Beda Weber und das Pfarramt in Frankfurt
Ein Bericht aus Innsbruck widerspricht Meldungen über eine Berufung des Abgeordneten Beda Weber als Pfarrer nach Frankfurt und betont dessen Verbundenheit mit Tirol. Zugleich würdigt der Verfasser Webers schriftstellerische und rhetorische Erfolge in Deutschland sowie sein standhaftes Auftreten in der Frankfurter Paulskirche.
Vollständige Transkription
Beilage z. d. kath. Blatt, a. T. 1849 Nro. 4.
Tirol.
Innsbruck, 10. Jan. Die »Deutsche Zeitung« stellt in einer Mittheilung aus Frankfurt vom 3. d. die Erwählung unseres ausgezeichneten Beda Weber zum Pfarrer der dortigen Gemeinde in nächste Aussicht. Den Aufschub veranlasse nur noch die Erledigung eines formellen Streitpunktes zwischen dem Senate der Stadt und dem Bischöfe von Limburg.
So erfreulich für uns Tiroler dieses ehrenvolle Vertrauen ist, welches einem Landsmanne in der Ferne zu Theil wird, eben so schmerzlich wäre uns der Verlust des Herrn Professors Beda Weber. Tirol ist an nichts so arm, als an durchgebildeten Männern der Wissenschaft. Es war auch noch nie so nothwendig als jetzt, daß alle geistigen Kräfte des Landes jede Privatrücksicht Niederschlagen und zum eifrigsten Zusammenwirken sich patriotisch vereinen. Beda Weber war seit Jahren ein Matador der aufstrebenden tirolischen Literatur. Er darf jetzt am wenigsten fehlen. Es wird, seit von der Vervollständigung unserer Universität die Rede geht, ernstlich daran gedacht, den in Poesie und Wissenschaft so geistreich thätigen, besonders in der vaterländischen Geschichte und in der altdeutschen Literatur so bewanderten Mann aus den engen Schranken des übrigens noch so verehelichen Gymnasiallehramtes in einen höher liegenden und weiter aus reichenden, jedenfalls angemesseneren Wirkungskreis herüberzuziehen.
Wird Beda Weber diese Pläne und Wünsche seiner Freunde vereiteln? Wird er Tirol, das er so warm besungen hat, und so schön geschildert, verlassen? Wird er jetzt - - sich uns entziehen?
Er wird es nicht! Er bleibt uns. Das ist sein Wille, dies sein Entschluß. Ich kann Sie dessen mit Bestimmtheit versichern. Gleich wie er Jahre hindurch den dringenden Einladungen des Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen und des demselben sich anschließenden Erzbischofes von Freiburg sich höflichst zu entwinden wußte: eben so hat er alle die Pfarrei von Frankfurt betreffenden Anträge zu wiederholten Malen angelehnt. Der Eifer seiner Verehrer ließ sich jedoch nicht so leicht abschrecken. Der hochwürdigste Bischof von Limburg überraschte unsern Landsmann durch einen persönlichen Besuch, und machte die dringendsten Aufforderungen. Beda fuhr fort sich zu entschuldigen. Als er sich insbesondere auf seinen Ordensvorstand berief, dem er durch das heilige Gelübde sich zum Gehorsam verpflichtet habe, wurde beschlossen, die Entscheidung in die Hände des Herrn Prälaten von Mariaberg zu legen. Wir wissen von vorne herein, wie sie ausfällt, und haben daher keine Besorgniß, unsern Beda zu verlieren. —
Ein so großes Vertrauen erwarb sich Beda bei dem größern katholischen Publikum in Frankfurt durch seine Kanzelvorträge in der Domkirche und in der Leonhardskirche. Man fordert daselbst am Pfarrer vor Allem ein Rednertalent, welches die Katholiken anzieht, und den Akatholiken Achtung einflößt. Beda hat als Schriftsteller das Wort in seiner Macht, wie Niemand in Tirol und wie wenige in ganz Deutschland. Auch sein mündlicher Vortrag bewegt sich frei und gewandt, warm und geistreich, und elektrisirt durch geniale Blitze die Seele. Er trug unter den Rednern beim Piusvereine zu Mainz unstreitig die Palme davon. Aber auch seine Bücher werden nirgends eifriger gelesen und günstiger beurtheilt, als am Main und am Rhein. Beda Weber ist bei den gebildeten Katholiken zu Frankfurt, zu Mainz, zu Koblenz, zu Bonn und Köln, auch im Westphälischen und Badener Oberlande ein gefeierter Name. Wenn die Akademie von Wien und München Beda´s Gelehrsamkeit anerkannten und auszeichneten, so huldigen im westlichen Deutschland unzählige fromme Gemüther insbesondere seiner Gefühlswärme, seinen Phantasieblüthen, seiner geistreichen Mystik, seiner christlichen Romantik: Vorzüglich ist seine »Giovanna della Croce« eine Lieblingslektüre der edelsten Herren und Frauen. Die chinesische Prosaismus der philiströsen Zensur von Alt-Wien hatte bekanntlich dem trefflichen Buche das autokratische Admittitur verweigert.
