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Über die Sieben Gemeinden (Sette Communi)

Zusammenfassung

Ein historisch-statistischer Bericht schildert die Herkunft, Lebensweise, Sprache und Wirtschaft der Bewohner der Sieben Gemeinden (Sette Comuni) bei Vicenza. Dokumentiert werden die harten Lebensbedingungen, Sonderrechte beim Tabakanbau sowie der Widerstand gegen die französische Besteuerung und Rekrutierung.

Vollständige Transkription

Anhang.

Statistik.

Ueber die Sette Communi. 1/2

Schon der Verfasser des Aufsatzes: „Ueber die deutschen Alpenbewohner des Südtirols und des angränzenden venetianischen Gebietes“ (Bothe v. u. f. T. u. V. 1822. Nr. 29—35) hatte uns mit den sogenannten sieben Gemeinden der vicentinischen Gebirge bekannt gemacht. Bereits im Jahre 1763 erschien die Denkschrift des Marco Pezzo, eines veronesischen Geistlichen, welche drei Auflagen erlebte, und sehr merkwürdige Details über die vormals der Republik Venedig angehörigen Gebiete enthält, die unter dem Namen der sieben und dreizehn Kommunen bekannt sind. Irrig hielt jedoch dieser Verfasser die Einwohner jener Gegenden für flüchtige Ueberbleibsel der cimbrischen Völker, welche auf den Feldern von Raudium (nach Plutarch bei Vercelli), von Marius und Catulus besiegt, eine Zuflucht in den dortmals unbewohnten Gebirgen suchten, da sie doch nach obigem Aufsatze im Bothen v. u. f. T. u. V. wahrscheinlicher deutsche Ueberbleibsel eines alten Volkes jener Gegenden sind.

Die neuesten Nachrichten über die sieben Gemeinden (von welchen hier allein die Rede seyn soll) finden wir in dem Werke einer mit einem venetianischen Edeln vermählten englischen Dame, welche sich in neuester Zeit daselbst 14 Monate aufhielt, und der Beschreibung dieses merkwürdigen Kantons in ihrer im Jahre 1824 in zwei Oktavbänden erschienenen Schrift ein eigenes Kapitel gewidmet hat.

Diese sieben Gemeinden liegen 10 – 11 Stunden nördlich von Vicenza auf den hohen Gebirgen, welche die Vicentiner von den Bewohnern des Trientner Kreises scheiden, zwischen tiefen, vielfach sich krümmenden Schluchten, östlich nach der Brenta, westlich nach Astico zu; wenn man die später das Gebiet vergrößernden Ortschaften hinzu nimmt, so bestehen sie aus den Ortschaften: Pescala, San Pietro unter Astico, Roccio, Roana, Canove, Camprovere, Asiago, Gallio, Toza, Enico, Lusiana, Loverdo, und dem Thale S. Donaro. Ihre Bewohner, welche die Republik Venedig in allen ihren Edikten die „getreuesten“ nannte, haben viel Anlage zu wissenschaftlicher Ausbildung. Unter denen, welche sich ausgezeichnet haben, führt Marco Pezzo an: Nico, Cholini von Asiago, den Grafen Anton Barbieri, Syndikus der Akademie von Padua, und viele andere. Ihre Sprache hat viel Aehnlichkeit mit der dänischen und der plattdeutschen. Die Weiber und Kinder, welche niemals ihre Gebirge verlassen haben, sprechen und verstehen das Italienische nicht, obgleich dieser Kanton nur 30 italienische Meilen von Vicenza entfernt ist. Die Männer, welche im Winter, der bei acht Monate dauert, in den Thälern Futter für ihr Vieh suchen müssen, reden den venetianischen Dialekt. Sie bilden eine Bevölkerung von 36 – 40,000 Seelen, und sind meist Hirten. Das Land bringt nur ein wenig Gerste hervor, und in den gebirgigen Theilen Brennholz. Das kleine Stückchen ebenen Landes ist mit Tabak bepflanzt. Hier fällt der Schnee im September, und bleibt häufig bis in den Mai, ja auch bis in den Juni liegen. Wenn sie im Winter zur Kirche, oder von einem Dorfe zum andern gehen, tragen sie Schuhe, die fast so wie die Hufe unserer Pferde beschlagen sind, wenn sie über Eis gehen sollen. In ihrer Haushaltung, sowie in ihrem Aeußern, sind sie sehr schmutzig und unreinlich. Um Brod oder Gemüse zu kaufen, müssen sie einen Weg von 25 oder oft sogar 30 italienischen Meilen machen. – Auf dem ganzen Gebiete befindet sich nur ein einziges aus Backsteinen aufgeführtes Gebäude; dieses Haus steht in Asiago, dem Hauptorte der Sette Communi. Die übrigen Häuser sind aus Erde oder Feldsteinen erbaut, und mit Binsen oder Stroh gedeckt. Die Kälte ist oft so groß, daß selbst das Oel gefriert, und in großen Stücken am Feuer geschmolzen werden muß. Die Speisen werden mit Schneewasser gekocht. Der durch das Städtchen Asiago fließende kleine Bach ist während der Sommermonate zu keinem häuslichen Gebrauche anwendbar, weil das Volk das Vieh zur Tränke dahin führt, auch allen Unrath hinein wirft. – Den Einwohnern der sieben Gemeinden ist, ungeachtet des allgemeinen Verbotes, Tabak zu pflanzen, dasselbe dennoch erlaubt, weil das mit Tabak besäete Land zwölfmal mehr einträgt, als wenn es mit einer andern Pflanze besäet würde, und weil die Einwohner ohne diesen Handelsartikel außer Stand wären, sich die nothwendigsten Bedürfnisse anzuschaffen; doch dürfen sie nichts an Privatpersonen verkaufen, sondern müssen den ganzen Ertrag der Regierung überlassen.

Die Bewohner der Sette Communi bildeten eine Art von kleiner Republik, als sie noch unter venetianischer Botmäßigkeit standen, und erlangten durch Industrie eine Art von Wohlstand. Als die Franzosen Herren von Italien waren, wurden sie mit den übrigen italienischen Unterthanen auf gleichen Fuß gesetzt, und also den allgemeinen Abgaben und der Konskription unterworfen. Die Einwohner der Sette Communi widersetzten sich der neuen Ordnung der Dinge. Sie feuerten auf die Autoritäten, welche, bis militärische Assistenz kam, von ihrem Vorhaben, der Konskription, ablassen, und selbst, als Militär erschien, mit großer Vorsicht zu Werke gehen mußten, besonders da sich die Straffälligen häufig auf das, dortmals nur einen Büchsenschuß entfernte baierische Gebiet flüchteten. Durch die freundschaftlichen Ermahnungen und gründlichen Vorstellungen des Unterpräfekts, Marquis Solari, eines edeln Menschenfreundes, wurden sie endlich bewogen, zu ihrer Pflicht zurückzukehren, wobei Solari versprach, in Mailand ihnen eine Befreiung der drückendsten Abgaben zu erwirken. (Beschluß folgt.)

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"Über die Sieben Gemeinden (Sette Communi)." Der Bote für Tirol, 29. September 1825. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/29.09.1825/150185/4. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1825-09-29-ueber-die-sieben-gemeinden-sette-communi