Statistische Notizen über die Sette Communi
Ein ethnografischer und statistischer Bericht über die Lebensweise, Wirtschaft und Wohnverhältnisse der Bevölkerung in den Sette Comuni und Asiago im Jahr 1825.
Vollständige Transkription
Anhang.
Ueber die Sette Communi. 2/2
(Beschluß.)
Dermalen genießen die Einwohner von Asiago zwar einen gewissen Wohlstand, indessen sind nur wenige reich an Ländereien oder Vieh, und selbst diese wenigen leben, trotz ihres Wohlstandes, wie Wilde. Der Gebrauch des Tischzeugs z. B. ist ihnen unbekannt. Einige Gebildetere wollten einen Unterschied zwischen Herrn und Diener einführen, mußten aber auf ihr Vorhaben Verzicht leisten, weil sie Niemanden fanden, der nicht verlangt hätte, mit seinem Herrn zu gleicher Zeit und an einem Tische zu essen. - In sämmtlichen Sette Communi ist nie ein Stier geschlachtet worden; man nährt sich nur vom Fleische junger Kälber und Ziegen. Ihr Handel besteht aus dem Verkaufe von Schlachtvieh und einer kleinen Anzahl von Kühen. Sie verfertigen wenig Butter, und benüzen die Milch fast bloß zur Zubereitung von Käse. - Die Vorsehung gab diesen Bergbewohnern einen kräftigen Geist und viele natürliche Anlagen. In ihrer Rache sind sie schlau und hinterlistig. Ihre Gesichtsbildung erinnert sehr stark an die Züge der nordischen Völkerschaften; sie haben starke Backen, kleine Augen und eine platte Nase; ihr Wuchs ist mehr als mittelmäßig, und ihr Gliederbau fest und kräftig. Die Weiber sind nichts weniger als schön und zart gebaut; sie warten bei Tische auf, und setzen sich selten zum Essen nieder, bevor die Männer sich nicht ganz gesättigt haben. - Zu Anfang Septembers verlassen diejenigen Einwohner, welche kein Handwerk treiben, mit ihrem Vieh das Gebirge, um Futter zu suchen; sie bleiben bis zum Mai weg, wo sie nach ihrer Heimat zurückkehren. Während dieser Zeit gleichen die Sette Communi einem von Amazonen bewohnten Lande, denn die Männer und rüstigen Burschen sind dann abwesend, um ihre Heerden zu hüten. Das ganze Gebiet hat viele Aehnlichkeit mit den Schweizer Gebirgen. Statt der Karren bedient man sich zum Transport der Maulesel, weil man der engen Schluchten wegen mit zweirädrigen Wagen nicht fortkömmt; im Herbste sind sie übrigens fast gar nicht zu passiren, weil die Bergwässer dann die mit Kies angefüllten Thäler überschwemmen, und eben so wenig im Frühjahre wegen des geschmolzenen Schnee´s und Eises. — Die aus Koth erbauten Häuser, oder eigentlicher zu reden, Ställe, in denen die Männer, die Weiber und die Kinder durcheinander wohnen, sind mit Binsen gedeckt, an welchen man große Bretter befestigt, die 2 Fuß über die Straße hinaus ragen, um die Vorübergehenden gegen den Regen zu schützen. Der Heerd befindet sich mitten im Wohnzimmer, und da die Häuser keine Schornsteine haben, so hängt sich der Rauch an die Mauern und Decken der ärmlichen Gemächer, welche so schwarz wie Steinkohlen-Gruben werden. — Während der langen Wintermonate geschieht es häufig, daß ganze Schaaren hungriger Füchse nach Asiago kommen; das Geheul der Hunde, die sie schon in weiter Entfernung wittern, schützen die Einwohner fast immer vor den Unfällen, die solche Besuche veranlassen können. Die Einwohner schließen sich dann in ihre Häuser, und schießen auf diese Thiere durch ihre Fenster, die mit in Oel getränktem Papier verklebt sind, denn es giebt nur wenige Häuser, die Glasfenster haben. — In einem der Dörfer, Namens Enego, verfertigt man Strohhüte, von welchen einige Muster in Mailand bei der Ausstellung italienischer Kunstprodukte vorgezeigt werden konnten.
Auch in diesem Monat
- Der Bote für Tirol1819–18294 Schlagwörter
Beginn der Weinlese und Weinpreise in Bozen
Bericht aus Bozen über den Beginn einer vielversprechenden Weinlese diesseits und jenseits der Etsch im Herbst 1825. Infolge der guten Ernteaussichten senken die örtlichen Gastwirte die Preise für Tischwein.
1825 im Überblick
Das Jahr 1825 war geprägt von bedeutenden infrastrukturellen Fortschritten, insbesondere durch die Fertigstellung und Erprobung der neuen Stilfserjoch-Passstraße als wichtige Handelsverbindung zwischen Tirol und der Lombardei. Gleichzeitig verzeichnete die Region wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen, die von einer erfolgreichen Weinlese über die Förderung lokaler Ressourcen wie dem Vinschgauer Marmor bis hin zu administrativen und kirchlichen Ereignissen reichten. →
Zitieren & Teilen
"Statistische Notizen über die Sette Communi." Der Bote für Tirol, 3. Oktober 1825. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/03.10.1825/150186/4. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1825-10-03-statistische-notizen-ueber-die-sette-communi