Gedanken über Weinkultur und Verarbeitung in Tirol (Schluss)
Der zweite Teil der Abhandlung aus Lana befasst sich mit den verschiedenen Weinsorten Tirols und den geografischen sowie klimatischen Einflüssen auf die Weinqualität im Etschland. Zudem werden die Gründe beleuchtet, warum sich die bloße Mostgärung im Vergleich zur traditionellen Traubengärung lokal bislang kaum durchsetzen konnte. Abschließend wird für eine praxisnahe, gemeinverständliche Vermittlung landwirtschaftlicher Erkenntnisse plädiert.
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Anhang
Gedanken über Weinkultur und Verarbeitung in Tirol. (Beschluß.) – 2/2
Endlich hat der frohe, seine Tage genießende Landbewohner nicht immer Mißjahre im Kopfe; er trauet dem kommenden Jahre, wie dem verflossenen, sein Erträgniß an Früchten zu; und da ihm bei der harten Handarbeit der Spekulationsgeist fehlet, so bleibt er beim Alten, und trinkt seine sauern, wie seine guten Weine, unbekümmert, welchen Wein der lüsterne Städter sich wählet. – Zwar kein Grund, aber doch eine Sitte; – nur den Psychologen erklärbar.
Daß es nicht Unkunde, nicht Mangel an Einsicht der Vortheile sey, warum die Mostgährungs-Methode in unsern Ländchen nicht gewöhnlich, glaube ich durch vorangeschickte, zwar nicht scientistische oder unbedingte Ursachen, so ziemlich anschaulich aus ökonomisch-lokalen Gründen dargestellet zu haben; denn die Lösung des ökonomischen Problems: »bei möglichst kleinstem Aufwand den möglichst größten Vortheil zu erreichen,« läßt sich sogar der um den Verschleiß seiner Erzeugnisse besorgte Landbauer so viel möglich angelegen seyn.
Es ist bereits erwähnt worden (ohne auf die von Chaptal hergezählten Sorten von Weingewächsen zu merken, welche sogar, so weit man mehrere Abarten auch hier zu Lande kennt, in einem Distrikt nicht wie im andern benennt werden), daß es drei praktisch unterscheidbare Arten Weine gebe; und daß mehr die Natur des Gewächses, als die Kunst der Manipulation den Grund dieser Eintheilung bestätige. – und daß auch ungeachtet der Traubengährung (im Gegensatze der bloßen Mostgährung) diese so gearteten Weine sich bilden. So wächst in den etwas höhern Gegenden des Etschlandes ein zwar mehr säuerlicher, aber (besonders zwischen den Monaten März und Mai) sehr guter Tischwein; – wo in den hügelichten, besonders amphitheatralischen Lagen, auch nicht gar zu südlich liegender, wenn nur vom Nordostwinde geschützter und gegen Südost gelegener Weingarten, ein trefflicher starker oder Kraftwein gedeihet; – da in tiefer und südlicher gestellten Weinpflanzungen ein natursüßer (freilich selten über ein Jahr haltbarer) Leckerwein wächst, der den delikatern, an das Süße gewohnten Leckermäulern eine erquickende Labung verschaffet; – öfter von der rothen, meist dunkel ins schwärzlichte fallenden, seltener von der weißen Sorte.
Die mannigfaltigen Uebergänge und Abstufungen sind nicht in Abrede zu stellen; – so geht besonders der natursüße in starken, oft auch in säuerlichen über, und so wird in warmen Jahren (wie es 1819 war) die säuerliche Sorte gar oft Kraftweine (wo sodann der Fall eintreten dürfte, daß nach den Beobachtungen des Herrn Sieber ein etwas früheres Weinlesen einen angenehmeren, nicht gar zu starken Tischwein geben würde). – Daß in kalten Jahren der natursüße Wein sich gar nicht bilde, der Kraftwein zu Tischwein, und dieser nur zu einer den unreizbarsten Mägen ohne Nachtheil genießbaren Sorte werde, ist aus der Natur der Sache erklärbar; denn wenn von Weinjahren die Rede ist, so darf man nur 1811, 1818 und 1819 zu Mustern annehmen.
