Das Meraner Schützenfest und das Konzert von Joseph Netzer
Bericht über das große Landesschießen in Meran im Beisein von Erzherzog Johann sowie über ein Festkonzert des Tiroler Komponisten Joseph Netzer. Die Schützenbeteiligung übersteigt 1500 Teilnehmer, woraufhin der Schießbetrieb verlängert wird.
Vollständige Transkription
Oesterreichische Monarchie.
Meran, 27. Mai. (Korresp.) Als die Vorbereitungen zu dem großen Schützenfeste getroffen wurden, kam der Tonkünstler Joseph Netzer nach Meran. Er ließ sich durch seine Freunde bereden, ein Konzert zur Zeit des Schützenfestes zu geben. Herr Netzer traf bei Eröffnung des Schießens ein, und löste das gegebene Wort. Allgemeinen Beifall fand die Nachricht, daß das Konzert nur von tirolischen Kräften ausgeführt werden sollte, im Einklange mit der ausgesprochenen Ansicht des Erzherzogs, der nur Tiroler und Vorarlberger zu seinem Feste geladen wissen wollte. So blieb der tirolische Charakter der Festfeier rein gewahrt.
Das Publikum lernte Herrn Netzer als ausgezeichneten Kompositeur, als umsichtigen, rastlosen Direktor des Orchesters, der die vorhandenen Kräfte klug zu benützen verstand, und selbst als ausübenden Künstler im Pianoforte-Spiel bei Begleitung der Gesangstücke kennen und schätzen.
Die ausübenden musikalischen Kräfte kamen dem Herrn Netzer mit großer Bereitwilligkeit entgegen, mit Aufopferung von Zeit und Kraft. Die Herren Eberle und Rapp aus Kaltern, Knoblach, Kapeller und Rungaldier aus Bozen folgten mit Vergnügen der Einladung des berühmten Landsmannes. Die Kunde von diesen Konzertvorbereitungen verbreitete sich überall und zog zahlreichen Besuch, besonders aus Bozen heran. Der Konzertsaal des Herrn Jordan war überfüllt. Erzherzog Johann beehrte das Konzert mit seiner Gegenwart und wurde mit einem lauten Lebehoch empfangen. Die vorgetragenen Stücke waren, bis auf drei, Kompositionen des Konzertgebers.
Die Schützenfreuden von Gänsbacher, zwei Lieder, vorgetragen von Frau Lentner, ein Solo für die Violine von Kreuzer, vorgetragen von Herrn Glanzl, Harkons Lied, gesungen von Herrn Schwab, das „Ringlein,“ ein Duett, gesungen von Fräulein Blanka v. Gasteiger und Frau Lentner u. endlich die Ouverture zum Drama Isfendiar, bildeten die erste Abtheilung. Die zweite Abtheilung begann mit der Ouverture zu Prometheus von Beethoven, dieser folgten drei Lieder, Lied aus der Ferne, die Schifferin, und der Abschied, theils von Fräulein Blanka v. Gasteiger, theils von Frau Lentner gesungen.
Herr Professor Peter Wiesler und Gustav Schwab trugen die Lore-Ley vor. Herr Kostner spielte bei diesem Duett die Parthie der Klarinette. Eine Konzert-Ouverture in Es schloß die Reihe der Stücke.
Se. kaiserl. Hoheit Erzherzog Johann sprach seine Zufriedenheit in recht freundlichen Worten gegen Herrn Direktor Netzer aus. Rauschenden Beifall zollte dem Konzerte die ganze Versammlung.
Bei den Gesangpartien hörten wir manche schöne Stimme. Hr. Gustav Schwab hat noch etwas mehr als eine gute Schule, sein Organ ist umfangreich, kräftig, weich und lieblich; es klingt aus der Brust wie voller Glockenton. Für Damen ist die Versuchung höchst gefährlich, nicht der Gunst, sondern der Kunst zu dienen, und in dem Haschen nach der Gunst die schlichte Natürlichkeit einzubüßen. Die Sängergabe des Fräuleins Blanka v. Gasteiger ist von dieser Unnatur noch unentweiht; die Lieder, welche sie mit klangvoller Stimme vortrug, flossen aus anspruchsloser Seele und gewannen an Zauberreiz, wie z. B. das Lied „der Abschied.“ Die schöne Altstimme der Frau Lentner sprach besonders in den tiefen Tönen sehr an. — Wie wir hören, wird Herr Netzer auch in Bozen ein Konzert veranstalten.
