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Deutsche Kolonien im südlichen Tirol und im oberen Italien

Zusammenfassung

Der zweite Teil der Abhandlung untersucht die deutschen Sprachinseln im südlichen Tirol und im norditalienischen Raum, wie Deutschnofen, Truden, Altrei und die Sette Comuni. Der Autor erörtert unterschiedliche Dialektmerkmale sowie historische Theorien zur Besiedlung durch Bergknappen oder im Zuge der Errichtung der Veroneser Mark. Zudem fordert er dringende sprachwissenschaftliche Untersuchungen vor Ort, da der Gebrauch der deutschen Sprache rapide zurückgeht.

Vollständige Transkription

Anhang.

Geschichte.

Deutsche Kolonien im südlichen Tirol und im oberen Italien. (Beschluß.) – 2/2

Die Einwohner aller dieser Gemeinden, nennet man zu Bozen mit einem Kollektiv-Nahmen Reckelberger und den Umfang der Gebirge, die sie bewohnen, den Reckelberg ; woher dieser, im Gebirge selbst nicht vorkommende Nahme entstanden sey, ist mir nicht bekannt. Offenbar gehören die Einwohner aller dieser Gemeinden zu demselben Stamme; aber sie sind von dem rückwärts liegenden tirolischen Hauptstamme durch ihre Kleidertracht und durch ihren Dialekt so auffallend verschieden, daß man ihnen nothwendig einen andern Ursprung geben, und sie für eine, aus einer andern deutschen Gegend eingewanderte Kolonie ansehen muß. Ihr Dialekt kõmmt sonst nirgends in Tirol so vor, und er hat vor dem gemeinen Tiroler Dialekte selbst manchen Vorzug, wird übrigens, wie man annimmt, am besten zu Deutschhofen gesprochen. So, um nur Einiges anzuführen, wird hier das in Tirol allgemeine ös oder es (vos) durch das āchtdeutsche ihr verdrängt; so behält das ā, welches im übrigen Tirol oft in das offene a verwandelt wird, seinen wahren Laut; wälsch, Wälder, nicht walsch, Walder. u. s. w. Daß die Bevölkerung dieser Gemeinden durch eine, in einem verflossenen Jahrhundert dahin geführte Kolonie entstanden sey, bestätiget auch eine Volkssage, die sich unter diesen Leuten bis auf unsere Tage erhalten hat. Sie sagen, ein Kaiser, den ich bald Heinrich, bald Konrad, doch öfter mit dem letzteren Nahmen nennen hörte, habe ihre Vorältern als Bergknappen in diese Gegend geschickt, nach Erzen zu graben, und da der Erfolg den Hoffnungen nicht entsprach, ihnen diese Gebirge zur Benutzung der Oberfläche geschenkt.

Setzet man seinen Weg im Gebirge, immer in der Richtung nach Süden, fort, so gelanget man von Aldein unmittelbar zu der deutschen Gemeinde Truden, und von dieser zu der ebenfalls deutschen Gemeinde Altrei, deren Dialekt wieder von jenem der vorgenannten Gemeinden und auch von dem tirolischen Hauptdialekte auffallend verschieden ist. Das durch die Nase gesprochene au (der Mau nach, für der Mond rc.) scheint beinahe bestimmt die schwäbische Gegend zu bezeichnen, aus der diese Kolonie gekommen ist. Aehnlich diesem Dialekte ist, so viel ich weiß, nur jener von Tisens und Senal; die Bewohner dieser Orte scheinen gleichfalls eine zwischen dem bei Meran und Lana sich begränzenden deutschtirolischen Hauptstamme und den hernach folgenden Italienern eingeschobene Kolonie zu seyn.

