Befestigungsbauten am Tonale und Überlegungen zur Tiroler Grenzverteidigung
Ein Bericht erörtert die Fertigstellung der Befestigungen am Tonalepass und befürwortet den militärischen Bau einer Verbindungsstraße über Mendel und Tonale. Zudem wird eine grundlegende Neuorganisation des Tiroler Verteidigungssystems und Schützenwesens sowie der Ausbau von Eisenbahnlinien zur raschen Truppenverlegung gefordert.
Vollständige Transkription
= Von der Etsch, 3. September. Wie ich höre, stehen die Befestigungsarbeiten am Tonale auf dem Punkte beendet zu werden. Den Lehren des vorigen Jahres ist es zu danken, daß man der Grenzvertheidigung unsers Landes ein wachsameres Auge zugewandt als es in der Ruhe der Friedensjahre der Fall gewesen. Zwar ist damals eine Sparsamkeit in den Ausgaben für Militärzwecke nicht bemerkbar gewesen und die Summen, welche für die Stelviostraße und die Franzensveste aufgewendet wurden, scheinen wenigstens von der Wichtigkeit zu zeigen, die man der militärischen Bedeutung Tirols beilegte, indessen war die Sicherung der Grenzen doch ungenügend ins Auge gefaßt worden. Die zahlreichen Uebergänge und Thalmündungen welche auf unserer Südwestseite den Gürtel der Gebirge gegen die Lombardei hindurchbrechen entbehrten bis auf wenige Ausnahmen eines wirksamen Schutzes gegen feindliche Eingriffe. Dabei war man auch wenig bedacht diese Seite für die militärischen Zuzüge zugänglicher zu machen. Dem einsichtigen Blicke des greisen Marschalls konnten diese Gebrechen nicht entgehen, und er soll es auch sein der das schon einmal dagewesene Projekt einer Verbindungsstraße über die Mendel und den Tonale wieder aufgenommen hat. Dem Vorhaben zufolge würde dieselbe mit Hilfe des Militärs gebaut werden, und der Voranschlag der Kosten beliefe sich auf die mäßige Summe von 300,000 Gulden. Man geht auch bereits, wie versichert wird, ernstlich an die Verwirklichung des Planes. Es scheint überhaupt an der Zeit zu sein diesen Angelegenheiten jetzt die Aufmerksamkeit zuzuwenden, wo die Erinnerung an das Erlebte, und die Wichtigkeit des Gegenstandes noch lebhaft vor Augen steht. In der behaglichen Sicherheit des Friedens vergißt man so leicht die mögliche Wiederkehr kriegerischer Bedrängniß und bereut zu spät Vernachlässigungen, die hundertfach mehr Opfer zu Folge haben, als rechtzeitige Vorkehrungen erheischt hätten. Wenn es zu wünschen ist, daß die Blicke des Landes und der Regierung auf diese hochwichtige Frage der Grenzvertheidigung sich mit dem ernstlichen Willen baldiger Ausführung richten, so muß ebenso auf die Nothwendigkeit hingewiesen werden, nicht bloß vereinzelnte Maßregeln zu treffen, sondern nach einem einheitlichen Plane das ganze Vertheidigungssystem einer gründlichen Prüfung und Neugestaltung zu unterwerfen. Außer dem Schützenwesen, das mit Berücksichtigung der neuen Verhältnisse und des Bedürfnisses eines Volkswehrinstitutes, wie es in seinen Vorzügen und frei von den Mängeln der modernen Theorie vielleicht nur bei uns begründet werden kann, vom Grunde aus neu aufgebaut werden sollte, wäre vorzüglich die Befestigung der obenbezeichneten Linie vom Vintschgau bis nach den Judikarien auf allen jenen Punkten wo nicht die Gebirge eine hinreichende Schutzmauer bilden in Bedacht zu ziehen, da sich diese als die verwundbarste Seite des Landes zeigt. Um indeß die Bewachung derselben mit Sicherheit der Wehrkraft des Landes anvertrauen zu können müßte dafür gesorgt werden, daß die Zuzugsmannschaft, die überhaupt so kurz als möglich im Felde zu stehen hat, die bedrohten Punkte auch in der kürzesten Zeit erreiche. Das verflossene Jahr, wo bei aller Bereitwilligkeit der Bewohner auch in den entferntern Landestheilen die Hilfe leicht hätte zu spät kommen können, dürfte auch in dieser Beziehung das Wünschenswerthe neuer Kommunikationsmittel heraus gestellt haben. Es ist nicht zu zweifeln, daß die überwiegenden Gründe des national ökonomischen Interesse wie jene der höhern Strategie den Sieg über die Schwierigkeiten und Bedenken, die bisher der Ziehung einer Eisenbahnlinie durch unser Land entgegengestanden, erringen werden. Damit wäre denn aber auch dem obenangedeuteten Bedürfnisse in zweckmäßigster Weise abgeholfen. Wenn unsere Grenzen befestigt sind, die wehrhafte im Frieden eingeübte Jugend gerüstet steht um beim ersten Rufe von der brausenden Lokomotive auf den Kampfplatz getragen zu werden, so dürfen wir getrost der Möglichkeit ähnlicher Ereignisse wie die jüngst erlebten entgegensehen. Bedenkt man daß die Schienenwege nach Venedig schon von Verona aus befahren werden, daß in jener Stadt wieder die kaiserlichen Farben wehen, und der Frieden im ganzen Umfange des Reiches nicht mehr ferne steht, so möchte der Gedanke an eine tirolische Eisenbahn auch nicht so chimärisch dastehen, wie er es geworden scheint, seit die vor zwei Jahren aufgetauchten Projekte im Lärm der Revolution und des Krieges verklungen. Doch ich wollte bloß einige Andeutungen über unsere Wehrfrage geben und komme da auf das Feld staatsökonomischer Fragen; es ist dieß aber nur ein Beweis, wie eng verschwistert im Leben eines Volkes die Interessen seines Wohlstandes und seiner innern und äußern Freiheit sind.
1849 im Überblick
Das Jahr 1849 war in Meran stark von bildungspolitischen Reformen, insbesondere der Umwandlung des Gymnasiums in ein achtklassiges Obergymnasium mit Unterstützung des Stiftes Marienberg, sowie von kirchlichen und politischen Debatten geprägt. Bedeutende Persönlichkeiten wie der nach Frankfurt berufene Beda Weber prägten den überregionalen Austausch, während lokale Verwaltungen mit steuerpolitischen Streitigkeiten und Naturkatastrophen konfrontiert waren. Zugleich rückten sicherheitspolitische Fragen wie die militärische Landesbefestigung und die Reform des Wehrwesens in den Vordergrund. →
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"Befestigungsbauten am Tonale und Überlegungen zur Tiroler Grenzverteidigung." Bozner Zeitung, 8. September 1849. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/2/1/08.09.1849/19928/2. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1849-09-08-befestigungsbauten-am-tonale-und-ueberlegungen-zur-tiroler-grenzverteidigung