Bozner ZeitungOriginalquelle ansehen

Die Regulierung der Etsch

Zusammenfassung

Die Bozner Zeitung beleuchtet die jahrzehntelangen Schwierigkeiten und die jüngsten ministeriellen Maßnahmen zur Regulierung der Etsch zwischen Meran und der venetianischen Grenze. Neben technischen Plänen nach Florian Pasetti werden staatliche Finanzhilfen sowie die Verknüpfung des Hochwasserschutzes mit dem geplanten Eisenbahnbau von Verona nach Bozen hervorgehoben.

Vollständige Transkription

Etschregulirung.

Die Etschregulirung ist ein so altes und tief gefühltes Bedürfniß, daß Niemand in Südtirol ist, dem seine Bedeutung und die Opfer unbekannt wären welche Volk und Regierung darbrachten, um den Uebertritten des Flusses und den verderblichen Folgen davon zu begegnen. Seit mehr als 30 Jahren thaten sich die Gemeinden vom Stadtgebiete Bozen bis an die Gränze des Kreises in Bauvereine (Leegen) zusammen und Hunderttausende von Gulden wurden auf Durchstiche und Uferbauten verwendet. Allein der Erfolg entsprach bisher nur sehr ungenügend den gehegten Erwartungen.

Zwei Ursachen waren es vorzüglich welchen das Mißlingen der großen Anstrengungen beizumeßen ist: der Mangel eines die ganze Regulirungslinie umfassenden zweckmäßigen Bauplanes*) und die Opposition in den italienischen Kreisen des Landes und im Venetianischen gegen die beabsichtigte Etschleitung. Die wenig gegründete Besorgniß von Gefahren und Nachtheilen aus einer Geradeleitung des Etschflusses für die nur mittels kunst- und kostenreicher Dämme geschützten italienischen Fruchtgefilde hinderten die Zustandebringung eines gedeihlichen Bausystems wie der Mittel zur Bestreitung der ungeheuern Auslagen, die es zu erfordern schien. Die Folge war ein nicht selten dem Zwecke widersprechendes Bauverfahren in den verschiedensten Flußstrecken und eine erschöpfende Zersplitterung der Kräfte. Natürlich konnte auf solche Weise keine gründliche Abhilfe geschaffen werden. Ungeachtet die Leegen und Gemeinden durch kostspielige Uferversicherungen sich ökonomisch verbluteten, Bereitwilligkeit und Fleiß, ja selbst Gesundheit und Wohnlichkeit mancher Ortschaften merklich dahin siechten, blieb doch der alte Uebelstand und wuchs endlich zu einer beunruhigenden Höhe.

Auf wiederholte dringende Vorstellungen der Stände des Landes welche die Etschfrage als eine Angelegenheit der ganzen Provinz erklärten, nahm sofort noch in der vormärzlichen Periode die Regierung sich der Sache ernstlich an; es wurde der schon im Jahre 1826 bestimmte Beitrag des Staates zu den Baukosten von jährlich 30,000 fl. mit einer angemessenen Erhöhung laut a. h. Entschließung vom 12. Dezember 1846 neuerdings zugesichert und eine Konkurrenz des Landes für das große Werk in Anspruch genommen. Der frühere Adjunkt der Venediger Oberbaudirektion Florian Pasetti hatte bereits im Jahre 1845 den Auftrag erhalten, die Regulirung der Etsch in der Strecke von Meran bis zur Gränze des venetianischen Königreiches durch genaue Ortshebung zu entwerfen und zu begutachten. Nach seinem Berichte welchen er den 14. Dezember 1845 an die Hofkanzlei erstattete, erscheinen die Novak´schen Bauanträge zur Regulirung der Etsch in den wesentlichen Punkten ganz entsprechend. Es kommt nicht darauf an, die tirolische Etsch nach ihrer ganzen Länge in eine beständige gerade Linie wie in einen Kanal einzuzwängen, sondern es handelt sich darum einige spezielle Strecken zu verbessern, da der Lauf des Flusses in den verschiedenen Abtheilungen nach Maßgabe der Veränderung des Gefälles, der Breite und der Hindernisse sich ändert. Auf diese richtige Grundansicht hat Pasetti seine technischen Anträge zur Etschregulirung von Meran bis ans Venetianische für die einzelnen Flußabtheilungen detaillirt erörtert und begründet. Sie bestehen zunächst in der Vollendung der theils angelegten theils projektirten Durchstiche, in der zweckmäßigen Ableitung der Nos (Noce) und der Fersina, in der Aufführung und Erhöhung der Inundationsdämme, und Veranstaltung zu Anschlämmungen, endlich in der Anlegung von Thalsperren zunächst an der Fersina, Lavis, Nos, dann auch an der Faltschauer und Passer.

Damit diese wichtigen Arbeiten und darunter die vor allen dringende Ausleitung des Nocebaches mit Beschleunigung in Angriff genommen und so schnell als möglich der Vollendung zugeführt werden, hat das Ministerium für Handel, Gewerbe und öffentliche Bauten am 28. Jänner d. J. die wirksamsten Anordnungen erlassen und zureichende Geldmittel zur Verfügung gestellt. Wenn die betheiligten Gemeinden deutscher und italienischer Zunge die wohlgemeinten Absichten des Ministeriums getreu unterstützen, so wird nach und nach das große für das ganze Land höchst heilsame Werk der Etschregulirung, der Verbesserung der Kultur und Entsumpfung von mehr als 9 Millionen Quadratklaftern trefflichen Bodens, endlich der Wiedergewinnung gesunder Luft und Nahrung für Hunderttausende braver Menschen zur schönen Wirklichkeit werden.

