Die Straße über den Jaufen (Teil 1)
Ein historischer Rückblick auf die Verhandlungen zur Errichtung einer Straße über den Jaufenpass im Jahr 1682. Angesichts des wirtschaftlichen Niedergangs von Meran bemühte sich Bürgermeister Ferdinand Stickler um ein gemeinsames Vorgehen der umliegenden Gerichte und Gemeinden zur Realisierung des Verkehrswegs.
Vollständige Transkription
Anhang.
Die Straße über den Jaufen. 1/2
Kaum wird es für den österreichischen Staat, besonders für Tirol und Vorarlberg, eine glänzendere Epoche in Hinsicht auf Straßenbau gegeben haben, als jetzt. Fast unmögliche Dinge wurden möglich gemacht. Einzig steht neben der weltberühmten Simplon- die neue Straße über das Wormser Joch, welche sich in Mals in die Kommerzial-Straße einmündet, und wohl die höchste in Europa seyn dürfte. Wirft man nun einen Blick auf die Karte, so möchte man sich fast überzeugen, daß – selbst nur in militärischer Hinsicht – wegen schnellerer und ungleich sichererer *) Kommunikation mit der Wormser eine Straße über den Jaufen (von Sterzing nach Meran) nicht nur zweckmäßig, sondern höchst wichtig wäre. Daß eine solche praktisch ausführbar sey, ist gewiß; denn schon unsere Vorfahren, die noch lange nicht mit allen Hülfsmitteln, welche bei einem neuen Berg- Straßenbau vorfallen, zu überwinden vertraut waren, erkannten diese Möglichkeit. Mangel an Geld vereitelte damals das Projekt; es dürfte aber vielleicht nicht ganz unnütz seyn, den damaligen Plan und die darüber gepflogenen Unterhandlungen in das Gedächtniß zurückzurufen.
Bei Gelegenheit eines Berichtsschreibens an den Magistrat zu Meran von Hans Christoph Kolber, Gerichtsschreiber in Passeier, vom 26. Februar 1682, sagte derselbe, daß man in Passeier von der Möglichkeit einer Straße über den Jaufen viel spreche, ja sogar schon einen Akkord angeboten habe. Nichts war natürlicher und schneller zur weiteren Sprache gekommen als dieß Projekt; denn durch verschiedene Zufälle, als die Engadiner Kriege, Seuchen, Mißjahre, Verwüstungen durch Hochgewässer und Seeausbrüche, dadurch nöthig gewordene Bauten rc., besonders durch Erbauung des neuen Kuntersweges, war die ehemals ansehnliche Stadt Meran gewaltig herabgesunken. Elend und Noth waren überall zu Hause. Die Erzeugnisse galten nichts mehr. Man dachte wohl auf verschiedene Mittel, welche zum Theil ausgeführt wurden – z. B. die Erhebung des Fleischpfennigs, zum Theil gut gemeinte Pläne blieben. Unter die letzteren gehörte nun auch die Straße über den Jaufen. Man besprach sich über obige Aeußerung Kolbers einzeln, dann im Rathe, und so erhielt selbe den Charakter einer Verhandlung. Man hatte daher bereits schon einen vorläufigen kurzen Augenschein über den Zug vorgenommen und sich hinsichtlich der Ausführung vorzüglich um Baumeister und Kosten erkundigt. Um das Projekt wo möglich zu Stande zu bringen oder wenigstens demselben den ersten Impuls zu geben, hielt der damalige thätige Bürgermeister Ferdinand Stickler für nöthig, eine vorläufige Zusammenkunft der angränzenden Gerichte und vorzüglichern Güterbesitzer zu veranlassen.
Wirklich wurde diese unterm 4. März 1682 ausgeschrieben, **) und am 20. erschienen bei der Tagsatzung: 1. Für Meran: Hr. Zacharias Laicharding, Domherr zu Chur und Pfarrer zu Meran; Hr. Jakob Andrä Voglmair, Kelleramtsverwalter; Hr. Leopold Zöttl zu Griefenstein; Hr. Gaudenz Kager; Hr. Ehrenreich Laicharding; Hr. Johann Wolf; Hr. Hans Waid; Hr. Peter Prantner; Hr. Georg Meitinger, Stadtschreiber; Hr. Balthasar Preitenberger; und für die Gemeinden die Dorfmeister. 2. Für das Gericht Stain unter Löwenberg Sebastian Parthanes vom Ampaßegg. 3. Für das Gericht Tisens, Dionys Stickler, Gerichtsschreiber. 4. Für das Gericht Ulten Jakob Linser. 5. Für das Gericht Gargazon obiger Hr. Voglmair. 6. Für das Gericht Burgstall Hr. Christoph Unterböck, Pflegsverwalter. 7. Für das Gericht Forst Hans Neuwirth.