Auch in der Paulskirche war Beda´s Name zum Voraus schon wohlbekannt. Starre Augen von der linken Seite herüber fixirten ihn sogleich. Die Zeitungen hatten für seine Zelebrität genugsam vorgesorgt. Denn die Lieder aus Tirol, die Visionen der Seherin von Roveredo, die Erzählungen aus der Reformationsgeschichte haben der sel. Robert Blum, und der Abgeordnete »ohne Standpunkt«, der bellende Wesendonck und der lymphatische Simon von Trier schwerlich in die Hand genommen. Aber aus der Allgemeinen Zeitung, aus der deutschen Zeitung und aus andern Blättern schöpften sie Beweise genug, daß Beda der Häuptling der Finsterlinge von Tirol sei. Als er zum ersten Male die Rednerbühne bestieg, trat eine ungewöhnliche Stille ein, und gab die Spannung der Gemüther kund. Die feine Dikzion, die edle Mäßigung, der geistreiche Gehalt, der minder verfängliche Gegenstand gönnte damals dem Widerwillen noch keinen Ausdruck. Aber der konventsüchtige Demokrat und religionhassende Atheist von Gießen wartete nicht erst auf eine Gelegenheit: er brach sie vom Zaune. »Wir müssen der Oesterreicher los werden: wir müssen uns die Schwarzgelben Wiens vom Halse schaffen und die Pfaffen Tirols;« so kreischte eines Morgens eine grimmige Stimme dem Beda von rückwärts an's Ohr. Beda kehrt sich rasch um, richtet seine hohe Dante-Gestalt noch höher auf über den froschartig aufgedunsenen Strunkwuchs des Hrn. Vogt, und unter blitzenden Augen rollte ein Donner auf den modernen »Nabucodonosor« los, so daß dieser blos »hüstelnd« ohne Gegenrede sich verkroch.
Beda wurde am 18. Sept. mehrfach auf dem Wege insultirt, und war also von den Wühlern, wie Ketteler, vorher bezeichnet. Auch bei spätern Gährungen begegnete ihm dasselbe, und ein paar Schufte versperrten ihm den Weg. Doch als die tirolische Faust sich erhob, wichen die Wichte.
Beda bewährt in und außer der Paulskirche einen unerschütterlichen, echt tirolischen Muth. Als sich bei einer Deklarazion zu Gunsten und Ehren des Robert Blum die Nazionalversammlung erhob, blieb Beda mit wenigen Gleichentschlossenen unbeweglich sitzen, und erklärte später, er könne wohl sein Blut preisgeben, aber nicht seine Ueberzeugung. — Gott beschütze unsern tüchtigen, edelgesinnten Landsmann, und führe ihn wohl erhalten in sein Vaterland zurück.
Wenn übrigens mancher apathische Tiroler, oder mancher befangene, mißgönnende Gegner über diese Zeilen als einen unzeitigen Panegyrikus die Nase rümpft, so bemerke ich blos: der Klatsch hat über Beda Weber schon oft die Sudellauge gegossen, und mag es noch fürder thun; meine Freude ist es, das Gute und Löbliche zu betrachten und zu preisen, wo ich es finde.
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"Beda Weber und das Pfarramt in Frankfurt." Katholische Blätter aus Tirol, 12. Januar 1849. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/62978/1/12.01.1849/289353/17. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1849-01-12-beda-weber-und-das-pfarramt-in-frankfurt