Deutsche Kolonien im südlichen Tirol und im oberen Italien
Eine historische Untersuchung über die Herkunft, Sprache und Dialekte der deutschen Sprachinseln im südlichen Tirol und in Oberitalien, darunter die Sette und Tredici Comuni sowie die Gemeinden im Regglberg-Gebiet. Der Autor diskutiert verschiedene Hypothesen zur Entstehung dieser Kolonien und fordert eine eingehende wissenschaftliche Dokumentation, bevor die deutsche Sprache in diesen Gebieten erlischt.
Vollständige Transkription
Anhang.
Deutsche Kolonien im südlichen Tirol und im obern Italien. – 1/2
Die deutschen Gemeinden am südlichen Ende der Alpen, die *Sette Comuni in den vicentinischen, und die Tredeci Comuni in den veronesischen Gebirgen, sind längst als eine auffallende und merkwürdige Erscheinung angesehen worden, und mehrere italienische Schriftsteller, Scipio Maffei, Pezzo, Costa rc. haben in gelehrten Abhandlungen zu erforschen gesucht, woher doch diese Deutschen gekommen sey´n. Auch Büsching* ist in diese Frage eingegangen.
Unmittelbar an diese vicentinischen und veronesischen schließen sich andere, zum italienischen Tirol gehörige deutsche Gemeinden, jene von Folgaria und Lavarone (Folgreit und Lafraun,) an, und, nur etwas unterbrochen, folgen weiter nördlich wieder andere, theils in dem Landgerichte Civezzano auf dem Gebirge von Pine´, wie wohl da die deutsche Sprache sich schon beinahe ganz verlohren hat, theils und noch mehr im Landgerichte Pergine; auch im Valsugana, besonders zu Roncegno, giebt es seit uralten Zeiten Deutsche. Die genannten Schriftsteller haben ihre Frage zum Theil auch auf diese tirolischen Gemeinden ausgedehnt. Aber auch ein tirolischer Gelehrter hat sich an dieser Aufgabe versucht, nämlich der durch eine gründliche Abhandlung über die Trienter, Meraner und Veroneser Münzen bekannte Rechtsgelehrte Simon Peter Bartolomei von Pergine, welcher um das Jahr 1760, von dem Minister, Grafen Karl von Firmian aufgefordert, eine noch ungedruckte Abhandlung: *De orientalium Tyrolensium, praecipue alpinorum Originibus*, geschrieben hat. Er hatte den Vorzug vor den erwähnten italienischen Schriftstellern, daß er der deutschen Sprache kündig war, und er hat sich viele Mühe gegeben, durch unmittelbaren Verkehr und Umgang mit den Menschen dieser deutschen Gemeinden sich zu unterrichten. Auch enthält seine Abhandlung eine Menge sehr schätzbare Notizen.
Alle diese Gelehrten, auch Bartolomei, sehen in diesen Deutschen Abkömmlinge der alten, von dem Römer Marius besiegten Cimbern, oder doch von ihren Verbündeten, den Tigurinern. Sie nehmen an, Reste dieser geschlagenen Barbaren haben sich in die, dem Kampfplatze nächsten Gebirge geflüchtet, und sey´n da von den Römern nicht weiter verfolget worden. Diese Meinung, die in den Sette Comuni, nach dem Grafen v. Sternberg, auch Volksmeinung ist, kam später doch in Mißkredit, und man nahm dafür die Hypothese an, diese Deutschen sey´n Abkömmlinge jener Alemannen und Thüringer, die im Jahre 496 von dem Frankenkönige Chlodwig bei Kölln geschlagen worden. Man erlaubet sich die Muthmaßung, die Geschlagenen haben sich, um dem Joche der Franken zu entgehen, nach Italien hin gezogen, und dem Gothenkönige Theodorich unterworfen. Alle diese Abhandlungen und Erklärungsarten zeugen aber von vieler antiquarischer Gelehrsamkeit, und bleiben in der That willkürliche, schlecht begründete Hypothesen. Schon die Sprache *) dieser Gemeinden scheint zu beweisen, daß man so außerordentlich weit in die Vorzeit nicht zurückgehen könne. Dem Grafen v. Sternberg schien die Aussprache der Einwohner der Sette Communi mit jener des baierischen Gebirgsbewohner aus der Gegend von Schliersee und Tegernsee am nächsten übereinzukommen, und es ist ihnen nicht unwahrscheinlich, dass dieses Völkchen baierischen Stammes sey.