Niemand ist bisher eingefallen, über alle diese Gemeinden so mühsame Forschungen anzustellen, wie bei den von Italienern umgebenen deutschen Gemeinden; sie machten nämlich, weil sie wenigstens von einer Seite an andere deutsche Gemeinden aus dem tirolischen Hauptstamme gränzten, nicht so viel Aufsehen. Es ist aber klar, daß, sobald schon der Ursprung erforschet werden will, die Frage auf die einen dieser Kolonien so gut, wie auf die andern ausgedehnet werden muß. Bis Altrei geht die deutsche Sprache auch unten im Etschthale noch fort; sie findet aber da zu Salurn ihre Gränze. Allein oben im Gebirge ist es nicht so; da kömmt man, nach Süden fortschreitend, sehr bald zu den deutschen Gemeinden der Landgerichte Pergine und Civezzano, von welchen Bartolomei geschrieben hat, und die deutsche Sprache setzt sich von dort auf dem Gebirge noch weiter und beinahe ununterbrochen bis in die sieben und dreizehen Gemeinden fort. — Wir haben zwei offenbar verschiedene Dialekte, jene von Deutschnofen und von Truden, gesehen; Bartolomei fand in den von ihm untersuchten Gemeinden ebenfalls drei verschiedene Dialekte, und jener der Sette Comuni scheint von diesen doch auch wieder verschieden zu seyn. So viele verschiedene Mundarten scheinen einen einleuchtenden Beweis zu geben, daß in diesen Gegenden einmal Kolonisten aus verschiedenen Theilen von Deutschland vertheilet worden sind. Bartolomei fand auch Spuren vom Plattdeutschen, oder, wie er sagt, vom Holländischen an dem t bei Wörtern, die dafür im Hoch- und Oberdeutschen das s haben. — Der Kaiser Otto der Große hat durch die Bildung der Veroneser Mark Deutschlands Gränzen bis über den südlichen Fuß der Alpen ausgedehnet. Es dürfte eine nicht zu gewagte Muthmaßung seyn, wenn man annimmt, daß zu jener Zeit diese Kolonisirung geschehen sey, und daß man, um der neuen Gränze Festigkeit zu geben, das Land mit Deutschen zu bevölkern sich bemühet habe. Auf jeden Fall dürfte diese Hypothese vor jenen weit den Vorzug verdienen, die bis in die Zeit der Römer oder der Frankenwanderung zurückgehen. Doch kann, nach der Deutschnofner Volkssage, auch der Bergbau, worin die Industrie der Deutschen uralt ist, die Veranlassung dieser Kolonien gewesen seyn.

Es ist indessen sehr zu wünschen, daß ein wohl unterrichteter Deutscher, der aber mit einem gründlichen Studium der deutschen auch eine gute Kenntniß der italienischen Sprache verbinden müßte, eigene Forschungen in diesen Gemeinden selbst vornehme. Offenbar wären dabei für das Geschichtliche und insbesondere für die Sprache sehr interessante Aufschlüsse zu gewinnen. Zwar haben Pezzo und aus ihm Büsching, Bartolomei und der Graf v. Sternberg ziemlich lange Wörterverzeichnisse geliefert; aber alle sind von Italienern aufgenommen, und auch auf italienische Art geschrieben. Es läßt sich daher nicht mit Sicherheit darauf bauen; dazu geben solche einzelne Wörter keinen genügenden Begriff von der Sprache. - Man muss aber auch noch den Wunsch beifügen, dass eine solche Forschung ja eher, je lieber vorgenommen werde, indem sich die deutsche Sprache dieser Gemeinden im italienischen Tirol und im obern Italien von Tage zu Tage mehr verliert. In früheren Jahrhunderten hatten diese Gemeinden deutsche Geistliche zu Pfarrern; davon ist es aber längst abgekommen, und die Leute erhalten allen Religions- und Schulunterricht nur in der italienischen Sprache, die sie neben ihrer deutschen alle verstehen und sprechen. Man sagt auch, einige Pfarrer geben sich eine eigene Mühe, die deutsche Sprache immer mehr zu verdrängen. Vielleicht kommt es daher, daß diese Leute, was schon Bartolomei erfahren hat, und auch heut zu Tage so der Fall seyn soll, ein gewisses Mißtrauen äußern, wenn man sie gegen einen Fremden deutsch sprechen machen will, und daß sie äußerst schwer dazu zu vermögen sind. Die deutsche Sprache scheint im südlichen Tirol einst viel weiter, als nun, z. B. im Cembrathale, durch einen großen Theil von Valsugana, auch in Primör verbreitet gewesen zu seyn. Bartolomei nennt schon Gemeinden, wo sie längst, andere, wo sie seit kurzem aufgehört; da und dort fand er in einer Gemeinde nur noch ein Paar Familien, die deutsch sprachen. Ohne Zweifel hat diese Sprache seither sich noch viel mehr verloren. Wo sie aber noch besteht, ist sie mit italienischen Wörtern und Italianismen sehr vermengt, und die Menschen sind darum, und, wie Bartolemi sagt, auch, weil sie ihr Deutsch sehr geschwinde sprechen, etwas schwer zu verstehen. – Doch ich schließe, mit dem fernern Wunsche, diese Andeutungen möchten nicht unbenutzt bleiben.

Auch in diesem Monat

  • Der Bote für Tirol1819–18295 Schlagwörter

    Deutsche Kolonien im südlichen Tirol und im oberen Italien

    Eine historische Untersuchung über die Herkunft, Sprache und Dialekte der deutschen Sprachinseln im südlichen Tirol und in Oberitalien, darunter die Sette und Tredici Comuni sowie die Gemeinden im Regglberg-Gebiet. Der Autor diskutiert verschiedene Hypothesen zur Entstehung dieser Kolonien und fordert eine eingehende wissenschaftliche Dokumentation, bevor die deutsche Sprache in diesen Gebieten erlischt.

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"Deutsche Kolonien im südlichen Tirol und im oberen Italien." Der Bote für Tirol, 9. Juli 1821. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/09.07.1821/149744/4. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1821-07-09-deutsche-kolonien-im-suedlichen-tirol-und-im-oberen-italien