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Mobilisierung der Passeirer Schützen und die Freischaren im Nonsberg

Zusammenfassung

Im April 1848 formieren sich im Passeiertal zwei Schützenkompanien zur Landesverteidigung gegen vorrückende italienische Freischaren und ziehen über Meran Richtung Gampenpass. Ein zeitgleicher Bericht aus Kaltern schildert die Lage in Cles im Nonsberg, wo Freischärler unter Scotti und Ceoli lagerten, bevor österreichische Truppen und Tiroler Freiwillige anrückten.

Vollständige Transkription

Nichtamtlicher Theil.

Meran, am 22. April. Am 20. Abends zogen zwei Kompagnien Passeirer in unser Städtchen. Sie zählten 200 Mann, alles derbe, kräftige Gestalten. Männer, die schon Anno 97 im Pulverdampf gewesen, zogen neben hochgewachsenen Jünglingen einher. Die Bewaffnung bot einen wunderlichen Anblick; Stutzen alter und neuer Fassung, Musketen mit aufgepflanzten Bajonetten wechselten wirre; einige Thalsöhne zogen waffenlos daher voll süßer Hoffnung, so bald es Ernst wird, sich Waffen zu erbeuten. Die dumpfe Trommel dröhnte ihre alten Weisen, die zwei Schwegeln begleiteten sie. Gestern Morgens zogen sie gegen Lana, um den Gampen zu besetzen. Als ihnen hier kurz noch nach ihrer Ankunft bedeutet wurde, die Gefahr sey vorüber und sie sollten wieder nach Hause ziehen, wurden die kampflustigen Männer erbittert. Sie lösen nun die Kompagnie von Lana ab. Die Kompagnie von St. Leonhard hat den Anton Pirpamer zum Hauptmanne, Holzeisen und der Sandwirth Erb sind Leitmänner. Der Hauptmann in der St. Martinerkompagnie ist Ilmer, vulgo Hasler, der Volksredner des Thales. Leitmänner sind Martin Sarel und Königsrainer.

St. Martin in Passeir, den 20. April. Der Rückzug der österreichischen Armee bis Verona machte den Welschen Luft und Muth ihre Fahnen bis zum Brenner und Finstermünz zu tragen, soweit wie sie sagten, als der Finger Gottes für Italien die Gränzen gezeichnet. Sie brachen in Judikarien ein, besetzten die neue Straße über das Stilfser Joch, bedrohten vom Nonsberg aus das Etschland. Die Führer dieser Horden haben reiche Geldmittel in Händen. Jedem, der sich anwerben läßt, biethen sie 26 fl. Handgeld und 1 fl. 12 kr. täglichen Sold. Der fast gleichzeitige Einbruch läßt einen kombinirten Operationsplan vermuthen. Die Ausführung eines solchen Plans konnten die Mailänder unmöglich solchen Leuten zutrauen, wenn sie dabei nicht an eine Erhebung Südtirols zu ihren Gunsten gedacht hätten. Emissäre im Vintschgau und Etschland sollten eine solche Erhebung vorbereiten. Darin haben sich die Wälschen verrechnet. Nationalität und Treue gegen das angestammte Fürstenhaus stehen ihnen unwandelbar entgegen. Die Kunde von diesen Vorgängen an den Gränzen rief die Passeirer zu den Waffen. Die Passeirer haben sich von dem Ruhme Tirols in den Kriegen 1809 den Löwentheil erobert. Daß die Söhne seyen wie die Väter sollten alle Tiroler wiedersehen. An dem Einen Feuer sollten alle sich entzünden. Das eben meinte der Herr Landrichter Gebhard Honstetter, als er wohlweise im Bunde mit dem Klerus den Aufruf zur Organisirung der Kompagnien erließ, und diese Aufgabe mit unermüdlicher Begeisterung durchführte. Zwei Kompagnien bildeten sich, die eine von 70, die andere von 90 Mann. Die Freiwilligen wählten sich Männer, die ihr ganzes Vertrauen haben. Alte Ansprüche wurden kluger Weise nicht geltend gemacht. Nach dem Vorgange ächtdeutscher Frauen besorgte die Frau Landrichterin die Kokarden mit den Tirolerfarben. Der einen Kompagnie, der von St. Martin, fehlte die Fahne. Eine neue wurde ihr zugesendet von Bozen. Wiederholte Neckereien der Welschen gegen Ulten hin beschleunigten den Auszug. Am 20. standen beide Kompagnien gerüstet in St. Martin zur Fahnenweihe und zum Auszug. Sie stellten sich in Reih und Glied auf, die Worte des Herrn Landrichters in lautloser Stille zu hören. Die Anrede war kurz und gut: Liebe Männer! Eine große Pflicht ist die Vertheidigung des Vaterlandes, das wißt ihr selber, darum seyd ihr da! Wie die Pflicht, so ist die Ehre groß. Das ist in der Hofkirche zu Innsbruck zu sehen an dem Standbilde eines Passeirers, des Andreas Hofer. Der Kaiser hat in ihm den Landesvertheidiger geehrt. Er war was ihr seyd. Werdet was er war! Um das zu werden geht dem Feinde muthig entgegen, schützt Personen und Eigenthum, folgt euren Führern. Das bewegte Herz des edlen Mannes sprach aus diesen Worten unverkennbar. Herr Pfarrer T. Benedikt Ladurner weihte nun die neue Fahne, gab sie dem Fahnenträger, einer riesenhaften Passeirer-Gestalt, mit seiner Rede an die Schützen sich wendend. Ehrt diese Fahne nach Väter Sitte im Kampfe für Gott, Kaiser und Vaterland. Die Schützen knieten nieder. Er segnete sie! Hr. Dr. Hildebrand, vor dessen Haus die Feierlichkeit stattfand, ließ den Schützen mit großer Freigebigkeit Wein herumreichen zum Lebewohl. Der trübe, regenreiche Himmel trübte kein Gesicht, keine Seele! Lust und froher Muth blitzte aus allen Augen. So schied der erste Auszug die bedrohten Gränzen und Gauen Tirols zu schützen. Steigt die Gefahr für unser Vaterland, so zieht die ganze wehrhafte Bevölkerung aus.