Das Ministerium hat erst kürzlich neue Beweise gegeben, wie sehr ihm diese Nationalsache Tirols am Herzen liege.

Damit die mit Rücksicht auf die örtlichen Flußverhältnisse jährlich nothwendigen Regulirungsbauten genau ermittelt und beantragt werden können, ist vorgeschlagen worden, daß die bisher nur längs dem rechtseitigen Etschufer vorgenommenen kommissionellen Begehungen künftig an beiden Ufern vom Stadthofer Durchstiche bis an die Kreisgränze in allen Durchstichen nach der Regulirungsrichtung zusammenhängend gepflogen, und daß die den Interessenten immerhin empfindlichen Commissionskosten auf den Staatsschatz übernommen werden. In Würdigung dieses Antrages hat das Ministerium der öffentlichen Bauten mit Dekret vom 17. Oktober d. I. genehmiget, daß die Kosten der von den technischen Beamten bei den Etschbauten zeitweise zu pflegenden Nachsicht aus dem öffentlichen Wasserbaufonde allein zu bestreiten und die Berichte sammt den Bauanträgen an das Ministerium zu leiten seien. — Weiters gestattete dasselbe Ministerium in Anerkennung der mißlichen Verhältnisse der Betheiligten und wegen Förderung der Etschregulirung, daß zum Behufe der Herstellung des Etschdammes bei Kurtinig auf die nöthige Breite ein Beitrag von 1896 fl. W. W. C. M. aus den für 1850 bestimmten Dotationsmitteln des Wasserbaufondes flüßig gemacht werde.

Solche dankenswerthe Verfügungen des Ministeriums werden, wir hoffen es von unsern wackern Landsleuten an der Etsch, die wohlgemeinte Wirkung zu ihrem eigenen Besten sicher nicht verfehlen, zumal da nach der neulich veröffentlichten Antwort des Herrn Handelsministers auf die Vorstellung der tirolischen Abgeordneten die Einleitungen zur Realisirung einer Eisenbahnverbindung von Verona bis Bozen bereits getroffen, also die erfreulichsten Aussichten zu einer festen und dauernden Dammlinie längs der Etsch d. i. zur gedeihlichen Regulirung dieses Flusses gegeben sind.

*) Zwar hatte schon ein Hofkanzlei-Dekret vom 3. Oktober 1822 in Folge a. h. Entschließung vom 12. September desselben Jahres die Regulirung der Etsch nach den Grundsätzen genehmiget welche der ehemalige Major des k. k. Genie-Corps Nowak auf Befehl Sr. kais. Hoheit des Erzherzogs Johann im Jahre 1805 entworfen hatte; die Ausführung kam jedoch weder in technischer noch in administrativer und ökonomischer Beziehung je ordnungsmäßig in Gang; in den Kreisen Trient und Roveredo stockte die Etschregulirung beharrlich, die Durchstiche wurden größtentheils gar nicht oder unzweckmäßig ausgeführt und selbst die versprochenen Aerarial-Beiträge blieben unverwendet.

Auch in diesem Monat

  • Der Bote für Tirol1840er4 Schlagwörter

    Saison und prominente Gäste in Meran

    Die Kurgastsaison in Meran verzeichnet im Spätherbst 1849 regen Zulauf prominenter Persönlichkeiten. Zu den anwesenden Gästen zählen Prinzessin Wasa, der ehemalige Frankfurter Abgeordnete Welker sowie der zwangsweise untergebrachte galizische Abgeordnete Ziemialkowsky; zudem wird Erzherzog Johann erwartet.

  • Bozner Zeitung1840er5 Schlagwörter

    Die deutschen Sympathien in Tirol

    Eine polemische Erwiderung der Bozner Zeitung auf die Reiseberichte eines Korrespondenten der Augsburger Allgemeinen Zeitung über das politische Stimmungsbild in Tirol. Der Beitrag verteidigt die tirolische Haltung zur deutschen Frage und plädiert für Realpolitik, wirtschaftliche Einigung und Treue zum österreichischen Herrscherhaus statt großdeutscher Schwärmerei.

1849 im Überblick

Das Jahr 1849 war in Meran von bedeutenden bildungspolitischen Fortschritten, insbesondere der Umwandlung des Gymnasiums in ein achtklassiges Obergymnasium in Kooperation mit dem Stift Marienberg, sowie von Debatten über Verwaltungs- und Steuerfragen geprägt. Zugleich spiegelten sich überregionale Ereignisse wie die Frankfurter Nationalversammlung und der Abschied des Tiroler Abgeordneten Beda Weber im lokalen Geschehen wider. Ergänzt wurde das Jahresgeschehen durch die Pflege des Kurwesens mit prominenten Gästen, Infrastruktur- und Verkehrsplanungen sowie wiederkehrende Naturgefahren und ökologische Herausforderungen im Etschtal. →

Zitieren & Teilen

"Die Regulierung der Etsch." Bozner Zeitung, 7. November 1849. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/2/1/07.11.1849/19945/2. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1849-11-07-die-regulierung-der-etsch