Der Bote für TirolOriginalquelle ansehen

Topographie: Beschreibung der Umgebung von Meran (Schloss Tirol)

Zusammenfassung

Dieser Auszug aus dem Jahr 1822 beschreibt die Lage, die Architektur und die wechselvolle Geschichte von Schloss Tirol. Nach Plünderung und drohendem Abbruch im Jahr 1808 wurde das Schloss 1814 durch die Stadt Meran zurückerworben, dem Kaiser übergeben und wiederhergestellt. Zudem werden der Panoramablick über das Burggrafenamt sowie historische Kämpfe in der Umgebung geschildert.

Vollständige Transkription

Anhang.

Topographie.

Beschreibung der Umgebung von Meran. 2/4

(Fortsetzung.)

Zwischen der Spalte hinaus sieht man an des Berges Fuß einen Theil von Gratsch, gegen Morgen den untern Theil der Stadt Meran, gegen Westen die Mündung der Passer in die Etsch, dem Süden zu das von der Passer und Etsch umschlungene Untermais bis an den hervorstehenden Sinichkopf; in der Mitte das schöne Thal; jenseits der Etsch den oben zugerundet scheinenden Marlinger-Berg; weiter unten die Oeffnung des Thales Ulten mit der fortlaufenden Gebirgskette hinab bis an die ober St. Pauls und St. Michael in Eppan beinahe gerade aufstehende Mendel.

Nun führt der Weg über eine kleine Brücke nach dem Burghügel zu den alten hohen Mauern der Burg und ihren Thoren. Zu dem sehr unebenen Schloßhofe sieht man zu hinterst den großen, glaublich vom alten Kastelle Teriolis allein noch übrigen viereckigen Thurm. Daran stößt ein nun auch ganz verödetes Gebäude, von außen einem gemeinen Bauernhause gleichend. Das gegen Mittag sehende vordere Schloß ist von einer neuern, doch gar nicht modernen Bauart.

Von Alterthümern ist gegenwärtig nichts mehr zu sehen, als die Portale an dem großen umgeformten Vorsaale der Kapelle und am wirklichen Eingang derselben, von Marmor, mit verschiedenen symbolischen Basreliefen; in der Kapelle selbst an ihrem Obertheil, d. i. an der ganzen herumgehenden Gallerie oder Emporkirche befestigtes Kruzifix mit der daneben stehenden göttlichen Mutter und dem h. Johannes, von Holz, aber von kolossalischer Größe, alles im rohen Geschmack des 12. oder 13. Jahrhunderts; endlich noch einige gefärbte Fensterscheiben. Ehedem stand in dem obern Theile ein kleiner, sehr alter Altar, mit sogenannten Flügelthürlein, in welchen verschiedene merkwürdige Namens- Unterschriften aus der grauen Vorzeit eingeritzt waren. Unter den Kirchenbüchern war ein auf Pergament schön geschriebenes Missale und ein solches Choralbuch, wo man in dem vorausgehenden Kirchenkalender die Sterbetage mehrerer Fürsten und Herren des Schlosses von verschiedenen Händen vorgemerkt las. Diese, und unter andern ein silberner vergoldeter Pokal, angeblich von der Maultasche (nicht von hohem Werth), giengen bei der letzten Plünderung des Schlosses im Jahre 1808 verloren. Jener mit allen Kirchenparamenten und Schloßeinrichtungen, ja das Schloß selbst, wurde in dem besagten Jahre an die Meistbiethenden verkauft. — Der erste Käufer hatte es zur Demolirung bestimmt, und schon Hand daran gelegt. Um nicht von den Ruinen erschlagen zu werden, nahm es der unmittelbar darunter wohnende Burgbauer demselben ab, und entriß es so der schon begonnenen Zerstörung. Sobald Tirol wieder österreichisch wurde, löste die Stadt Meran das ehrwürdige Stammschloß der Landesfürsten ein, und stellte es dem ursprünglichen Herrn, dem geliebten Monarchen Franz I. als Grafen von Tirol, im J. 1814 zurück. — Bald wurde die nöthige Wiederherstellung eingeleitet. Am 19. Mai 1819 zog der neu ernannte Schloßhauptmann v. Lutterotti daselbst ein, und am 10. Nov. desselben Jahres der Schloßkaplan Hr. Philipp Moser. — Nun wurden die zwei wöchentlichen Messen für die durchlauchtigsten Stifter, nebst drei Jahrestagen, abermals in der Schloßkapelle gehalten.

