Die Alpenstraße über das Stilfser Joch
Fortsetzung der detaillierten Beschreibung der Stilfser-Joch-Straße mit technischen Angaben zu Gefälle, Trassenführung, Kehren und Brücken von Bormio über Trafoi bis nach Mals. Erläutert werden zudem bauliche Besonderheiten wie Lawinengalerien und Entwässerungen sowie die militärische und verkehrstechnische Bedeutung des Alpenübergangs.
Vollständige Transkription
Anhang.
Die Alpenstraße über das Stilfser Joch. 4/6
(Fortsetzung.)
Die Länge der Straße von Bormio bis zum Stilfser Joch ist 20,400 Metres (= 62,800 P. F.) Die Steigung beträgt in der Regel fünf bis sieben, nirgends über zehn Prozent; auch gibt es auf dieser ganzen Strecke keine Stelle, wo die Straße bergab ginge, und dann neuerdings steigen müßte. Die Zahl der Windungen ist acht und dreißig. Nur mittelst derselben war es möglich, den Höhen-Unterschied zwischen Bormio und dem Joche, welcher 1561 Metres (= 4814 P. F.) beträgt, auf eine horizontale Linie von 13,700 Metres (= 41,200 P. F.) gleich zu vertheilen.
Vom Stilfser Joche überblickt man ungefähr ein Drittel von der ganzen Länge des Stilfser- (Stelvio-) Thales, durch welches die Gewässer des Trafoi (Trafui), eines Nebenflusses der Etsch, hinströmen. Der Abgrund, welchen dieses Thal darbiethet, erscheint so groß, und der Eindruck, den zur Rechten die bis tief hinabreichenden Gletscher, und zur Linken die zertrümmerten Felsenmassen des steilen Abhanges auf die Einbildungskraft machen, ist so gewaltig, daß man es für unmöglich halten würde, hier hinab zu kommen, wenn man nicht zu gleicher Zeit die Fortsetzung der Straße erblickte, die sich auf der linken Seite in einer Menge Windungen hinunter dreht. Zwei und zwanzig solcher Windungen muß man beinahe ununterbrochen hinter einander zurücklegen, bevor man zu einem kleinen Stücke Wald gelangt, in welchem die Straße ihr Ende zu erreichen scheint. Etwa 1000 Metres vom Anfange des Absteigens befindet sich ein Casino (der Schneewegräumer), und zwischen der vierzehnten und fünfzehnten Windung ein zweites. Diese Hütten, in derer jeder drei bis vier Rotteri´s wohnen, sind bei schlechtem Wetter für die Reisenden sehr nützlich.
Nächst jenem Gehölz passirt man noch ein zweites, wo sich die erste Cantoniera auf dieser Straßenseite befindet. Sie liegt jenseits der dreißigsten Windung, dem Sulden gegenüber, einem Gletscher, der sich vom höchsten Gipfel der Orteles-Spitze in die Tiefe des Thales hinabzieht, und einen äußerst imposanten Anblick gewährt. Ungeheure Spitzsäulen, Ueberreste kolossaler Bollwerke der Natur, Felsentrümmer von allen Größen und Gestalten, Alles, was die Einbildungskraft nur ersinnen kann, erblickt man in diesen Eiswüsteneien. Denkt man sich hierzu noch die wunderbaren Wirkungen der Strahlenbrechung, welche die Gegenstände bald in einem Gemisch von Himmelblau und Grün, bald in tiefster Schwärze, bald in blendender Weiße darstellt, so wie den betäubenden Wiederhall der stürzenden Lawinen, so hat man eine Vorstellung von dem erhabenen Schauspiele, das die Natur in diesen Höhen darbiethet.
Die Straße geht nun immer weiter abwärts, und erreicht, nachdem sie mittelst einer steinernen Brücke das kleine Querthal des Tarsch überschritten hat, das Dorf Trafoi, welches zwar armselig genug, aber doch das erste ist, welches man von Bormio bis zu dieser Stelle antrifft. Das Klima ist hier schon beträchtlich milder. Die Straße geht noch immer bergab, bis sie, nach einer letzten Krümmung, den Boden des Thales erreicht, wo sie, regelmäßiger gerade ausgehend, am rechten Ufer fortgeführt ist. Sie übersetzt indessen noch drei Mal den Fluß, und erreicht hierauf die aus wenigen Gebäuden bestehende Mauth von Gomagai (Dazio di Gomagai), fast gerade der Mündung des Sulden-Thales gegenüber. Beide Gewässer vereinigen sich hier zum Bergstrome Sulden, und gehen in die Etsch. Die Straße setzt mittelst einer fünften Brücke, nicht weit von dem kleinen Dorfe Stilfs, von welchem der obere Theil des Thales und das Joch den Namen hat, wieder auf das rechte Ufer des vereinigten Stromes, und folgt den Krümmungen desselben bis zum Dorfe Schmelz, welches nahe bei der Mündung des Thales liegt.
Bei diesem Dorfe, 1837 Metres (= 5755 P. F.) tiefer als das Joch, und nur etwa 14,000 Metres (= 13,100 P. F.) in horizontaler Richtung davon entfernt, endigt das Absteigen der Straße. Man sieht, wie nöthig es war, die Zahl der Windungen bis auf acht und vierzig zu vermehren, um nirgends eine Steigung zu erhalten, die im schlimmsten Falle zehn Prozent (= 5° 42´38´´) überschritte. Außerdem sind die abschüssigen Stellen der Straße durch häufige wagrechte Absätze unterbrochen, wo die Lastthiere sowohl beim Hinauf- als Hinabfahren stehen bleiben und ausruhen können.
