Topographie von Meran und Umgebung (Teil 1)
Eine ausführliche topographische Beschreibung der Stadt Meran sowie ihrer landschaftlichen und historischen Umgebung. Der Bericht schildert die Lage im Etschtal, umliegende Burgen, Schlösser und Dörfer sowie die Zugänge zum Schloss Tirol.
Vollständige Transkription
Anhang.
Beschreibung der Umgebung von Meran. 1/4
Meran, ein Burggrafen-Amt, einst des Landes Haupt- und Residenz-Stadt, wurde von jeher, und wird noch von so manchen Reisenden besucht, welche theils das Schloß Tirol, das merkwürdige historische Denkmal, die uralte Stammburg der Grafen von Tirol, theils die reizenden Umgebungen von Meran, geschmückt mit den Schätzen Bacchus Florens und Pomonens, zauberisch in ihre Nähe ziehen.
Die Gegend von Meran schließen gegen Norden die hohen Ketten der Ziehl- und Mutt-Gebirge. Am Fuße des letztern liegt die Stadt; auf der daran stoßenden Anhöhe (der Küchelberg genannt, merkwürdig durch seinen trefflichen Wein und durch die am 16. und 19. November 1809 in jener Gegend vorgefallenen Gefechte) liegt das Dorf Tirol, eine Viertelstunde davon das Schloß Tirol, eine Stunde nordwestlich von Meran; der Weg dahin ist in den Felsen gehauen, und eine weite Berg-Ruine führt dahin. Rechts kömmt man auf einem Samerschlag durch das enge Seitenthal Passeier östlich über den Jaufen nach Sterzing, nördlich über den Timmels in´s Oetzthal; links über die Töll auf der Landstraße in´s Vinschgau. Zu den beiden Seiten, vom Eingang in das Passeier und vom Zugang in das Vinstgau abwärts, dem Süden zu, ziehen sich die Gebirgsketten in einer dießseits mehr auswärts, jenseits mehr einwärts gebogenen Linie, östlich bis Botzen, westlich bis Eppan. Den Hintergrund bilden die aus der Gegend von Botzen bis unter Leifers zwischen dem Mittelberge oberhalb der zerfallenen Feste-Maultasch und zwischen der hohen Mendel hervorblickenden kahlen Bergspitzen. Am Fuße der östlichen Gebirgskette geht die Landstraße von Botzen herauf, ursprünglich ein Römerwerk. Mitten durch das Thal strömt die Etsch von der Töll herab in schäumenden Wirbeln durch die Ebenen mit sanften Schlangenkrümmungen zwischen schönen Fluren und lieblichen Auen dem milden Italien zu. In diese mündet sich bald außer Meran die Passer, und gleich unter Mais der vom flott steilen Naiferberge unter dem Ifingerjoche herab stürzende, Obermais von Labers trennende Rametzbach. Gerade vor Gargazon fließt der Vöranerbach (vom Jahre 1810 bis 1814 die Gränze zwischen dem Königreich Baiern und Italien), jenseits der Etsch die aus dem Ultenthal Felsenlkippen hervorbrechende Falzaur. Die aufsteigenden Gebirgswände links und rechts sind angebaut bis an das Gehölz, manchmal auch zwischen oder gar ober demselben bis an die kahlen Felsenspitzen. Beinahe auf jeder Anhöhe übersieht man die Pfarren Meran, Tirol, St. Peter, Allgund, Partschins, Marling, Lana, Mais, Schena; in der Ferne Tisens, Girlan, auch einen Theil von St. Pauls in Eppan; die Schlösser, die theils die Hügel krönen, theils zwischen Weinbergen und Mairhofen empor ragen; Tirol mit den malerischen Ruinen der alten Brunnenburg, Thurnstein, Forst, das einem kleinen Bergstädtchen gleich sehende Löwenberg, Braunsberg, Brandis, Massenburg, das hoch gelegene Fragsburg, Katzenstein, Neuberg, das mit hohen Federn umgebene Rubein, Rametz, Labers, Knillenberg, Winkel, Reichenbach, Rosenstein, Rundeck, Rottenstein, Greifen oder Planta, Goyen, das einst prächtige Schena, Auer, die Ruinen von St. Zenoberg, des einst gewesenen Lieblings-Aufenthaltes Königs Heinrich, Mainhards II. Sohne.
Das Schloß Tirol steht bei Meran, eine kleine Stunde davon entfernt, auf einem etwas vorgeschobenen und emporragenden Abhang des hohen Mutt-Gebirges, hart an einem schrecklichen Bergsturze, der vielleicht schon manchen Theil des alten Gebäudes verschlungen haben kann, und den Ueberrest bedroht.
