Das Verhältnis zwischen Deutsch- und Wälschtirol
Ein Korrespondent aus Südtirol beklagt das tiefe Misstrauen und die feindseligen Reaktionen wälschtirolischer Blätter gegenüber deutschtirolischen Versöhnungsappellen. Dabei kritisiert er insbesondere die Verdächtigung des kaiserlichen Thronwechsels und hinterfragt die Motive politischer Scharfmacher in Trient und Rovereto.
Vollständige Transkription
Südtirol, am 8. Dez. Es scheint wirklich zu den Eigenthümlichkeiten des wälschtirolischen Charakters zu gehören, auf der Basis des allgemeinen Mißtrauens zu fußen, und in jedem Gesinnungsausdrucke, in jedem, wenn auch noch so wohlgemeinten Rathe, die schnödeste Selbstsucht, den schmuzigsten Eigennutz zu erblicken.
Mag diese Eigenthümlichkeit nun auch ihren Grund in bitterer Erfahrung und in dem Selbstbewußtsein gewisser anderer Charakterschwächen haben, und deßwegen einige Entschuldigung verdienen, so ist die Entblößung derselben in einer Periode, wo nur durch wechselseitiges Vertrauen die Zerwürfnisse, die da bestanden und leider noch bestehen, gehoben werden können, gewiß nicht zu rechtfertigen.
Wenn einerseits der hier lebende Deutsche in manchen Aeußerungen hiesiger Bewohner die wünschenswerthesten Gesinnungen zu erblicken wähnt, und öffentlich darüber seine Freude bezeigt, wie weiland der Berichterstatter über die Loyalitätsbezeigungen der Trientiner Konskriptionspflichtigen, so zeigt die Erfahrung, daß der Wälschtiroler andererseits das gegentheilige Prinzip verfolgt.
So schalt jüngst ein Polemiker in Nr. 119 der Roverdaner Zeitung den Verfasser jenes, wenn auch nicht tadelfreien, doch wohlgemeinen Artikels in Nr. 159 des Tirolerbothen als einen Heuchler, und warnte das auserwählte Volk Südtirols vor solchen Pharisäern, so sucht man aus jedem Versöhnung predigenden Artikel deutsch-tirolischer Blätter den gierigen Wolf in Schafsfelle gehüllt, herauszufinden, und erwiedert ihn mit gemeinen Schmähworten, die nichts beweisen als ihre Herkunft.
Doch wie soll uns ein derlei Verfahren in Staunen setzen, da man sich in Trient nicht entblödete, bei der Nachricht von der Thronbesteigung des Erzherzogs Franz Joseph diesen Akt tadelnd als einen Machtstreich der Regierung zu schildern, um die im Monate März ertheilte Völkerfreiheit ungescheut zurücknehmen zu können, und das begonnene Verfassungswerk mit einem Male umzustoßen. Und fanden nun diese Eiferer ihre Behauptung durch das Manifest unsers gegenwärtigen Regenten entkräftet, so unterließen sie es ja nicht, dasselbe als leeren Schall, als Sand in die Augen leichtgläubigen Volkes gestreut zu bezeichnen, seinen Inhalt zu mißdeuten, und in nichtkonstitutionellem Sinne zu interpretiren, und auf diese Art des Kaisers Wort Angesichts der Bevölkerung zu verdächtigen.
Ob man für ein solches Vorgehen in dem mißtrauenden Charakter des Wälschtirolers den einzigen Grund finden, oder ob man nicht darin das Streben einer Partei erblicken kann, welche die noch in einem großen Theile der Bevölkerung vorherrschende loyale Gesinnung zu unterdrücken, und den Geist der Aufregung zu nähren sucht, und ob endlich auf diese Art der dem Deutschtiroler gemachte Vorwurf eines Versöhnung scheuenden Gemüthes nicht eben auf den Wälschtiroler selbst zurückfalle — dies bleibt dem öffentlichen Urtheile anheimgestellt.
Auch in diesem Monat
- Der Bote für Tirol1840er4 Schlagwörter
Vorbeugung von Unruhen um die Brauerei Schwarz in Bozen
Ein Bericht aus Bozen schildert die Abwendung befürchteter Unruhen gegen die Pächter der Karlischen Brauerei. Durch das Eingreifen des Kreisamtes, der Nationalgarde und des k. k. Militärs konnte die öffentliche Ordnung vollständig gewahrt werden. Die Bürger verurteilen gewaltsame Selbsthilfe und setzen auf eine behördliche Beschwerde an das Ministerium.
- Der Bote für Tirol1840er5 Schlagwörter
Ernennung eines Gouverneurs und Feierlichkeiten zur Thronbesteigung von Kaiser Franz Joseph I. in Bozen
Graf Kajetan von Bissingen-Nippenburg wurde zum Gouverneur von Tirol und Vorarlberg ernannt. In Bozen wurde der Thronwechsel von Kaiser Ferdinand I. zu Kaiser Franz Joseph I. mit einem feierlichen Hochamt unter Teilnahme von Erzherzog Rainer und städtischen Honoratioren begangen.
- Der Bote für Tirol1840er4 Schlagwörter
Zur Petition über die Entfernung deutscher Beamten aus den italienischen Landesteilen
Bericht über eine vom Trienter vaterländischen Verein ausgehende Petition zur Abberufung deutscher Beamter aus den italienischen Kreisen Tirols. Der Verfasser beleuchtet die Sehnsucht der Beamten nach einer Rückkehr in ihre Heimat und warnt vor den Grundsätzen der Gegenseitigkeit in anderen Reichsteilen.
1848 im Überblick
Das Jahr 1848 war in Meran und Tirol von den revolutionären Umwälzungen, der verfassungsmäßigen Neuordnung und den Auswirkungen der italienischen Aufstände geprägt. Neben der militärischen Landesverteidigung und der Unterstützung verwundeter Soldaten standen die Wahlen zur Frankfurter Nationalversammlung sowie der politische Diskurs über nationale und regionale Fragen im Mittelpunkt. Das Jahr klang schließlich mit institutionellen Veränderungen, darunter dem Thronwechsel zu Kaiser Franz Joseph I., und einem sich verschärfenden Nationalitätenkonflikt aus. →
Zitieren & Teilen
"Das Verhältnis zwischen Deutsch- und Wälschtirol." Der Bote für Tirol, 14. Dezember 1848. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/14.12.1848/152680/3. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1848-12-14-das-verhaeltnis-zwischen-deutsch-und-waelschtirol