Gewiss ist indessen, daß diese Deutschen sich in ihren jetzigen Sitzen schon seit vielen Jahrhunderten befinden. Ein Freiheitsbrief des Doge von Venedig vom Jahre 1417 bestätigt der Sette Comuni ihre seit undenklichen Zeiten und selbst aus der Zeit, da Vicenza sich noch als Republik selbst regierte, bestehenden Freiheiten. Bartolomei bringt eine Urkunde vom Jahre 1166 bei, aus welcher es offenbar wird, daß das Gebirge bei Pergine damals schon von deutschen Gemeinden bewohnt war. Die Urkunde ist eine Art von Statut, welches vor dem Abte Treutwig des Klosters Wald (de Waldo) bei Pergine für eben diese Gemeinden errichtet wurde. Allein darum ist es denn doch nicht nöthig, bis zu Marius oder doch bis zum Könige Chlodwig zurückzugehen. Wir halten diese Deutschen für Abkömmlinge von Kolonisten, die wahrscheinlich zwischen dem zehnten und zwölften Jahrhundert in diese Gegend versetzt worden sind.
Bartolomei hat unter den Deutschen des italienischen Tirols drei, wie ihm schien, offenbar verschiedene Dialekte bemerket, was schon beweist, dass man sie nicht von einem einzelnen deutschen Stamme ableiten kann, und es wahrscheinlich macht, daß sie vielmehr von Kolonisten, in verschiedenen Gegenden von Deutschland geworben, abstammen. Man muß, um dieß beinahe zur Gewissheit zu erheben, nur nicht, wie es bisher geschah, bloß bei den von italienischer Bevölkerung umgebenen Deutschen stehen bleiben. Man gehe da, wo das italienische Tirol und die darin liegenden deutschen Gemeinden aufhören, man gehe von den Gebirgen von Piné und Pergine weiter nördlich zurück, nach Altrei oder Altrui (Altaripa) nach Truden (Trodena) nach Aldein, Deutschnofen u. s. w. und man stößt wieder auf deutsche Gemeinden von auffallend verschiedenem Dialekte. Doch wir wollen, die Sache mehr klar zu machen, den Weg umgekehrt von Norden nach Süden nehmen.
Wenn man aus dem Innthale über den Brenner südwärts fortschreitet, und die Einwohner des Landes im Thale wie im Gebirge, ihre Sprache, ihre Kleidungsart und ihre Sitten beobachtet, kann man, trotz einer Menge verschiedener Nuancirungen, nicht umhin, sie alle für ein Volk desselben Stammes zu halten, bis man, auf dem Gebirge am linken Eisackufer immer südwärts fortgehend, auf einmal an Gemeinden kömmt, bei denen man eine Ausnahme zu machen sich gezwungen sieht. Noch die Gemeinden Vels, Tiers und Steineck gehören ganz offenbar zu dem großen deutschtirolischen Volksstamme. Unmittelbar an diese gränzen die Gemeinden Wälschnofen (Nova Italiana), Eggenthal (Valle di S. Niccolò) und Deutschnofen (Nova Tedesca) mit den, am Abhange des Gebirges liegenden, zu dem Landgerichte Bozen gehörigen kleinen Gemeinden Kollern, Kampenn, Seit und Breitenberg; hinter Deutschnofen folgen die Gemeinden Petersberg, Aldein und Radein. (Belschl. f.)
