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Die Alpenstraße über das Stilfserjoch (Teil 1)

Zusammenfassung

Erster Teil einer Abhandlung über den Bau der neuen Alpenstraße über das Stilfserjoch zur Anbindung des Veltlins an die Lombardei und Tirol. Der Bericht schildert die verkehrspolitische Bedeutung des Projekts sowie den Straßenabschnitt von der Brücke bei Lecco entlang des Ostufers des Comer Sees bis nach Colico.

Vollständige Transkription

Anhang.

Die Alpenstraße über das Stilfserjoch*) 1/6

(Aus J. G. Sommer´s Taschenbuch zur Verbreitung geographischer Kenntnisse für das Jahr 1832.)

Die topographische Wichtigkeit des Veltlin (die Valtellina) oder Adda-Thales, in Beziehung auf das Königreich der Lombardei, und die Menge von Verbindungsstraßen, die nach demselben wie einem gemeinschaftlichen Mittelpunkte, hinführen, erregten vom ersten Augenblicke an, wo die Staaten Oberitaliens wieder unter österreichische Herrschaft kamen, die Aufmerksamkeit Sr. Majestät, unsers erhabenen Monarchen. Ungeheure Summen wurden auf die Verbesserung der Landstraßen dieses Königreichs, und auf mancherlei Arbeiten verwendet, welche die durch zahlreiche, von den Gebirgen herabstürzende Wildbäche bedrohten Wohngebäude zu schützen bestimmt waren. Die treffliche und prachtvolle Straße von Chiavenna über den Splügen nach dem Dorfe gleichen Namens in der Schweiz, wo sie sich mit der aus dem Rheinthale nach Chur führenden Straße vereinigt, war eine der ersten Unternehmungen dieser Art. Aber es fehlte noch an einer Verbindung zu Lande zwischen dem Veltlin und dem Flachlande der Lombardei. Man überzeugte sich, daß eine solche Straße, einmal hergestellt, sich mit der über den Splügen vereinigen lassen, und, indem sie das Adda-Thal hinauf stiege, auch eine unmittelbare Verbindung zwischen Mailand und Tirol bewerkstelligen würde. Um diesen Zweck zu erreichen, bewilligte die Regierung sogleich, mit der größten Freigebigkeit, die erforderlichen Summen.

Der Entwurf zu diesem neuen Unternehmen begegnete mancherlei Schwierigkeiten, in Beziehung auf die Naturbeschaffenheit der Gegend, durch welche die Straße führen sollte, unabhängig von mehrern andern Forderungen, welchen entsprochen werden mußte. Außerdem, daß die Straße eine solche Breite und Steigung haben sollte, daß sie für Lastwagen und Militär-Transporte fahrbar würde, sollte sie auch, so viel als möglich, schicklich vertheilte Stationen darbiethen, und durch kein Hinderniß unterbrochen werden, welches eine Veränderung des Transport-Mittels nöthig machte; endlich sollte sie auch durchaus auf österreichischem Grund und Boden bleiben. Zur Erreichung dieser Zwecke, besonders des letztern, welche unstreitig den Hauptvorzug einer großen Nationalstraße ausmacht, war es nothwendig, den Gebirgskamm von Stilfs (Stelvio) zu durchschneiden, wodurch die Straße auf eine Höhe geführt wurde, den keine andere bisher erreicht hat, nämlich, bis 260 Metres (= 800 Par. Fuß) über die Schneegränze **).

Die neue Straße beginnt bei der Brücke von Lecco ***). Diese Brücke verbindet die beiden Ufer des östlichen Armes vom Lario- oder Lecco-See, welcher, obwohl von beschränktem Gebrauch, dennoch das vornehmste Glied in der Verbindungskette zwischen dem Herzen der Lombardei und dem Veltlin, der Schweiz, Tirol, Deutschland und Oesterreich ist. Am Anfange der Brücke, auf dem rechten Ufer, dem Laufe des Wassers folgend, findet man zwei Straßen, von welchen die obere von Como her, und von den reitzenden Hügeln der Brianza kommt, die untere über Monza, Osnago, Olginate rc. geht, und die Poststraße von Mailand nach Lecco ist. Die letztere hat eine Länge von 54,929 Metres (= 169,097 P. F.) Jenseits der Brücke, am linken Ufer, geht eine dritte Straße durch das Thal St. Martin nach Bergamo, während die eben erwähnte zweite, in entgegengesetzter Richtung fast unmittelbar nach Lecco führt. Dieser große und wohlhabende Marktflecken, mit einem alten, sonst festen Schlosse, welches an die bürgerlichen Kriege des Mittelalters erinnert, ist heut zu Tage wegen seiner Eisenwaaren-Fabriken und Seidenspinnereien berühmt. Die Umgebungen sind sehr fruchtbar, und gewähren durch die Bequemlichkeiten aller Art, die der Flecken darbiethet, einen sehr angenehmen Aufenthalt.