Bei dem Dorfe Schmelz erquickt sich der Reisende an dem Anblicke einer weiten Ebene und einer herrlichen Pflanzenwelt. Die Straße geht von hier, mitten durch Wiesen und Felder, meist gerade aus, bis zum Bivio (Gabeltheilung) di Pradt fort, wo sich ein Arm derselben links nach Agums, Glurns rc. abtrennt, die Hauptstraße aber über Pradt, und die über die Etsch führende Brücke von Spandinig bis nach Mals fortgeht, wo sie sich mit der großen Poststraße vereinigt, die einerseits nach Innsbruck, andererseits nach Botzen führt. Auf dem letzten Theile des Weges, welcher durch sumpfiges Weideland, über Kieslager geht, die der, oft die ganze Ebene bis zu seiner Mündung in die Etsch bedeckende Sulden abgesetzt hat, ruht die Straße auf einem Damme, welcher gegen die Beschädigungen des Wassers hinlänglich geschützt ist. Die Länge der Straße vom obersten Joche bis zum Bivio di Pradt beträgt 24,400 M. (= 73,114 P. F.) und von da bis zum Malser Posthause 3311 M. (= 10,193 P. F.), zusammen 27,711 M. (= 85,307 P. F.)
Die Bauart der Straße ist von Lecco bis Colico, und von Sondrio bis zur Etsch überall dieselbe. Die Breite der Chaussee beträgt 5 Metres (beinahe 15 ½ Par. Fuß), mit einer Wölbung von 1/32 bis 1/40 dieser Breite. Die Aufschüttung besteht theils aus gesiebtem Kies (Ghiaja vagliata), theils aus feingeschlagenen Bruchsteinen. Da, wo die Straße auf Felsenabhängen hingeht, sind gepflasterte Gräben zum Auffangen und Abführen des Wassers angebracht. An beiden Seiten sind überall, 5 Metres von einander entfernt, Pfähle von Lerchenholz gesetzt, welche 80 Centimetres (= 2 Fuß 5 ½ Zoll), an manchen Stellen, besonders wo Abhänge sind, auch wohl die doppelte oder dreifache Höhe haben, damit bei hohem Schnee die Straße überall kenntlich sey. An der Seite tiefer Thäler und Abgründe ist die Straße mit hölzernen oder steinernen Brustwehren eingefaßt. Die durch den Felsen gehauenen, sowie die aus Mauerwerk aufgeführten Gallerien haben zu beiden Seiten Rinnen, und wo sie beträchtlich lang sind, auch Oeffnungen, damit das nöthige Licht hereinfallen könne. Die zum Schutze gegen die Lawinen aufgeführten Gallerien sind, zum leichtern Hinabgleiten des Schnees, oberhalb der äußern Wölbung noch mit einem mehr oder weniger geneigten Dache versehen.
Da diese neue Straße durch das Veltlin vorzüglich in Kriegszeiten von großer Wichtigkeit seyn wird, so ist die Führung derselben an vielen Stellen rein militärischen Zwecken untergeordnet worden, und man hat, um gefährlichen Punkten auszuweichen, öfters die Fortführung in geraden Linien unterlassen, so sehr dieß auch zur Verschönerung der Straße beigetragen haben würde. Um an geeigneten Stellen den Feind durch Sprengung der Straße aufzuhalten, sind daselbst auch Minen angelegt worden.
Die Eröffnung der Straße geschah im Winter von 1824 auf 1825. Seit dieser Zeit ist sie die gewöhnliche Poststraße aus der Lombardei nach Tirol, Salzburg, Baiern, Würtemberg rc. Ihre Hauptrichtung von Südwesten nach Nordosten hat den Vortheil, daß der Wind nur höchst selten sie der ganzen Länge nach bestreichen kann, und von den heftigen Stürmen, die zuweilen alle andern Alpenstraßen so gefährlich machen, weiß man hier nichts. Für die Wegräumung des Schnees und die Offenhaltung der Schlittenbahn auf den höchsten Punkten der Straße sorgen die bereits erwähnten Rotteri und einige Soldaten-Abtheilungen, zu deren Unterkunft in geringer Entfernung vom Scheitelpunkt später eine Kaserne erbaut worden ist.
(Fortsetzung folgt.)
Auch in diesem Monat
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1832 im Überblick
Das Jahr 1832 war geprägt von regionalen Berichten über Loyalitätskundgebungen und wohltätige Initiativen, insbesondere anlässlich des kaiserlichen Geburtstags und des 40-jährigen Regierungsjubiläums von Kaiser Franz I. in Bozen. Gleichzeitig dokumentierten ausführliche zeitgenössische Abhandlungen den Bau, die Technik und die wirtschaftliche Bedeutung der neu errichteten Stilfserjoch-Straße sowie angrenzende Regionen. Rückblickend wurden zudem lokale Ereignisse wie Brandkatastrophen und Statistiken aus dem Vorjahr behandelt. →
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"Die Alpenstraße über das Stilfser Joch." Der Bote für Tirol, 24. Mai 1832. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/24.05.1832/150879/4. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1832-05-24-die-alpenstrasse-ueber-das-stilfser-joch