Zurückweisung und Ankauf der Kruzifixe von Franz Pendl für die Londoner Weltausstellung
Die Wiener Prüfungskommission für die Londoner Weltausstellung von 1851 lehnt zwei kunstvoll geschnitzte Kruzifixe des Meraner Bildhauers Franz Pendl ab. Der renommierte englische Architekt Augustus Welby Pugin erfährt von der Abweisung und erwirbt die Werke umgehend für 25 Pfund Sterling als Anschauungsobjekte für Londoner Kunststudenten.
Vollständige Transkription
Oesterreich.
Meran, 1. Mai. (Aus der Tiroler Schützenztg.) Da Meran in Tirol und bekanntlich Tirol auch in der Welt und respektive sogar im Kaiserthume Oesterreich liegt, Oesterreich aber nach dem Maße seiner Geltung in der Welt sich bei der Londoner Weltausstellung auch möglichst würdig vertreten sehen möchte, so erging auch an unsern alten tüchtigen Bildhauer Pendl wie von andern Seiten, so auch von Wien aus die wiederholte Aufforderung, sich an dieser Ausstellung zu betheiligen. Pendl, sonst mit Bestellungen überhäuft, gab endlich dem unablässigen Drängen nach und wählte zur Ausführung jenen Gegenstand, der ihm bisher nicht nur in Deutschland, sondern auch in Italien und selbst in England am meisten Anerkennung als Künstler erworben hat, nämlich das Bild des Gekreuzigten, und zwar in zwei Exemplaren. Das eine ward aus Buchs geschnitten mit gothischem Kreuz und Postament von Nußbaumholz, alles ohne Fassung; das andere von Zirblholz mit Baumkreuz; durchaus nach der Natur gefaßt. Beide Stücke waren mit außerordentlichem Fleiß ausgeführt, und wurden allgemein für sehr gelungen angesehen, so daß man sich mit der Hoffnung schmeichelte, selbe dürften dem „Landl“ auch in der Weltstadt eben keine Schande machen. Da hatten wir dumme Tiroler-Patrioten, obgleich sonst gewöhnt das Schwarze, und wenn´'s sein muß, auch das Zentrum zu treffen, ganz und gar die Scheibe gefehlt. Denn wie die Kruzifixe zur Prüfungs-Kommission für die Londoner Ausstellung nach Wien kamen, so bestand der liebe Herrgott die Prüfung nicht; es erging ihm wie einst bei Herodes: Er hat selbige Wiener-Prüfungs-Kommission nicht angesprochen und wurde daher als „zur Ausstellung nicht geeignet” zurückgewiesen, und dann wieder hingeschickt, wo Er her war. „Zu einer Ausstellung des österreichischen Kaiserstaates,” so äußerte sich selbige Kommission allergnädigst, „würden sie diese Kruzifire ohne Anstand zulassen; aber deren Einsendung zur Londoner Weltausstellung könnte sie nicht auf sich nehmen, indem nach dem bezüglichen Programm dort nur Gegenstände von hohem Kunstwerthe, neue, besonders sinnreiche Erfindungen oder Objekte, die sich durch besondere Wohlfeilheit empfehlen, aufgenommen werden dürften.” Um nicht unrecht zu sein, muß man freilich gestehen, daß diese Erfordernisse den Pendlischen Kruzifixen insgesamt abgehen. Denn der Gegenstand ist leider keine Pendlische, noch weniger aber eine „neue Erfindung; um seiner Arbeit einen „hohen Kunstwerth” zu vindiziren, hatte der ehrliche Pendl unterlassen, die Ziffer der dafür angesetzten Sterlinge mit einigen Nullen zu accompagniren, und „besondere Wohlfeilheit” mochte man für ein so größtentheils überflüssiges Meubel doch auch nicht herausfinden. Daß aber diese Zurücksetzung den guten Pendl nichtsdestoweniger schmerzte – wer wird es ihm verargen?! – Doch vernehmen Sie weiter! Durch einen guten Freund Pendls fand die Nachricht dieses seines unangenehmen Erlebnisses sogleich den Weg nach England. Kaum hatte dort Pugin, der berühmte Architekt, dem die herrlichsten gothischen Bauwerke unserer Zeit ihr Dasein verdanken, davon vernommen, so ward Pendl unverzüglich ersucht, ihm die in Wien verschmähten Kruzifixe und zwar um jeden Preis zukommen zu lassen. Dieselben hatten dem zufolge ihren traurigen Rückweg von Wien nach Meran noch nicht vollendet, als ihnen plötzlich die Direktive nach England gegeben wurde, und sie hatten noch nicht Albions Boden erreicht, so wurden dem freudig überraschten Pendl schon 317 fl. C. M. als Aequivalent der dafür verlangten 25 Pfund Sterlinge auf die Hand gezählt. – Ob Pugin diesen Werken eines tirolischen Künstlers, den er schon seit längerer Zeit zu schätzen weiß, vielleicht neben den vielberühmten Wiener Meubels ein bescheidenes Plätzchen im Londoner Kristallpalaste zu erbitten für gut finden wird, das weiß ich nicht, das aber weiß ich, daß er selbe in der dortigen Akademie der bildenden Künste als Meisterwerke den englischen Kunsteleven zu Vorbildern aufzustellen Willens ist.
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"Zurückweisung und Ankauf der Kruzifixe von Franz Pendl für die Londoner Weltausstellung." Tiroler Zeitung - Wochenblatt für Katholiken, 11. Mai 1851. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/21006/1/11.05.1851/210987/1. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1851-05-11-zurueckweisung-und-ankauf-der-kruzifixe-von-franz-pendl-fuer-die-londoner-weltau