Unwetter und schwere Überschwemmungen in ganz Tirol
Nach heftigen Regengüssen Ende Mai 1821 erlitt ganz Tirol von Innsbruck bis Valsugana schwere Überschwemmungen. Die Flüsse Sill, Eisack, Etsch, Passer und Fersina traten über die Ufer und richteten an Straßen, Brücken, Dämmen und Feldern erhebliche Verwüstungen an. Die Schäden an der Infrastruktur und der Landwirtschaft reichten stellenweise an das Katastrophenjahr 1817 heran oder übertrafen dieses.
Vollständige Transkription
Innsbruck, den 3. Juni. Die nachträglich über die vom 27. Mai bis 1. Juni in den verschiedenen Gegenden des Landes durch heftige Regengüsse und Ueberschwemmungen angerichteten Verwüstungen und Beschädigungen eingegangenen Berichte lauten durchaus sehr kläglich. Das Wippthal, Pusterthal und Etschthal, bis an die Gränze von Italien, haben außerordentlich gelitten, und der Wasserstand kam in vielen Distrikten jenem vom 27. August 1817 beinahe gleich. – Der ungestüme Austritt der Sill bei Innsbruck und ihre hier angerichteten Verheerungen und Zerstörungen an Gütern und Gebäuden sind bereits in einem frühern Blatte des Bothen von Tirol rc. angezeigt worden; nur nachträglich wird bemerkt, daß durch dieses Ereigniß der Theil des Fürstenweges vom k. k. Militär-Verpflegsamte bis zur Pradler-Brücke in einer Strecke von 97 Klaftern Länge überschwemmt worden sey. – Verheerender tobte die Sill, angeschwellt durch die vielen, zu einer außerordentlichen Höhe angewachsenen Wild- und Bergbäche, von Innsbruck einwärts, und letztere zeigten ihre zerstörenden Wirkungen besonders im k. k. Landgerichte Matrey, und in diesem auf der Ellbögener-Straße, wo vier Erdabsitzungen erfolgten und die Straße sperrten. – Auf gleiche Weise tobten die Seitenbäche längs der Hauptpost- und Kommerzialstraße von Innsbruck nach Italien, und steigerten den Wasserstand der Sill auf 10–12 Schuh. – Der dem k. k. Aerar und Privaten durch Verheerungen an der Straße, an den Wegen, Brücken und Gütern dadurch zugegangene Schaden ist sehr beträchtlich. Dem kaiserlichen königlichen Herrn Landrichter von Matrey, von Ottenthal, Herrn Aktuar Margreiter, und dem k. k. Waldmeister v. Sybold gebührt das ungetheilte Lob, daß sie mit ihrem untergeordneten Personal in dieser Zeit der Noth, so wie der Bürgermeister von Matrey, Alois Stadler, allenthalben größeres Unglück zu verhüten versucht und verhindert haben. – Vom Brennerweg einwärts, nach Pusterthal und Brixen zu, im Landgerichte Sterzing, verursachten dieselben Regengüsse eine Anschwellung aller Wildbäche, und diese eine solche Ueberschwemmung, daß das berüchtigte Sterzinger-Moos auf einer Strecke von 500 Klafter überschwemmt wurde, und der übelberüchtigte, tobende Fallerbach eine Straßenlänge von 50 Klafter überschüttete. Der Eisack und die Rienz drängten sich aus ihren Ufern gewaltsam heraus, und überschütteten bis an die Kreisgränze 400 Tagmahd Wiesen und Aecker mit Schlamm und Sand. Gleich traurig lauten die Berichte aus dem Kreise an der Etsch, zu Trient und Roveredo; die Ueberschreitungen des gewöhnlichen Wasserstandes des Eisacks, der Talfer und Etsch um viele Schuh drohten allen ihnen benachbart liegenden Gegenden die größte Gefahr, und die wildreißende Passer (der Passeyrerbach) tobte, wie gewöhnlich, stürmend das Thal hinaus, dem Bette der Etsch zu, und überfüllte es mit Wasser und Schoder, daß die Etsch austreten mußte. Niemand erinnerte