Selbst im Thalwege des Etschlaufes ist nicht geradezu immer der Satz wahr: »wie näher dem Süden, je besser das Weingewächs.« – Die höhere oder tiefere Lage, der hügelichte oder flache Boden, besonders die Lagerung gegen die Sonne zu, entscheiden mehr oder weniger (bei den außer Acht gelassenen Sortenwahlen) für die Güte des Gewächses; – und im obern Etschthale – Viertel Burggrafenamten – wo so viele Weinhügel gegen Süden (z. B. der Kiechlberg zu Meran), die meisten gegen Südosten (z. B. zu Lana in der Vill, in Ackpfeif, Nals rc.) gelagert sind, ist kein schlechterer Wein, als in den Lagen von Neumark, Salurn rc., wo es gegen Nordwesten liegt, und gar oft durch die aus den nahen Fernern und mit ewigem Schnee bedeckten Kalkbergen der nordöstlichen Kettengebirge des Schlern und seiner Brüder erregten Winde so kalt durchstürmt wird; – obschon es in der südöstlichen Lage von Kaltern, Tramin rc. zum Theile Kraft- und Leckerweine giebt.
Das bisher Gesagte, ob es zwar jedem Bewohner Tirols nicht unbekannt, diene blos zur Aufklärung des auswärtigen Lesers.
Bereits haben schon einige vermöglichere Gutsbesitzer unserer Umgebung (ich schreibe im obern Etschthale) vor einem Jahre und auch heuer Versuche gemacht, mittelst der bloßen Mostgährung Weine zu bereiten; allein da der Geschmack der gewöhnlichen Traubenbereitung dem Weine aus der Mostbereitung fremde ist, so scheinen diese Art Weine nicht, wenigst in unserm Lande, ihr Glück zu machen, bis vielleicht die etwas leckere Zunge auch den nach Art der österreicher Weine bereiteten Tiroler angenehm finden kann und wird.
Vielleicht war das einst durch Landesgesetze verbothene Bereiten der sogenannten Höpfweine ein Hinderniß der Mostbearbeitung; – jedoch in diesem Falle wurde nie die selbsteigene vollständige Gährung durch ein oder zwei Jahre abgewartet, sondern schon oft vor einem Vierteljahre getrunken, wo sodann die schädlichen Folgen der in dem Magen und Gedärmen des Trinkers vorgehenden Gährung und dadurch entstehenden Krankheiten durch die Sorgfalt öffentlicher Gesetze gehindert werden sollten. Ja selbst Hypolitus Quarinonius (ein vaterländischer Schriftsteller) aus dem 17. Jahrhundert, Leibarzt Kaiser Ferdinand II., schreibt in seinem Buche »von dem Gräul der Verwüstung« über den Gräul des »gottlosen Höpfweins« vielleicht aus obigen Gründen.
Schließlich wird jeder Verehrer der wissenschaftlichen Naturforschung dem unermüdeten Gelehrten Herrn Sieber vielen Dank schulden, besonders für seine Werthachtung unsers Ländchens, und seine ungeheuchelte Aufmerksamkeit, wo möglich, durch weise Winke dessen Wohl zu fördern; – auch sein vortrefflicher Aufsatz »über den Weinbau« verdiente bei geänderter Lage der Verhältnisse ernste Beherzigung und Befolgung; – und dieser Nachtrag sey nicht Entkräftung seiner bewährten Ansichten, sondern nur gegründete Erörterung der Hindernisse, welche nur unbesiegbare Verhältnisse im Wege legen. Es würde noch ungleich mehr zu erörtern übrig seyn, besonders wenn von dem Weinbau im Ganzen, der Wahl der Sorten, der übrigen Bearbeitung die Rede seyn würde; – allein wir besitzen schätzbare Werke von Gelehrten, die selbst denkende Oekonomen sind; aber nur fehlt es unserm Vaterlande an Männern die ohne Vorurtheil des Alten oder des Neuen aus verschiedenen Gegenden unsers Ländchens die Resultate ihrer Erfahrungen und Versuche zusammen und zu Papier brächten, um einen gehaltvollen geprüften Schatz anwendbarer Kenntnisse in die Hände des Landmanns zu liefern; wobei aber Gemeinfaßlichkeit das erste Augenmerk seyn dürfte, gleich entfernt von pöbelhafter Geschwätzigkeit, als von allzugelehrter Systemkläubelei. Lana, am 25. Nov. 1820. D. v. H. — gl.
Auch in diesem Monat
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Gedanken über Weinkultur und Verarbeitung in Tirol
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"Gedanken über Weinkultur und Verarbeitung in Tirol (Schluss)." Der Bote für Tirol, 8. Januar 1821. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/08.01.1821/149692/4. https://meran-archive.com/de/artikel/1821-01-08-gedanken-ueber-weinkultur-und-verarbeitung-in-tirol-schluss