Die Alpenstraße über das Stilfser Joch: Der Abschnitt von Colico über Sondrio und Bormio bis ins Brauliotal
Ausführliche topografische und bautechnische Beschreibung der neu errichteten Stilfser-Joch-Straße im Abschnitt durch das Veltlin von Colico über Morbegno, Sondrio und Tirano bis nach Bormio und in das Brauliotal. Neben Maßen, Steigungen, Brücken und der Bäder-Galerie werden auch örtliche Wirtschaftswege, geographische Begebenheiten und Hochwasserschutzmaßnahmen dargelegt.
Vollständige Transkription
Anhang.
Die Alpenstraße über das Stilfser Joch. 2/6
(Fortsetzung.)
Hinter Colico tritt die Straße in das geräumige Adda-Thal, geht, die Ebene von Spagna und die Hügel von Montecchio, welche den Ausgang des Thales beherrschen, links lassend, durch die Dörfer Delebio, Rogolö und Cocio, und erreicht den Flecken Morbegno, welchen sie durchschneidet. Dieser letztere soll, der Sage nach, seinen Namen von den vielen Krankheiten haben, die ehemals daselbst herrschten. Dieß kann jedoch nur in sehr alter Zeit der Fall gewesen seyn, denn heut zu Tage ist nichts vorhanden, was die Lage des Orts ungesund machen könnte, und sowohl Einheimische als Fremde befinden sich hier sehr wohl. Zwei Saumpfade (Reitwege) gehen von Morbegno aus. Der eine führt gerade nach Chiavenna, und übersetzt die Adda mittelst der alten Brücke von Ganda. Der andere geht durch das Bitto-Thal ins Gebirge bis zu den Grenzen der Provinz Bergamo, und von da über das Hospiz San Marco bergab bis zum Dorfe dell´Olmo im Thale von Brembana, wo die neue Fahrstraße von Bergamo anfängt. Die eigentliche Hauptstraße von Chiavenna beginnt beim Dorfe Cosio, und erreicht dann erst Morbegno.
Von Morbegno an, läuft unsere neue große Straße am linken Adda-Ufer bis zum Dorfe Desco fort, wo sie den Fluß zum ersten Male übersetzt. Zwei andere Uebergänge sind in kurzer Entfernung davon, und dann bleibt die Straße am rechten Ufer bis zur Stadt Sondrio, dem Hauptorte des Veltlin. Von Colico bis hieher ist sie 45,575 Metres (= 140,301 P. F.), und geht im tiefsten Grunde des Thales mit so geringer Steigung fort, daß sie als ganz wagrecht betrachtet werden kann. Dieser vom Ingenieur Filippo Ferranti erbaute Theil der Straße hat 7 ½ Metres Breite, und wird durch mehrere Werke gegen die Ueberschwemmungen der Adda geschützt, welche nicht selten, wie z. B. 1809 und 1810, sehr verheerend sind. Das Veltlin genießt jetzt zum ersten Male der Wohlthat, eine für großes Fuhrwerk gangbare Straße zu haben, denn bisher konnte man nur mit sogenannten Carettinen und Sedien (kleinen zweirädrigen Einspännern), und auch da nicht ohne Gefahr hier fortkommen.
Von Sondrio, welches eine sehr angenehme Lage hat, und ebenfalls durch neuere Werke gegen die Adda-Fluthen geschützt worden ist, führt die Straße über San Giacomo und Tresenda zum Gnadenbilde der Madonna di Tirano, wo man zum Behuf der berühmten Messe, die jährlich hier statt findet, eine Halle erbaut hat. Hier setzt die Straße mittelst einer hölzernen Brücke von drei Jochen über die Adda, und erreicht Tirano am linken Ufer. Ein wenig vor dem erwähnten Gnadenbilde mündet sich das Thal von Poschiavo ein, welches von einem Gebirgsbache durchströmt wird, dessen Lauf jetzt ebenfalls mittelst neuer Arbeiten sehr geregelt worden ist. Eine für Wagen fahrbare Straße führt durch dieses Thal bis zur Schweizergränze. Tresenda gegenüber ist eine andere hölzerne Brücke über die Adda erbaut worden, welche die Hauptstraße mit einer Seitenstraße vereinigt, die unter dem Namen „der königlichen Straße dei Zappelli d´Aprica“ in das Thal Camonica, zur Provinz Bergamo gehörig, führt. Von Sondrio bis Tirano beträgt die Länge 26,629 Metres (= 81,977 P. F.). Zu beiden Seiten erblickt man an den Abhängen des Gebirges volkreiche Ortschaften, worunter der große Flecken Ponte, als Geburtsort des berühmten Astronomen Piazzi, besondere Erwähnung verdient.
