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Zur Lage Merans als Kurort: Eine Entgegnung auf öffentliche Beschwerden

Zusammenfassung

In einer Entgegnung auf öffentliche Vorwürfe verteidigt ein Meraner Bürger die Stadt gegen Kritik an Teuerung, Quartier- und Nahrungsmangel sowie mangelnder Sauberkeit. Er erläutert die finanziellen und baulichen Beschränkungen der Gemeinde und wirbt um auswärtige Investitionen sowie Geduld während des Ausbaus der Kuranstalten. Zugleich nimmt er die Gastwirte und die Fremdenkommission bei der Erhebung der Kurtaxe in Schutz.

Vollständige Transkription

Oesterreichische Monarchie.

Meran, 8. Okt. (Eingesandt.) Von Zeit zu Zeit lassen sich über Meran als Kurort Stimmen hören, die uns Meraner zu grell an das Trommelfell schlagen, als daß wir nicht eine entschuldigende Einrede dagegen erheben sollten. Erlauben sie daher einem sogenannten Vollblut – Meraner edelster Rage einige Worte zur Vertheidigung seiner Mitbürger zu sagen.

Ich anerkenne die Wahrheit der Anklage Ihres S? Korrespondenten größtentheils, jedoch das plus oder minus des Gewichtes derselben, das uns Meranern aufgebürdet werden kann, möchte ich abgewogen wissen. Die Bürger von Meran sind wohlhabend, jedoch der städtische Fond im Verhältniß zu den Gemeinden – Auslagen allzugering; denn wir bluten noch immer an den Wunden, die uns für unsern Patriotismus in den Kriegsjahren geschlagen worden, ungeachtet der Bürger mit hoher Gemeindesteuer belegt ist, wie kaum in einem Städtchen Tirols. Daher kam es, daß jeder Antrag aus städtischen Fonde Mittel zur Hebung des Kurwesens herzugeben, den kräftigsten Widerstand fand und findet. Dazu kommt, daß sehr viele und geradezu die wohlhabenden, nicht Gewerbe treibenden Bürger durch die wachsende Frequenz der Kurgäste und die dadurch entstehende Vertheuerung der Quartiere und Lebensmittel nur Nachtheil haben. Es ist einmal so. Amor incipit ab Ego! –

Betrachten wir nun die oft gehörten Anklagen näher. Man klagt über Mangel an Quartieren und Theuerung derselben; und man kann sich über unsern Stumpfsinn nicht genug wundern, daß wir nicht Neubauten mit comfortabler Meublirung aufführen. Ich erwidere: in der Stadt selbst mangelt es, so lange die „Lend“ städtische Holzniederlage ist, geradezu an passenden Bauplätzen; das Bauen selbst ist wegen der hohen Preise des Bauholzes der Ziegel, Baufuhren und des Arbeitslohnes kostspieliger als anderswo; dazu wird der Hausbesitzer hoch besteuert.

Aus diesem Gesagten erklärt sich auch die Theuerung der Wohnungen, noch mehr durch die steigende Frequenz der Kurgäste, und die steigende Zahl der einheimischen Bevölkerung, den vermehrten Beamtenstand, die wachsende Zahl der Studirenden und die vermehrten Gewerbsleute. Meran befindet sich in einer Uebergangsperiode! – Jemehr sich Bauten rentiren, desto eher ist zu erwarten, daß auf der „Lend“ statt der Holzblöcke, stattliche Neubauten mit freundlichen Gärtchen entstehen werden. Kommt herbei ihr Kapitalisten, die ihr das Geld in auswärtige Fabriken tragt, kommt und helft uns Häuser bauen! Uns mangeln disponible Geldkräfte, Kapitale! –

Nicht selten hört man klagen über Mangel und Theuerung an Lebensmitteln – und mit Recht; das fühlt der Bürger selbst am besten, und am schmerzlichsten der arme Mann. „Meran ist ein theures Pflaster!“ Warum? Wegen der geringen Konkurrenz und Mangel an Kommunikationsmitteln. Wir haben kein Flachland und keine Eisenbahnen, um uns aus den entfernten Orten Lebensmitte in ein Paar Stunden zu holen.

Daß es hierorts an feinern Gemüse fehlt, kommt daher, weil unser Klima zur Gemüsekultur zu heiß ist. Die Gemüse gedeihen nicht, außer es wird eine außerordentliche Mühe, die nicht bezahlt wird, daran verwendet. Dazu ist Grund und Boden, Dünger und Arbeitslohn theuer.

