Der abschließende Bericht zur Stilfserjoch-Straße beschreibt die natürlichen Ressourcen, Forsten und Bodenschätze des Veltlins sowie chemische Analysen der Thermalquellen von Bormio, Masino und Santa Caterina. Zudem werden die Viehzucht, die lokale Textilherstellung und eine neu errichtete Baumwollspinnerei in Chiavenna dargestellt.

1832 im Überblick

Das Jahr 1832 war geprägt von regionalen Berichten über Loyalitätskundgebungen und wohltätige Initiativen, insbesondere anlässlich des kaiserlichen Geburtstags und des 40-jährigen Regierungsjubiläums von Kaiser Franz I. in Bozen. Gleichzeitig dokumentierten ausführliche zeitgenössische Abhandlungen den Bau, die Technik und die wirtschaftliche Bedeutung der neu errichteten Stilfserjoch-Straße sowie angrenzende Regionen. Rückblickend wurden zudem lokale Ereignisse wie Brandkatastrophen und Statistiken aus dem Vorjahr behandelt.

Zitieren & Teilen

"Die Alpenstraße über das Stilfser Joch (Fortsetzung)." Der Bote für Tirol, 21. Mai 1832. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/21.05.1832/150878/4. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1832-05-21-die-alpenstrasse-ueber-das-stilfser-joch-fortsetzung