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Die deutschen Sympathien in Tirol

Zusammenfassung

Eine polemische Erwiderung der Bozner Zeitung auf die Reiseberichte eines Korrespondenten der Augsburger Allgemeinen Zeitung über das politische Stimmungsbild in Tirol. Der Beitrag verteidigt die tirolische Haltung zur deutschen Frage und plädiert für Realpolitik, wirtschaftliche Einigung und Treue zum österreichischen Herrscherhaus statt großdeutscher Schwärmerei.

Vollständige Transkription

Die deutschen Sympathien in Tirol.

Neulich unternahm es eine Feder, deren Kiel wahrscheinlich auswärts gewachsen und hierlands sich stärker befiederte, mit einigen oberflächlichen Strichen das Bild vom heutigen Tirol zu zeichnen. „Such — verloren!“ ist die Devise über dem Bilde als eine Mahnung für jene, welche Deutschland innerhalb unserer Marken finden möchten. Zu Innsbruck in der Neustadt, um das Prachthotel „zum Oesterreichischen Hof,“ am Rennwege wo die vom Gouverneur Brandis ausgehängte Fahne nicht mehr vom Balkone weht, scheint dem Wanderer das Wort „verloren“ besonders vernehmlich entgegengeklungen zu sein. Wie konnte er sonst beim Anblicke der letzten Schützen die von der Gränzwache in Riva zurückkehrten, die bange Frage stellen: „Werden sie das grüne Kreuz auf der weißen Armbinde bald nordwärts tragen?“ Es ging da dem fremden Waller wohl ungefähr derselbe Traum durchs Gehirn, der ihn als er vom Brenner nach Bozen fuhr, die Etsch nebenan durchs Thal — bedächtig und doch gefährlich — schauen ließ. „An der Etsch“ zeigten sich endlich erfreuliche Spuren für den patriotischen Entdeckungsreisenden, da ihm die „weinlesenden“ und wohl auch weintrinkenden Bauern — weil „Herr und Gesinde ihren Eifer im Trinken verdoppeln!“ — mit vieler Geduld sagten: „die Gränze muß auf werden“ und weil die „Südtirolische Zeitung“*) für die Möglichkeit eines Produktenabsatzes nach Deutschland die kürzlich vertheilten Denkmünzen der Landesvertheidiger als Drangeld angesehen habe. Darin und in dem Ausrufe des oder eines Bauers in einem Meraner Weintorkel spürt der Korrespondent zwar den Gehalt eines Clubprogramms der Großdeutschen „denen aber auch beim Anklopfen in Tirol nicht aufgethan wurde.“ Vom „Alttirolerthum“ das „jede Idee und Thatsache ablehnt, die nicht mit historischem Almermues (!) großgefüttert wurde,“ schreiben sich diese Erscheinungen her; dasselbe hat die frankfurter Versammlung und die Centralgewalt verhöhnt und abgewiesen, ja noch bis heute das österreichische Staatsbürgerthum und seine Grundrechte für das Tirolerland nicht als geltend geachtet. — Diese Parthei blieb orthodox, demokratisch gegen die Herren in den Kanzleien und gut kaiserlich trotz offenen Mißbehagens an den Kaisergnaden vom März 1848! Und dennoch glauben alle „Besonnenen und Ehrlichen“ an die aufrichtigste Durchführung der Constitution durch das jetzige Ministerium! „Die Liberalen im Gebirge“ versagen einerseits den angeblichen Freunden Dank und Beihilfe, andererseits sind sie hier „zumeist und im meisten“ regierungsfreundlich, geradezu ministeriell.

In solcher Weise sondert und kennzeichnet der fremde Wanderer das Volk von Tirol! Außer den „alten Schwärmern — so heißen, glaubt er, nebst ihm die immer noch an ein einiges Deutschland denken — gibt es hier zu Land nur ein separatives und absolutistisches Alttirolerthum und Freigesinnte die keine „Weiterdrängenden, keine Hinterhaltigen“ sind. Die „Besonnenen und Ehrlichen“ weiter oben scheinen also lediglich die vorerwähnten „alten Schwärmer“ zu sein, wozu der Entdeckungsreisende und jene gehören, in welchen „der Weinüberfluß und der Kornmangel ein Restchen Bedürfniß wach erhalten nach einem größern Vaterlande als es die Charte vom 4. März den Tirolern oktroyirte.“ —

Wir können dem unbekannten Schilderer unserer öffentlichen Zustände nicht verhehlen daß seine neue Auffassungsweise, wenn sie gleich zur Vervollkommnung der Landesstatistik nur einen magern Beitrag liefert, doch allenthalben große Heiterkeit verursachte, weßhalb wir zur nützlichen Förderung der Lachlust in dieser trüben Zeit die Quintessenz der Laune unseres Wanderers hier im Auszuge gegeben haben.

