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Zur Errichtung einer tirolischen Eisenbahn

Zusammenfassung

Nach dem Ende der Kämpfe in Ungarn rückt in Tirol die wirtschaftliche Zukunft und der Ausbau des Verkehrsnetzes in den Fokus. Angesichts der bayerischen Eisenbahnpläne zwischen München und Salzburg fordert der Beitrag ein abgestimmtes Vorgehen von Nord- und Südtirol zum Bau von Bahnlinien nach Kiefersfelden und Verona.

Vollständige Transkription

Tirolische Eisenbahn.

Seit der Kriegslärm an den Ufern der Theiß und Maros verhallt, die letzten Wogen des Kampfes in den Gebirgsschluchten Siebenbürgen zerschellt sind, seit kein kühner Zug Görgey´s, kein Siegeslauf Haynau´s mehr unsere Aufmerksamkeit nach den Thälern der Karpathen und den sumpfigen Ebenen Magyariens zieht, kehren die Blicke wieder zurück zu der Ruhe unserer vaterländischen Berge. Es geschieht dieß um so lieber, als das Auge hier keinem Schlachtfelde begegnet, nicht auf den Trümmern zerstörter Städte, verwüsteten Feldern und menschenleeren Steppen weilen muß und nicht jeder Fußbreit Boden an zerknickten Wohlstand und jahrelang schmerzende Wunden mahnt. Und doch brauchen wir nur die Karte zur Hand zu nehmen um Besorgnisse nicht minder ernster Natur rege zu machen, wenn wir rings an unsern Grenzen neue Verkehrswege sich erheben sehen, die den Lebensnerv unsers Wohlstandes zu vernichten drohen. Es bedarf hier keiner Wiederholung des oft Gesagten, die Nothwendigkeit spricht beredter als jede Erörterung und lauter als jemals erhebt die Gegenwart die Stimme, daß wir wach sein sollen zur rechten Stunde für unser und unserer Nachkommen Wohl.

Der Plan München und Salzburg mit einer Eisenbahn über Rosenheim zu verbinden ist seiner Verwirklichung nahe, die bairische Regierung hat die Vorarbeiten durch ihre Ingenieure bereits vollendet und zur Vorlage des umständlichen Projektes aufgefordert. In Innsbruck hat man die Bedeutung dieses Schrittes für unsern Verkehr begriffen und der große Bürgerausschuß beschäftigte sich in einer außerordentlichen Sitzung mit den Maßregeln zur Abwehr der Folgen, die daraus für unser Land entspringen müßten, wollten wir unthätig dem Fortschritte des Unternehmens zusehen. Es wurde beschlossen für Errichtung einer Zweigbahn von Innsbruck nach Kiefersfelden, die in die München-Salzburgerbahn münden soll, mit Aufbietung aller Mittel und Wege zu wirken, zu diesem Behufe die Regierung anzugehen ohne Verzug die nöthigen Vorarbeiten aufnehmen, und den Bau auf ihre Kosten ausführen zu lassen; sollte sie indeß dafür nicht zu gewinnen sein, die Sache in eigenen Angriff zu nehmen und mit möglichst ausgedehnter Theilnahme von Privatkräften auszuführen, schließlich Südtirol, Venedig und Verona von diesem Beschlusse und den weitern Schritten in Kenntniß zu setzen, damit auch hier die gleichen Wege und Mittel eingeschlagen werden, um eine Eisenbahn von Bozen nach Verona ins Leben zu rufen. Wir stehen keinen Augenblick an zu behaupten, daß diesem Rufe schleunige Folge gegeben und die Hand, welche uns vom Norden unserer Heimath gereicht wird, ergriffen werden müsse, um gemeinschaftlich an der Zustandebringung des Werkes zu arbeiten. Dieselben Gründe, welche den Bürgerausschuß von Innsbruck bewogen ungesäumt im Namen der Stadt und wohl auch des Landes die Angelegenheit ernstlicher Erwägung zu unterziehen, müßen auch Südtirol bestimmen diesem Vorgange nachzufolgen und seinerseits das Nöthige zu thun um der Sache den wirksamsten Erfolg zu sichern. An ihm ist es jetzt zu zeigen, daß es die richtige Erkenntniß von seinem speziellen und dem allgemeinen Landesinteresse besitze, daß es seine Aufgabe und die Forderung des Augenblicks begreife und hinter seinen tirolischen Brüdern nicht zurückstehe an Thätigkeit und Wachsamkeit für sein materielles Wohl. Es braucht hier nicht darauf hingewiesen zu werden, von welcher Wichtigkeit es sei, daß die Bemühungen beider Landestheile ineinandergreifen und sich gegenseitig in Erreichung ihres Zieles unterstützen, wie gleichmäßig beide an dem ganzen Unternehmen betheiligt und wie sehr das Gelingen und Gedeihen desselben von ihrem Zusammenwirken abhänge. Ueberflüssig ist es auch anzudeuten, wie enge diese Frage mit allen andern Interessen zusammenhänge, wie nothwendig eine Eisenbahn für unsere Verbindung mit Italien, von welch förderndem Einfluß sie für das Fallen der Zollschranken gegen unsre deutschen Nachbarländer und damit für die Gewinnung lang ersehnter besserer Verhältnisse in unserer Weinproduktion sein müsse.

Vorerst gilt es hier auch nicht weitläufig die Mittel und Wege zu untersuchen, die zur Erreichung des Zieles führen sollen, noch zu erörtern ob ein Bau auf Privat- oder Staatskosten vortheilhafter sei, und wie diese Kosten beizuschaffen seien, sondern lediglich die allgemeine Theilnahme für das Unternehmen anzuregen, die Regierung zu den ersten nöthigen Schritten zu veranlassen, und sich mit den für das Unternehmen bereits thätigen Personen und Korporationen in Verbindung zu setzen. Hat die Idee einmal praktischen Boden und Anklang in der öffentlichen Meinung gewonnen, ist man der Mitwirkung oder wenigstens Billigung der Regierung sicher und über die Hauptgrundzüge der Ausführung einig, so werden auch die Mittel nicht fehlen und die weitern gemeinschaftlichen Untersuchungen und Berathungen werden den zweckmäßigsten Weg auffinden lassen, auf dem das Gelingen zu erzielen ist. Als erste Nothwendigkeit stellt es sich daher heraus, daß in Südtirol alle diejenigen, welche sich für die Idee interessiren, sich in ein Komitee vereinigen, und ihre gemeinsame Thätigkeit zu den oben angedeuteten Maßregeln verwenden. Wir sind überzeugt, daß alles, was in dieser Richtung gethan wird, sich der allgemeinste Anerkennung und einer immer regern Theilnahme erfreuen wird, und die für das große Werk gebrachten Opfer ihren Lohn nicht nur in dem Bewußtsein eines patriotischen Handels sondern auch in dem vortheilhaftesten Erfolge finden werden.

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"Zur Errichtung einer tirolischen Eisenbahn." Bozner Zeitung, 12. September 1849. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/2/1/12.09.1849/19929/1. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1849-09-12-zur-errichtung-einer-tirolischen-eisenbahn