sich in dieser Gegend eines so hohen Wasserstandes. Im Etsch- oder Botzner-Kreise wurden Stützmauern, lange Straßenstrecken und Grund verflößt, bei Neumarkt die Straße durch den Auernbach ganz unfahrbar gemacht, bei Merau die rechte Sinach-Brückenanfahrt untergraben; Privatbrücken wurden weggerissen bei Burgstall, Pfatten, Riglen und Gmund. Das Bild der Verheerung entwickelte sich von Stunde zu Stunde immer mehr; die Passer beschädigte an ihrer Ausmündung in die Etsch die Wasserbauten, der Eisack unter Botzen den neuen Faschinenbau, in so weit er nicht vollendet war, und die Etsch zerstörte das Lendpflaster bei Brandzoll und die an ihr aufgeführten Dämme bei Pfatten u. s. w. »Von Terlan bis zur Trientner Kreisgränze stand Alles unter Wasser;« dieß ist das getreueste Bild der Ueberschwemmung. Alle ältern Dämme an der Etsch nach ihrer ganzen Länge überstieg sie, und von den neuen Dämmen blieb nur der vom Leit = Kanal, von Neumarkt und bei Curtinig unüberstiegen und undurchbrochen. - Im Kreise Trient, und namentlich in Valsugana, hat das Ereigniß eines Wolkenbruches am 27. Mai große Verheerungen verursacht. Der angerichtete Schaden an der Poststraße, an Brücken, in der Ebene liegenden Feldern, und sogar in und an den Ortschaften Borgo und Castelnovo ist sehr groß; die Straßenstrecke von Nro. 112 ½ (oder Roncegno), bis 117 ½ (oder Ospitaletto), also volle 5000 Wiener Klafter lang, bestehet fast gar nicht mehr; sie ist von theils alten Wildbächen und theils neuentstandenen Bergmuhren so weggeflöst oder verschüttet worden, daß sie vom Langanza = Wildbach an kaum mit einem starken Pferde und da nur mittelst eines Umweges fahrbar ist; von Borgo aber bis unter la Chieppena ist die Kommunikation ganz gesperrt, da alle Brücken abgetragen oder isolirt und versandet wurden, wie z. B. die Langanza-Brücke, Ceggio-Brücke u. s. w. Der untere Theil der Stadt Trient und die ganze Thal-Fläche wurde durch das Anschwellen und Austreten der Etsch und Gebirgs-Bäche unter Wasser gesetzt und seit Menschen-Gedächtniß seye der Wildbach Fersina nicht so hoch angeschwollen und wildschäumend und tobend dahergebraußt, wie am 27. Mai, doch hielt er sich bis zu seiner Einmündung in die Etsch innerhalb der neu aufgeführten Dämme und beschädigte weder Verarchungen noch Feldungen und Wiesen. Rings um Trient schien die wohlthätige Natur sich in Zerstörung auflösen zu wollen, und brausend gährten die Gebirge Verwüstung drohend durch allgemeine Auflösung. Der 27. Mai d. J. glich ganz in seinen Verheerungen dem 27. August 1817, ja übertraf in mehreren Gegenden noch diesen.
1821 im Überblick
Das Jahr 1821 in Meran war geprägt von Berichten über die lokale Landwirtschaft, darunter der Weinbau und erfolgreiche Anbauversuche mit chinesischem Bergreis. Infrastrukturarbeiten und wasserbauliche Maßnahmen an den Flüssen standen im Fokus, begleitet von Naturereignissen wie dem Hochwasser im Mai, das die Verkehrsverbindungen störte. Ergänzt wurde das Jahr durch amtliche Auszeichnungen für Verdienste um die Landesverteidigung und die Beibehaltung traditioneller Bräuche. →
Zitieren & Teilen
"Unwetter und schwere Überschwemmungen in ganz Tirol." Der Bote für Tirol, 4. Juni 1821. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/04.06.1821/149734/1. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1821-06-04-unwetter-und-schwere-ueberschwemmungen-in-ganz-tirol