F. Stickler wiederholte kurz den Vortrag über den Nutzen oder vielmehr die Nothwendigkeit der befraglichen Straße. Die Deputirten besprachen den Gegenstand und über ihre partielle Beitragsfähigkeit. Auf den 6. April wurde weitere Tagsatzung bestimmt. Zugleich wurde unterm 21. März der Magistrat zu Sterzing eingeladen, ebenfalls hiezu Deputirte zu senden, und demselben erklärt, daß die Straße vom Kalch an die von Sterzing übernehmen sollten. Die hohe Regierung würde man bitten, keinen Zoll zu nehmen, wohl aber ein Weggeld zu erlauben.
Zur Tagsatzung erschienen, außer obigen, Hr. Dr. Franz Pomb für das Gericht Passeier und die Gemeinde Obermais. Die von Passeier widersprachen aber, als hätten sie den Bau per 15,000 fl. in Akkord nehmen wollen; es sey bloß die Rede gewesen, es möchte so viel kosten. Uebrigens sei die Straße möglich; allein der Karleggerberg sey eine halbe Stunde lang morsch und in Lawinengefahr; ***) man könnte also bloß im Sommer fahren, und höchstens 15 bis 18 Yhren Wein laden. Sie stimmten für den Samerschlag, und wollten nichts beitragen, ja vielmehr wegen Grundentschädigung vorerst Auskunft haben. Burgstall erklärte sich für das Projekt, wegen Armuth aber als nicht beitragsfähig. Natturns verlangt, daß die Obern von Schlanders und Kastelbell ebenfalls beitragen sollen. Von allen übrigen wurde aber einhellig beschlossen, sogleich Augenschein über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit einzunehmen, und über den Zug der Straße, dessen weitere Umstände und Kosten sich dann weiter referiren zu lassen.
Hiezu wurden abgesandt: Hr. Flugi junior, Hr. Bürgermeister Stickler und die Gemeindesdeputirten Mooser, Pföstl, Gander, Pircher, Tanzer und Haller. Es sollten auch Bauverständige von Sterzing beigezogen werden. Die Unkosten des Augenscheins wurden sogleich repartirt, und vom Verlegten oder von der Weindeputation hergenommen.
Den 19. August wurden die Vorgenannten zur vorläufigen Unterredung nach Meran zusammen berufen. ****) Man beschloß, daß der Augenschein so fleißig als möglich und ehestens vorgenommen werde, und auf den 1. September in St. Leonhard Zusammenkunft bestimmt sey. Zur Besichtigung wurden neuerlich ausgeschossen: Obiger Hr. Flugi, Hr. Hafner, der Rathsdeputirte Hr. Schmidegger und die Gemeindsdeputirten Mooser rc.
(Beschluß folgt.)
*) Denn die Kuntersweger Straße bleibt wegen ihrer notwendig unglücklichen Situation zwischen Bergbrüchen und Wildbächen ewig unsicher.
**) Wobei bemerkt wurde, daß die Passeirer sich bereits erklärt hätten, den Bau in Akkord gegen Kaution zu nehmen, was sich aber irrig zeigte, da es nur Sage war.
***) Der dermalige Straßenbaugeist würde alle derlei Hindernisse zu überwinden wissen, überhaupt aber der Straßen-Zug erst bestimmt werden müssen.
****) Da die Bürgermeisterszeit für Stickler unterdessen abgelaufen war, wurde Christoph Hafner Bürgermeister.
1827 im Überblick
Im Jahr 1827 prägten historische Studien über Schloss Katzenstein, offizielle Huldigungen zum Geburtstag des Kaisers sowie die pastoralen Visitationen des Trienter Fürstbischofs Franz Xaver das öffentliche Leben. Angesichts des anhaltenden wirtschaftlichen Niedergangs der Stadt bemühten sich die lokalen Behörden unter Bürgermeister Ferdinand zudem um die Realisierung einer neuen Straßenverbindung über den Jaufenpass. →
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"Die Straße über den Jaufen (Teil 1)." Der Bote für Tirol, 26. November 1827. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/26.11.1827/150410/4. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1827-11-26-die-strasse-ueber-den-jaufen-teil-1