Die Aussicht, die man von hier aus genießt, ist entzückend. Das Auge wird von so vielen merkwürdigen und reizenden Gegenständen angezogen, daß ihm die Wahl schwer fällt. Gegen Osten ruht es auf dem Schenerberge, der fast bis zu seinem Gipfel bebaut ist, nebst dem dahinter hervorragenden Ifinger-Joch; dort gegen Abend verliert es sich über St. Peter am Kronsbichl, über Allgund, mit dem dazu gehörigen Vellau rechts, links Steinach, Vorst, Josephsberg, über Partschins oberhalb dem Engpaß der Töll, in den die Gegend von Latsch im Vinstgau umarmenden Gebirgen; gegenüber südwestlich weidet es sich an dem noch auf dem Rücken beurbarten, schattigten Marlinger-Berge, dann schweift es wieder umher auf der flachen Ebene in den großen, von der Etsch durchströmten, nun aber leider auch streckenweise überschütteten Augarten, an den Abhängen der sich rechts und links bald aus- bald einwärts biegenden hohen Gebirgswände, in den zauberischen Umgebungen von Mais, Labers, Freiberg, Burgstall, Gargazon, den Anhöhen von Terlan mit dem Schlosse Maultasch. Jenseits der Etsch sieht man die sich weit ausdehnenden Gemeinden von Marling, Tscherms, Lana, Tisens, Mals, Andrian, Girlan und St. Pauls in Eppan. Schon heroben auf dem Scheitel des Maisergebirges fällt die h. Katharina in der Schart auf; zu unterst in den das Thal schließenden südöstlichen Hochgebirgen hinter Botzen und Leifers nimmt man das ehemalige Servitenkloster Weißenstein gewahr. — Mit einem guten Fernrohre bemerkt man in dem Mittelberge zwischen Andrian und Eppan die noch stehenden Trümmer der alten Stammburg der Eppaner.

In den Umgebungen des Schlosses Tirol werden oft noch Menschengebeine beim Nachgraben gefunden; vermuthlich Ueberreste feindlicher Krieger, die bei seinem Angriffe sanken. Auch in neuern Zeiten floß in jenen Gegenden Blut; mancher brave Tiroler und mancher tapfere Franzose fand im Jahre 1809 in dem Umkreise vom steinernen Stege hinauf über Zenoberg und Tirol bis nach Gratsch hinab und in die Stadt hinein sein Grab. Im Schlosse selbst kam es zu keinem Gefecht. (Fortsetzung folgt.)

Auch in diesem Monat

  • Der Bote für Tirol1819–18294 Schlagwörter

    Topographie von Meran und Umgebung (Teil 1)

    Eine ausführliche topographische Beschreibung der Stadt Meran sowie ihrer landschaftlichen und historischen Umgebung. Der Bericht schildert die Lage im Etschtal, umliegende Burgen, Schlösser und Dörfer sowie die Zugänge zum Schloss Tirol.

  • Der Bote für Tirol1819–18295 Schlagwörter

    Topographie: Beschreibung der Umgebung von Meran (Teil 3)

    Die historische Beschreibung erläutert Kirchen und Schlösser der Meraner Umgebung, darunter St. Valentin in Mais, St. Katharina in der Schart bei Hafling sowie die Burg Juval. Zudem werden ortsgeschichtliche Ereignisse von der Spätantike über das Mittelalter bis zu den Napoleonischen Kriegen geschildert.

  • Der Bote für Tirol1819–18295 Schlagwörter

    Topographie: Beschreibung der Umgebung von Meran – Die Familie Ladurner

    Der vierte und letzte Teil der Beschreibung der Umgebung von Meran widmet sich der Geschichte der Familie Ladurner und ihres Stammhofes. Über mehr als fünf Jahrhunderte lässt sich die ununterbrochene Erbfolge der Familie auf ihrem Hof nachweisen. Zudem werden die historischen Wappen der Familie Ladurner sowie deren heraldische Details ausführlich beschrieben.

1822 im Überblick

Das Jahr 1822 war maßgeblich von historischen, genealogischen und sprachwissenschaftlichen Betrachtungen geprägt. Die Überlieferungen dokumentierten die Geschichte des Adelsgeschlechts der Knillenberger in Obermais sowie die Lebensverhältnisse und Mundarten der deutschsprachigen Sprachinseln in der Region. Ergänzend gaben Berichte über historische Ereignisse, regionale Demografie und karitative Initiativen Einblicke in die gesellschaftlichen Strukturen der Epoche.

Zitieren & Teilen

"Topographie: Beschreibung der Umgebung von Meran (Schloss Tirol)." Der Bote für Tirol, 12. September 1822. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/12.09.1822/149867/6. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1822-09-12-topographie-beschreibung-der-umgebung-von-meran-schloss-tirol