Die Splügner und die Stilfser Straße
Ein Bericht über die hochalpinen Kunststraßen über den Splügenpass und das Stilfser Joch, ihre bauliche Bedeutung und die Organisation des anspruchsvollen Winterdienstes durch festes Räumpersonal und saisonale Hilfskräfte.
Vollständige Transkription
Die Splügner und die Stilfser-Straße. 1/2
Bequeme, sichere und vielverzweigte Kommunikationslinien, seyen nun diese zu Lande oder zu Wasser, fördern in mehr als in einer Hinsicht die Wohlfahrt der Länder, die sie durchziehen.
Diese Wahrheit wurde in dem österreichischen Kaiserstaate, namentlich in den letzteren friedegesegneten Decennien in hohem Grade gewürdigt. Daher besitzt derselbe auch ein weit verbreitetes Straßennetz, in welchem nunmehr die Eisenbahnen so bedeutsam verflochten erscheinen.
Unter den Gebirgs-Kunststraßen stehen die Splügner und die Stilfser Straße oben an. Die eine übersetzt die nördliche Alpenkette der italienischen Halbinsel in einer Höhe von 2115 Meter über dem mittelländischen Meere. Die Höhe der Stilfser Straße beträgt 2798 Meter *), weshalb dieselbe beinahe die Schneelinie erreicht, und die höchste Kunststraße in Europa ist.
Diese in den Jahren 1818 und 1825 der öffentlichen Passage eröffneten Straßenzüge liefern gleichfalls den Beweis, wie der Mensch, unterstützt von scharfem Talente, gediegenem Studium, unerschütterlicher Beharrlichkeit und ergiebigen Geldkräften bei der Schaffung und Erhaltung seiner Werke Naturhindernisse zu überwinden weiß, die beim ersten Anblicke unübersteigbar scheinen.
Eben so großartig stellen sich die besonderen Einrichtungen dar, die daselbst getroffen sind, um die Befahrung selbst in allen Stadien des strengen Alpenwinters möglich zu machen, und ein jedwedes Fuhrwerk, so wie den einzelnen Wanderer gegen die mannigfachen Elementar-Vorfälle zu schützen.
Die Zweckmäßigkeit und Solidität jener Straßenführungen und diese durch vieljährige Erfahrungen erprobten Vorkehrungen, welche Letztere wir zum Gegenstande unserer gegenwärtigen Besprechung gewählt haben, erklären sattsam, wie es komme, daß das Splügner und das Stilfser oder Wormser Joch nicht bloß zur Erreichung kommerzieller, militärischer und wissenschaftlicher Zwecke übersetzt, sondern auch von Individuen besucht wird, die sich dem Doppelgenusse der Betrachtung der wunderbar gestalteten Alpenwelt und kühner Straßenleitungen verschaffen wollen.
So wie bei allen in wohlgeordneter Erhaltung befindlichen Straßen werden den stabilen Einräumern bei außerordentlichen, durch Elementar-Ereignisse benöthigten Arbeiten Hülfstagleute beigegeben. Allein eine besondere Gattung Arbeiter sind die Rotteri (von rompere, brechen, so genannt) die in der Winterszeit, nämlich in der Periode vom wirklichen oder angedrohten ersten Schneefalle, der im Spätherbste einzutreten pflegt, bis zum Zeitpunkte der gänzlichen Befreiung der Straßenbahn vom Schnee für den Straßendienst aufgenommen werden.
Ihre vorzügliche Obliegenheit besteht darin, daß sie von der 5 Meter breiten Straße den Schnee und das Eis möglichst zu beseitigen, und daher auch die verschiedenen Stellen oder Gallerien (gallerie, paravalanghe) frei zu erhalten haben, indem deren Eingänge und Fensteröffnungen zuweilen durch den dahin verwehten Schnee verlegt und von Eiszapfenbildungen umgeben sind, von denen die an den Eingängen wegen den großen Dimensionen den Reisenden gefährlich werden könnten.
Bei bedeutenden, anhaltenden Schneefällen, wenn die Passage nur für die Schlitten eröffnet werden kann, müssen die Rotteri dieselbe dadurch bewerkstelligen, daß sie mit allfälliger Zuhülfenahme anderer Arbeitskräfte, je nachdem die Straße in das Terrän stark eingeschnitten ist oder frei liegt, den Schnee in einer Breite von 1.8 Meter und von 1.5 Meter in der möglichsten Tiefe unter gleichzeitiger Bildung senkrechter Seitenwände auszuschaufeln haben. Auf Gesichtsweite, bei der jedoch die Entfernung nie mehr als 100 Meter betragen darf, werden Ausweichplätze hergestellt. Es versteht sich übrigens von selbst, daß schon wegen der eingeleiteten Schlittenfahrt der Bahn eine entsprechende Schneedecke belassen werden muß.
*) Ein Meter etwas mehr als 3.16 Wiener-Fuß.
Auch in diesem Monat
- Der Bote für Tirol1840er5 Schlagwörter
Die Splügner und die Stilfser Straße (Schluss)
Der zweite Teil des Berichts über die Alpenübergänge am Splügen und am Stilfser Joch beschreibt den Übergang vom Schlitten- zum Wagenverkehr im Frühjahr sowie die Organisation der Straßenräumer (Rotteri). Detailliert dargestellt werden deren Pflichten, Ausrüstung, bauliche Schutzhütten (Casini und Kantoniere) sowie die Versorgung und Rettung von Reisenden.
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"Die Splügner und die Stilfser Straße." Der Bote für Tirol, 3. November 1845. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/03.11.1845/152282/3. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1845-11-03-die-spluegner-und-die-stilfser-strasse