Drei Wege nebst einigen Fußpfaden führen von Meran aus dahin. Auf dem nächsten, über den Küchelberg, erreicht man es in einer Stunde. Jeder Zugang ist etwas beschwerlich, aber die Aussichten am Ziele der Reise entschädigen reichlich für die getragenen Beschwerden. Hat man an dem sogenannten steinernen Stege vorbei, der nordöstlich die Stadt mit Obermais verbindet, den Zenoberg mit seinem gleichnamigen Schlosse bestiegen, so öffnet sich das Thal Passeier, Man sieht hinein über Kains und Riffian dießseits, jenseits hinter Schena und Thall. Nur einzelne Bauernhöfe in den stark behölzten und malerisch gruppirten Bergen sind sichtbar; im Hintergrunde das sich über St. Leonhard erhebende Glaiten, und der das Passeier mit dem Wippthale verkettende Jaufen. In der Tiefe rauscht die reißende Passer durch die frischen Spuren ihrer verwüstenden Bahn heraus. Nun wendet man sich westlich, noch immer etwas aufwärts, über den Rücken des Küchelberges, oft unter schattigten Nuß- und Kastanienbäumen, oft durch schöne Rebäcker, dem Dorfe Tirol zu. Der oben angeführte Steg tritt mit einem sich daran mit den Klauen festhaltenden Tiroler Adler bildet das Stadtwappen von Meran. — Eben nach diesem Dorfe kömmte man stracks hinter der Pfarrkirche zu Meran, anfangs über viele, theils in den Felsen gehauene Stufen, theils über aufgesetzte Steinplatten, dann längs der Vorderseite des Küchlberges, bald über schroffe Steine, bald durch eine öde Strecke, jetzt aber unter den Weingärten. Am Fuße des Berges zieht sich die Stadt zwischen diesem und der vorbei strömenden Passer hinab in die Länge, zu unterst in die Quere. Unter den vielen Hintergebäuden soll das alte landesfürstliche, die Kapelle mit den sogenannten Kaiserzimmern, rückwärts des nun fürstl. taxischen Kellers oder Rentamtes, nicht übersehen werden. Gleich außer der Maria-Louisen-Brücke steht die Kirche mit den An- und Nebengebäuden des Spitals, welches vom Herzoge Mainhard II. 1271 gestiftet, im Jahre 1419 durch die Passeier zerstört, aber im Jahre 1483 mit Hülfe des Erzherzogs Sigmund wieder hergestellt wurde. Hinter derselben sieht man hinab über den untersten Theil des großen Grabhügels der alten Maja die schön gelegenen Güter und Wohnhäuser von Untermais. — Oben in der Höhe, wo dieser Weg mit jenem vom Zenoberg her zusammen trifft, fällt dem Wanderer in der Ferne, am Eingang in das enge Seitenthal Langvall, das Stammschloß der alten Herren von Auer in das Auge. Links herüber begrüßt das harrende Auge die ehrwürdige alte Tirolische Fürstenburg. — Auf dem Kirchhofe vom Dorfe Tirol, an dem man vorüber geht, sind zwei Grabsteine zu sehen, ungefähr aus dem 13. oder 14. Jahrhunderte, die erst vor Kurzem ausgegraben wurden. — Nur noch ein kleines Thal trennt das Dorf Tirol vom Schlosse. Man kömmt da in einen durch den mürben Berg gegrabenen, gewölbten, ungefähr 80 Schritte langen Gang. Jakob Andrä Freiherr v. Voglmair, damaliger landesfürstlicher Kellerherr zu Meran, erbaute ihn im Jahre 1682. Glaublich war die Kommunikation zwischen dem Dorfe und Schlosse nicht anders mehr zu erhalten. — Bald außer diesem mit Recht so genannten Knappenloche befindet man sich ungefähr auf dem Standpunkte, von wo aus Franz Schweighofer das Schloß und die Gegend aufgenommen, und in Wien lythographirt hat. Man sieht hier am Rande des oben beschriebenen Abgrundes. Gegenüber auf einer hohen, beinahe senkrechten, nur hie und da mit grünem Wasen bedeckten Stein- und Sandwand, zwischen Gebüschen, sieht man hinab auf die Trümmer der auf einem Schutthügel ruhenden ganz schwarzen Brunnenburg mit ihrem durchlöcherten Thurme. Aus den Resten alter Mauern, die noch auf der Landseite vom Hauptschlosse herab in den Weingütern manchmal aufgefunden werden, läßt sich vermuthen, daß Tirol und Brunnenburg einst vor dem Bergsturze zusammen gehangen haben. Unbekannt, warum? heißt die Brunnenburg noch insgemein die alte Kanzlei. Markgraf Ludwig von Brandenburg, Gemahl der Margareth Maultasche, schenkte sie seinem Liebling, dem Pfarrer zu Tirol, Heinrich v. Bopfingen, im Jahre 1356. (Fortsetzung folgt.)
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"Topographie von Meran und Umgebung (Teil 1)." Der Bote für Tirol, 9. September 1822. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/09.09.1822/149866/4. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1822-09-09-topographie-von-meran-und-umgebung-teil-1