Ueber den Einfall der Freischaaren im Nonsberg, dessen Mißlingen bereits gemeldet ist, liefert ein Brief aus Kaltern vom 21. April noch folgende Details: Ein hiesiger Steuerdiurnist wagte es am vorigen Dienstag wirklich nach Cles zu gehen, um sich über die Zahl der Insurgenten zu überzeugen. Es waren dort an jenem Tage 730 Mann, und Abends kamen noch 40 von Malé her nach. Der genannte Diurnist hatte sogar die Ehre von den Anführern der Bande zur Tafel gezogen zu werden. Er brachte auch zwei Proklamationen in italienischer Sprache mit sich, eine an die fratelli di Caldaro, und eine gleiche an die fratelli di S. Michele, deren kurzer Inhalt darin besteht, daß die Freischaaren nicht ausziehen, um zu rauben und zu andern Exzessen, wie die österreichischen Soldaten sie begingen, sondern alles, was sie für sich brauchen, bezahlen rc., daß, wenn sie gleich vor keiner Macht zittern, man sie in ihrem Befreiungswerke nicht hindern solle, daß ihre Losung: Giustizia e Religione sey, wobei auch natürlich auf den Namen Pius IX. nicht vergessen ist u. dgl. Sie sind unterfertigt von: Giammaria Scotti, comandante della colonna Longhena, und D. Paride Ceoli, comandante della colonna Tridentina. Ersterer soll aus Bergamo seyn, letzterer aus Tione. In Cles wurde auch ein großer Baum aufgepflanzt, auf welchem die Fahne der Insurgenten aufgesteckt war. Die Insurgenten verlangten, daß jedes Haus (oder vielleicht jede Familie) zwei Mann für sie stellen soll, und als dieß nicht gelang, eine Kontribution, ich glaube von 4000 fl. — Doch am Morgen des andern Tages rückte bekanntlich bereits eine Kompagnie Jäger unter Hauptmann Vonn gegen Cles, und mit ihr eine Kompagnie von Freiwilligen aus und um Botzen unter Anführung des Hauptmannes Alois Murmann, der sich auch bei 40 von Kaltern angeschlossen hatten.

Auch in diesem Monat

1848 im Überblick

Das Jahr 1848 war in Meran und Umgebung von den politischen Umwälzungen der Märzrevolution, der Einführung konstitutioneller Grundrechte und den Auswirkungen der italienischen Unruhen geprägt. Während die Bevölkerung Schützenkompanien zur Landesverteidigung aufstellte und Spenden für verwundete Soldaten sammelte, war die Region durch den Abgeordneten Beda Weber direkt in die Frankfurter Nationalversammlung eingebunden. Zugleich blieb Meran ein Ort hochrangiger Kuren, wie der Aufenthalt von König Wilhelm I. von Württemberg im Sommer zeigt. →

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"Mobilisierung der Passeirer Schützen und die Freischaren im Nonsberg." Der Bote für Tirol, 25. April 1848. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/25.04.1848/152547/3. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1848-04-25-mobilisierung-der-passeirer-schuetzen-und-die-freischaren-im-nonsberg