Von Tirano steigt die Straße unmittelbar in das Thal Chiosa (Valchiosa) hinauf, tritt aber dann wieder ins Hauptthal zurück, geht über die Dörfer Lovero, Tovo, Mazzo, Grosotto, Grosio, Valladore, Mondadizza, San Pietro di Morignone und Tola, welche theils auf dem rechten, theils auf dem linken Ufer liegen, und erreicht, nachdem sie eine Strecke von 38,632 Metres (= 118,928 P. F.) durchlaufen, die Stadt Bormio ). Der eigentliche Fahrweg hat 5 Metres Breite, und die Neigung beträgt 5 oder 6 pC., bloß im Chiosa-Thal ausgenommen, wo sie 7 pC. ist *). An mehrern Stellen geht die Straße weit in gerader Linie fort, z. B. von Grosotto bis Grosio, auf eine Strecke von 1600 Metres (= 4926 P. F.). Die Adda übersetzt sie auf vier Brücken; auch über den Wildbach Rovasco bei Grosotto, und über den Trodolfo, kurz vor Bormio, waren noch zwei nöthig; sie sind zwar sämtlich nur von Holz, haben aber sehr dauerhafte gemauerte Uferpfeiler. Hinter Mondadizza waren ehemals die Gränzen zwischen dem Veltlin und der Grafschaft Bormio, welche große Privilegien besaß. Das an dieser Stelle sehr schmale Thal war mit einer Mauer verschlossen, durch welche ein Thor ging. Wahrscheinlich kommt daher der Name Serra, den das Thal noch in seinem obern Theile führt.
Die alte und große Häusermasse Bormio liegt am äußerten Ende eines weiten Gebirgskessels, des Piano di Bormio, in welches sich vier Seitenthäler der Adda münden, nämlich im Osten das Furba-Thal, aus dem der Trodolfo kommt, in Westen die Thäler Pedenos und Fraele, und in Nordwesten das Ombralio- oder Braulio-Thal. Letzteres ist die Fortsetzung des großen Adda-Thales. Durch das Thal von Pedenos führt ein für Reiter gangbarer Weg nach Livigno, und ein Zweig desselben durch das benachbarte Thal von Fraele über Valmora nach Graubündten.
Die Strenge des Klimas von Bormio, der spärliche Pflanzenwuchs, welcher auf Heu, Roggen und Erdäpfel beschränkt ist ***), die kahlen und hohen Felsen nach allen Seiten, endlich die Gletscher des Pizzalino und Monte Cristallo im Osten, scheinen hier allen weitern Verbindungen Gränzen zu setzen. Indessen steigt unsere neue Straße, nachdem sie Bormio der ganzen Länge nach durchschnitten, dennoch über diese Felsenmassen empor, und erreicht, mittels an schicklichen Orten angebrachter Windungen, und von alten Ablagerungen begünstigt, die aus dem Val di Campello, einer ungeheuren Bergschlucht, hier zusammengehäuft worden, die Höhe des Thals. Kurz vor den warmen Mineral-Bädern hatte man eine doppelte Schwierigkeit zu überwinden, welche einerseits ein breiter und tiefer Spalt, andererseits ein gleich darauf folgender, senkrecht emporsteigender sehr hoher Felsen in den Weg legten. Man entschloß sich, eine hölzerne Brücke mit trockengemauerten Widerlagen über den Abgrund zu schlagen, und den Felsen mit einer Gallerie zu durchbrechen. Die Brücke hat eine Bogenweite von 26 ½ Metres, 4 Metres Breite für die Fahrstraße, und 13 Metres Höhe über der Tiefe des Spaltes. Die Gallerie ist 40 Metres lang, 4 1/5 Metres breit, und eben so hoch. Sie heißt die Bäder-Gallerie, von den benachbarten, schon seit dem fünften Jahrhunderte berühmten warmen Bädern.
Hinter diesen Bädern geht die Straße eine Strecke in kleinen Krümmungen fort, bis zu einer Stelle, wo sie sich rechts wendet, und in das schmale und wilde Braulio-Thal tritt, in dessen Tiefe die Wasser der Adda sich in Kaskaden hinabstürzen. Links von dieser Stelle befindet sich der Eingang des mit großen Lärchen- und Fichtenwäldern, welche das zum Straßenbau nöthige Zimmerholz geliefert haben, eingefaßten Fraele-Thales. Auf dieser Seite ist auch die sogenannte Adda-Quelle (Fonte di Adda), ein Felsenloch am Fuße des Berges, aus dem ein nie versiegender Wasserstrahl hervordringt, welcher nach der gewöhnlichen Meinung aus dem kleinen See von Fraele kommt. Alle übrigen obern Zuflüsse der Adda sind Schnee- und Gletscherbäche. Im Fraele-Thale ist auch eine reiche Eisengrube, die zum Bezirk von Bormio gehört. (Fortsetzung folgt.)
*) Diese Stadt heißt auch Worms, und das Stilfser Joch wird nach ihr von Vielen das Wormser Joch genannt.
**) Eine Steigung von 6 pC. entspricht dem Winkel von 3° 26´ 1´´, eine von 7 pC. dem von 4 ° 0´44´´.
***) Der Honig von Bormio ist jedoch ein sehr gesuchter Handelsartikel.
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"Die Alpenstraße über das Stilfser Joch: Der Abschnitt von Colico über Sondrio und Bormio bis ins Brauliotal." Der Bote für Tirol, 17. Mai 1832. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/17.05.1832/150877/4. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1832-05-17-die-alpenstrasse-ueber-das-stilfser-joch-der-abschnitt-von-colico-ueber-sondrio-