Von Lecco an führt die neue Straße ohne Unterbrechung, bald näher, bald ferner, am östlichen Ufer des Sees hin, geht durch die Dörfer Abbadia, Fonzanico, Olcio, Lierna, Varena, Bellano, Dervio und Coreno, und erreicht, nachdem sie eine Strecke von 41,790 Metres (= 128,650 P. F.) durchlaufen, den Flecken Colico, am nördlichsten Fuße des Berges Legnone und am obersten Ende des Lario-Sees. Colico hat einen weiten und bequemen Hafen, steht aber in üblem Rufe wegen seiner ungesunden Lage, indem die Mündung der Adda hier ungeheure Sümpfe macht. Indessen hat die Betriebsamkeit einiger Einwohner schon einen großen Theil derselben in fruchtbare Felder verwandelt, und die noch an der Adda vorzunehmenden Arbeiten, zur Verbindung der neuen Straße mit der über den Splügen, werden bald alles Uebrige wegräumen, was den Ort noch ungesund macht, so daß er in wenig Jahren ein bedeutender Stapelplatz sowohl für den Land- als Wasserhandel seyn wird. Uebrigens war die Straße von Lecco nach Colico 1827 erst auf eine Länge von 14,525 Metres (= 44,715 P. F.), bis jenseits des Sasso d´Olcio fertig, indem der Hauptbau zunächst im schwierigsten und wichtigsten Theile, im Adda-Thale und Hochgebirge, vorgenommen werden mußte.

Der Sasso d´Olcio ist eine beträchtliche Masse hoher Berge an der Südwestseite des Sassina-Thales, welche längs dem See ein schroffes und unzugängliches Ufer von 880 Metres (= 2709 P. F.) Länge bilden. Dieser aus unregelmäßig, fast senkrecht geschichtetem Kalkschiefer bestehende Fels ist an vielen Stellen bis zu ansehnlicher Höhe gesprengt, und die Straße längs dem See durch große Mauern unterstützt worden, welche bis auf den Grund des Wassers reichen, und hier auf demselben Kalkschiefer ruhen. Auf andern Punkten hat man drei Gallerien durch den Felsen gehauen, die zusammen 120 Metres (= 370 P. F.) Länge, 4 ½ M. Breite, und eben so viel Höhe haben. Auf diese Art ist es gelungen, die größtmögliche Raumersparung mit der Festigkeit und Sicherheit der Straße zu vereinigen. Der größere Theil dieser Strecke hat eine sehr angenehme, stets abwechselnde und immer reitzendere Aussichten gewährende Lage. Sie folgt fast immer den Krümmungen des Seeufers, jedoch so, daß sie häufig in gerader Linie fortgeht. Die Höhe beträgt nirgends weniger als einen Metre über den höchsten Wasserstand, und die Breite ist durchgängig fünf Metres. Die Steigung beträgt im Allgemeinen drei bis vier Metres auf 100 Metres Länge, bloß einige wenige, aber nur kurze Strecken ausgenommen, wo sie bis auf fünf Prozent geht ****). (Fortsetzung folgt.)

*) Nach einem Aufsatze in der Biblioteca italiana, Jahrg. 1827, Märzheft, S. 353 u. ff., welchen das Bulletin des Sciences géographiques etc., 1830, Februarheft, S. 247 u. ff. mittheilt.

**) Die Schneegränze befindet sich, unter der geographischen Breite jener Gegenden, in einer Höhe von 2550 Metres (= 7815 P. F.) über dem mittelländischen Meere.

***) Die Brücke von Lecco ist ein Werk des vierzehnten Jahrhunderts, hat 128 Metres Länge, und besteht aus 10 gemauerten Bogen.

****) Eine Steigung von drei Prozent entspricht einem Winkel von 1 Grad 43´ 6´´, vier Prozent = 2° 17´26´´ und fünf Prozent = 2° 51´ 44´´; diese Steigung ist folglich äußerst gering, und erreicht noch lange nicht das Maximum von 4° 46´, über welches z. B. in Frankreich die Steigung der Heerstraßen nicht hinausgehen darf. Auf einem Abhange von 15° kann schon kein Wagen mehr fahren; einer von 37° ist zu Fuße beinahe unzugänglich, wenn der Boden nackter Felsen oder so fester Rasen ist, daß man keine Stufen eingraben kann. Die geneigteste Ebene, welche man in einem lockern Boden ersteigen kann, ist 4°. (Man sehe v. Humboldt´s Reise in die Aequinoktial-Gegenden rc. Bd. I. S. 224).

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"Die Alpenstraße über das Stilfserjoch (Teil 1)." Der Bote für Tirol, 14. Mai 1832. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/14.05.1832/150876/4. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1832-05-14-die-alpenstrasse-ueber-das-stilfserjoch-teil-1