Doch es wird sich bessern. Die Konkurrenz wird sich schon mehren, wenn der Bauer merkt, daß er seine Produkte gut bezahlt absetzen kann. Die Menschenkinder im Lodenhemd sind in Geldsachen nicht so unklug, als mancher Korrespondent meint. Merkt der Bauer, woher die Groschen kommen, er kehrt sich schon darnach um; und ist es der Bauer nicht, so sind es schon die Spekulanten, die zu Markte bringen werden. Bald werden die Fische aus dem Vintschgau und Pusterthal auf Wägen zu uns wandern, so bald man hört, daß das Pfund Forellen mir einem Gulden CM. in Meran bezahlt wird.

Man klagt: „Die Straßen der Stadt sind unreinlich, und die Wege der Umgebung verwahrlost!“ Wahr! – aber man bedenke, daß die Wege der Umgebung Dorf-Gemeindewege seien, und die Bürgerschaft damit nichts zu schaffen habe. So lange die Vorsteher der Nachbar-Gemeinden und die einflußreichen Bauern für Verbesserung der Wege keinen Sinn und daher kein Geld haben, so lange ist nichts zu hoffen. Es wäre zu wünschen, daß die politische Behörde Ihren Einfluß nachdrücklichst geltend mache.

Jedoch Eines könnte die Bürgerschaft thun, das ist: einen oder zwei Straßenkehrer in der Stadt anstellen, die wenigstens zur Saisonzeit täglich zweimal die Straßen von dem Unflath reinigen, und mit Wasser bespritzen. Das ist das einzige und leichteste Mittel zu helfen, ohne daß der einzelne Bürger durch Stadt-Polizei-Maßregeln mißgestimmt werde.

Was die Küche der Gasthäuser anbelangt, mag wohl manches tadelnswerthe zu sagen sein; jedoch ist den Besitzer der Gasthöfe „zum Erzherzog Johann“ und „zum Grafen von Meran“ der beste Wille, den Wünschen der Gäste nach Möglichkeit nachkommen, nicht abzusprechen. Diese Ehrenmänner fühlen selbst ganz gut wo es fehlt, und suchen mit jedem Jahre ihre Wirtschaft zu verbessern. So hat auch Ersterer im letzten Jahre bedeutende Kapitale verausgabt, seinen Gasthof komfortabler zu meubliren, zu vergrößern und ein Kaffee mit Billard herzustellen, und macht die größten Anstrengungen den Klagen über, die Küche abzuhelfen. Täglich über hundert oft zweihundert Gäste zur Mittagstafel zu bedienen, ist in einem Landstädtchen eine schwierige Aufgabe; und wer billig denkt wird Nachsicht haben, wenn manches nicht nach Wunsch ausfällt.

Zum Schlusse sei es noch erlaubt, ein Wort zur Ehrenrettung der Fremdenkommission zu sagen. Es haben sich auf vielfaches Verlangen von Kurgästen mehrere ehrenwerthe Männer, voran der Herr Bürgermeister Haller, zusammengethan, um durch Einführung einer Kurtaxe Geldmittel aus Handen der Kurgäste zu empfangen, ums selbe nach bester Einsicht und Redlichkeit einzig und allein zum Wohle der Kurgäste zu verwenden. Ich glaube das Unternehmen verdiene nur Belobung und Unterstützung; allein es gibt Köpfe die anders denken, und es ergab sich unter andern der Fall, daß „ein Baron“ sich hartnäckig weigerte einen Gulden! als Kurtaxe zu zahlen. Nicht minder tadelswerth ist es, daß die Kellner der ersten Gasthöfe durch ungenaue Angabe der Aufenthaltszeit der Gäste den Fond um beträchtliche Beiträge verkürzen. Es wäre im Interesse des Kurwesens zu wünschen, daß die Gasthofbesitzer ihre Kellner verhalten, hierin genauer zu sein und die Kommission in ihrem Wirken nicht zu behindern. – Ein Meraner.

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Das Jahr 1850 war in Meran von administrativen Neuerungen wie der Erhebung zur Bezirkshauptmannschaft und der Konstituierung der ersten freien Gemeinde geprägt. Schwerwiegende Naturkatastrophen durch Unwetter und Murenabgänge forderten im Umland Opfer und machten umfangreiche Hilfsmaßnahmen sowie Infrastrukturreparaturen notwendig. Gleichzeitig erlebte die Stadt durch kaiserliche Besuche, das k. k. Freischießen und die Etablierung als Kur- und Schulstandort wichtige Impulse für ihre touristische und gesellschaftliche Entwicklung. →

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"Zur Lage Merans als Kurort: Eine Entgegnung auf öffentliche Beschwerden." Der Bote für Tirol, 10. Oktober 1850. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/10.10.1850/153221/2. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1850-10-10-zur-lage-merans-als-kurort-eine-entgegnung-auf-oeffentliche-beschwerden