*) Um die dort noch heute zu Tage übliche Sprache näher und gründlicher untersuchen zu können, glaubet die Redaktion zweckdienlich ihren Lesern ein Beispiel derselben aus dem in dem Seminarium zu Padua 1813 gedruckten Volkskatechistmus unter dem Titel „Dar Kloane Catechismo vor dez Bélozeland, vortraghet in z´ Gaprechi von siben Perghen" zur Prüfung vorlegen zu müssen.
Pater noster. Unzar Vater vôn me Hümmelé sai gaeart eiir halgar namó: Kemme dar eur Hümmel, sai gatáant allez baz ar helt iart, bia in Hümmel, aso af d´earda: ghetüz heüte ünzar proat von altághe: un lacctütz naach ünzare schulle, bia bar láceuse naach biar den da saint schullik üz: haltotütz gahütet von tentaciún: un hevetüz de übel. Asó saiz.
Ave Maria. Ich grüzach, Maria, volla grazien, Gott dar Herre ist met eüch: séelik iart übar de baibar: séelik z´kint von eureme láibe Jesus: Halga Maria, Muter von Gotte me Herren, pittet vor üz süntar, hommest, un af an stunt von ünzarme tóade, Asó saiz.
Credo. Ich clobe in an einen Gott, Vater, da mak allez da hat gaschát in Hümmel un déarda; un in Jesu Christo sain anlóandar Sun ünzarn Herren, da ist gabéest concep´iart vor arbot von me halghen spiriten: gabüärtet von Maria Vergine: hat geláidet untar Pontio Pilato: ist gabéest ganághelt af z´ Kreüce, gestörbet, un begrabet; ist gant nidar in de hella: drai taghe darnáach ist auf gastánnet von tóaten: ist gant zu´ Hümmele: sitzet af de rechte von me Gott Vatere da mak allez: von da hat er zo kemman zu judicaran léntegehe un tóate. Ich clobe in den halghen spiriten, in de halghe lierche Cattolica, un haben toal von dar bool von Hóleghen, de vorghébenghe von sünten, z´ dorlénteghan von tóaten un an sillenttan léeban af d´ andar belt. Asó saiz.
Auch in diesem Monat
- Der Bote für Tirol1819–18294 Schlagwörter
Deutsche Kolonien im südlichen Tirol und im oberen Italien
Der zweite Teil der Abhandlung untersucht die deutschen Sprachinseln im südlichen Tirol und im norditalienischen Raum, wie Deutschnofen, Truden, Altrei und die Sette Comuni. Der Autor erörtert unterschiedliche Dialektmerkmale sowie historische Theorien zur Besiedlung durch Bergknappen oder im Zuge der Errichtung der Veroneser Mark. Zudem fordert er dringende sprachwissenschaftliche Untersuchungen vor Ort, da der Gebrauch der deutschen Sprache rapide zurückgeht.
1821 im Überblick
Das Jahr 1821 war in Meran und Tirol stark von extremen Naturereignissen wie den schweren Überschwemmungen im Frühsommer sowie einem verheerenden Bergsturz im Dezember geprägt. Neben diesen Infrastruktur- und Schadensereignissen dokumentierten Berichte landwirtschaftliche Neuerungen wie den Reisanbau, die lokale Verwaltung und Auszeichnungen sowie historische und sprachwissenschaftliche Forschungen. Ergänzt wurde das Jahresgeschehen durch offizielle demografische Erhebungen und Berichte zum regionalen Bau- und Ressourceneinsatz. →
Zitieren & Teilen
"Deutsche Kolonien im südlichen Tirol und im oberen Italien." Der Bote für Tirol, 5. Juli 1821. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/05.07.1821/149743/4. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1821-07-05-deutsche-kolonien-im-suedlichen-tirol-und-im-oberen-italien