— Gestern Abends wurden die Schützen aus Dornbirn von Dr. Lentner eingeführt. Heute Morgens zog eine Gesellschaft von Schützen aus Pusterthal ein. Dr. Theiner, welcher diese Gesellschaft zu empfangen hatte, vermied es, altes Stroh zu dreschen, und wußte seiner Ansprache frisches Leben durch Anspielung auf die Erlebnisse der Pusterthaler in den Kriegsjahre zu geben. — „Auf dem First unseres Schießstandes steht der Wahlspruch des unbesiegten Tirolers: Für Gott, Kaiser und Vaterland! Pusterthaler! Wie jeder ächte, kernhafte Tiroler, so dürft Ihr mit vollem Rechte diesen Wahlspruch in Eurem Munde führen. Wir mögen Euer Thal von einem Ende bis zum andern, von der Mühlbacher bis zur Lienzer Klause durchwandern, wir mögen die alte und neue Zeit über Euch befragen, so begegnen uns überall eben so viele Spuren Eurer Tapferkeit, als Feinde den heutigen Boden des Pusterthales betreten haben. Die Begeisterung und den Todesmuth habt Ihr aus einzig wahrer Quelle, aus der Kirche zum heiligen Kreuze auf der Frohnwiese bei St. Lorenzen geholt. Die Jahre 1797, 1809 und 1813 in der Mühlbacher Klause beweisen, daß Euer Muth durch Gebet gekräftigt und gehoben, kein leeres Strohfeuer gewesen ist. Je weiter wir im Pusterthale hinunter gehen, desto siegreicher war die Trutzfeder, welche Ihr auf den Hut gepflanzt, welche die Fremdlinge Euch noch nie vom stolzen Hute genommen. General Toubert mußte 1797 umkehren, bevor er die Höhe des Toblacher Feldes erreicht hatte. Kein besseres Schicksal erfuhr General Ruska, als er 1809 den freien und treuen Tirolern die Ketten seines Herrn bringen wollte. Eine Handvoll Sextener Schützen standen an der Lienzer Klause, tödteten ihm 700 seiner Leute, und wiesen ihm den Weg: Er kam mit verstärkter Macht wieder, übermannte Euch und drängte Euch auf die Seite; allein wie die Wogen hinter dem Schiffe zusammenschlagen, so reichten sich die Schützen wieder die Hand, und schnitten dem feindlichen Heere unter Broußler den Rückweg ab, so daß er nicht vor, noch rückwärts könnte. Der Feind hatte damals nicht viele Verwundete zu pflegen, da Eure Kugeln Wenige streiften, sondern das Herz der Feinde trafen. Ihr wißt das Sprichwort: Der Ast fällt nicht weit vom Stamm. Darum sehe ich an Euch die edlen Söhne braver, tapferer Väter. Wie diese in das Herz der Feinde geschossen, so gehet hin und seid nicht schlechter; schießt in das Schwarze, in das Centrum, daß die Alten der Jungen sich freuen. Glückauf zu diesem Schützengange!“
Wie man hört, freuten sich die Pusterthaler dieser Ansprache, auf die sie ein Recht hatten.
Die Zahl der eingeschriebenen Schützen überschreitet 1500. Es geht ein gewaltiges Drängen u. Wogen von Schützen in den buntesten Trachten durch die geräumigen Hallen des Schießstandes, und zeigt von der kriegerischen Kraft des Volkes. — Keine Unordnung, nicht die geringste Störung trübte bisher das vielbesuchte Schützenfest. Es verletzt und berührt die Tiroler etwas unangenehm, daß immer und überall, auf allen Wegen und Stegen die neue Sicherheitswache erscheint und eingreift, wo nichts zu thun, und ordnet, wo nichts zu ordnen ist. Indessen die Leute sind gescheidt, und lassen sich hin und her kommandiren, wie wenn sie in der Linie stünden. — Es erfreute alle Schützen, als ein Italiener, den 2 Schwarzschüsse zu einem Stechschusse berechtigten, das Centrum auf dem Kranze hinausschoß. — Im Vorbeigehen gesagt hat das Fest viele alte Wunden zwischen Süd- und Nordtirol geheilt, vieles versöhnt und geeint, was zerrissen war.
Meran, 28. Mai. Gestern Abends 7 Uhr war der Kasseschluß für die Haupteinlagen. Die Listen wiesen 1563 Schützen nach. Da die früher festgesetzte Frist für diese große Zahl der Einlagen nicht ausreicht, so wurde das Schießen bis auf Samstag 31. Mai verlängert. Mit dieser Bekanntmachung wurde zugleich das Schreiben des Feldmarschalls Radetzky verlesen, der sich entschuldigt wegen der dringenden Arbeiten der Einladung zu dem Schützenfeste in Meran nicht folgen zu können. Nach dieser Eröffnung wurden die 4 letzten Radezkyschüsse zu Gunsten des Invalidenfondes versteigert. Den ersten ersteigerte die Gräfin von Meran um 15 fl. CM., den zweiten Hr. Ganahl von Feldkirch um 14 fl. CM., den dritten Hr. Vital aus Pusterthal um 10 fl. CM., den vierten Hr. Friederich von Hopfgarten um 8 fl. 30 kr. CM.
Das Schießen beginnt seit ein paar Tagen um 6 Uhr früh, und geht ohne Rast vorwärts. Auf den Hauptständen allein waren heute zu gleicher Zeit 300 Stutzen aufgestellt.
Auch in diesem Monat
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"Das Meraner Schützenfest und das Konzert von Joseph Netzer." Der Bote für Tirol, 30. Mai 1851. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/30.05.1851/153411/1. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1851-05-30-das-meraner-schuetzenfest-und-das-konzert-von-joseph-netzer