Daneben erlauben wir uns jedoch zu erinnern daß dem Witze des Beobachters entgieng, wie wenig den Tirolern seit alter Zeit von der fruchtbaren Phantasie der deutschen Ideologen und Schöngeister eigen war, wie sie dagegen in stets treuer Gesinnung mit ihren Fürsten zu Deutschland standen, so lang das Reich zusammengehalten, wie sie aber zu Napoleons Zeiten eben so wenig dem deutschen Rheinbunde folgten als sie im Jahre 1848 der Linken in der Paulskirche sich beigesellten und heuer mit dem Rumpfparlamente dem Phantome einer Reichseinheit in Stuttgart nachjagten.

Wenn unser Volk von dem österreichisch-preußischen Interim mehr Nutzen für Deutschland erwartet als die „Schwärmer“ zu hoffen geneigt sind, wenn wir auf die in Aussicht stehende Eisenbahnverbindung zwischen Innsbruck und Rosenheim, dann zwischen Bozen und Verona, auf den Entwurf einer deutschen Reichsverfassung der neuen Münchner-Zeitung, und vor Allen auf die zeitgemäßen Vorschläge der Wiener-Zeitung zur Anbahnung der österreichischen deutschen Zoll- und Handelseinigung mehr Gewicht legen als auf das Dreikönigsbündniß und sämmtliche Vorschläge der Groß- und Kleindeutschen mit einander, so ist die Ursache davon am allerwenigsten „das Verläugnen der Gesinnung, das Verbergen unverbotener Wünsche und Hoffnungen“ sondern was man in aller Welt gesundes Urtheil und richtigen Takt zu nennen pflegt. Wir sind es eben nicht gewohnt in Deutschland nachahmenswerthe Beispiele ruhiger und uneigennütziger Einheitsbestrebungen im Großen zu erblicken. Der Tiroler wurde bis zur Erhebung im J. 1848 an den Grenzen der deutschen Nachbarländer als Auswärtiger behandelt, wie es von Seite unserer Zöllner den übrigen Deutschen geschah und auch seither, mit Ausnahme des Freipaßirens der Frankfurter Deputirten, im Wesen beim Alten blieb. Den hält man aber nach allseitigem Brauche nicht für einen Freund und Landsmann, der mit uns singt aber nicht für uns ringt, eine Freundschaft gilt nicht für innig die nur so lange währt als der Reiz der Neuheit sie hält. — Im Jahre 1703 und 1809, als das benachbarte Deutschland französisch geworden, bewiesen sich da die Tiroler nicht deutsch? Zeigen sie heut zu Tage ihre Sympathien für Deutschlands Interesse weniger, weil sie mit Oesterreich gegen Deutschlands Aufgehen in Preußen gestimmt sind?

Der Korrespondent der A. Z. findet bei den Tirolern nur im Materiellen die Möglichkeit zum Anschlusse an die deutsche Sache. Wir möchten ihm rathen, eh´ er so Neues blos von uns publizirt, seine Entdeckungsreise noch etwas weiter auszudehnen nach den österreichisch deutschen Ländern, dann ein wenig nach Sachsen, Hannover und anderwärts im großen Vaterlande. Bringt er von dort haltbare Proben von reinem Herzensdrange nach Einigung, nichts Vorwiegendes von Dynastialintereßen, Hegemoniestrebnißen, Stammeseifersucht und Eigennutz, kann er uns beweisen, daß man in Deutschland gegenseitig zu den Opfern, die die Einheit des großen Vaterlandes fordert, so freudig und ohne Rückhalt bereit steht, dann mag er auf uns Tiroler allein den Stein des Tadels werfen, den er in seiner Reisephantasie vom nächsten Schoderhaufen aufgelesen. Bis dahin aber laß er´s eben wie es bei uns weiland gewesen und noch ist.

Will übrigens die A. Z. Richtiges über Volk und Land Tirols verbreiten, möchten wir sie gebeten haben nicht so leichten Glaubens hinzunehmen, was ein irrender Ritter in den halblichten Momenten seiner abenteuerlichen Fahrt geschaut. Wer die Tiroler zu undeutschen Oesterreichern stempelt, schießt gerade so weit vom Ziele wie der aus ihnen großdeutsche Enthusiasten modeln wollte. Des tirolischen Volkes Gesinnung war und ist: Mit unserm deutschen Fürstenhause zu Deutschlands Volk und Banner; nicht ohne das erste wollen wir geeint sein dem Zweiten, aber stets kampfbereit stehen unter dem Dritten!

*) Unser Blatt zählt nach dem weiter unten vorkommenden Criterium des Berichterstatters der A. Z. zu den „Liberalen im Gebirge“; denn laut des Zeugnißes im Tiroler Wochenblatt Nr. 94 vom 6. Okt. 1849 ist sie von einem „Beamteten“ redigirt (was wir erst vom T. Wochenblatte erfahren mußten) also offenbar „regierungsfreundlich, geradezu ministeriell.“ Vor Kurzem bemerkte die A. Z., die Südtirolische Zeitung verfolge im Wesentlichen die gleiche Tendenz wie die Innsbrucker Zeitung; wahrscheinlich weil auch diese, so weit wir wissen, von solch einem „Beamteten“ redigirt ist.

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"Die deutschen Sympathien in Tirol." Bozner Zeitung, 3. November 1849. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/2/1/03.11.1849/19944/1. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1849-11-03-die-deutschen-sympathien-in-tirol