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Noch einige Worte über die Traubenkrankheit

Zusammenfassung

Ein Südtiroler Landwirt analysiert das verheerende Auftreten des Echten Mehltaus (Oidium Tuckeri) im Jahr 1852. Er führt die Ausbreitung der Rebenkrankheit auf ungewöhnliche Südwinde und feuchtwarmes Wetter zurück und berichtet über die Qualität des Mosts und die Unwirksamkeit bisheriger Gegenmittel.

Vollständige Transkription

Noch einige Worte über die Traubenkrankheit.

(Eingesendet.)

Gestatten Sie einem praktischen Landwirthe, seine durch eigene Beobachtungen gewonnenen Ansichten über diesen in letzter Zeit so häufig, namentlich in öffentlichen Blättern besprochenen, aber noch lange nicht erschöpften Gegenstand in nachstehenden Zeilen Ihren Lesern darzulegen.

Schon seit ein Paar Jahren machte sich die Traubenkrankheit in Italien, selbst im nördlichen Italien, durch Verheerungen bemerkbar, welche insbesondere in dem vorjährigen naßen Sommer größere Ausdehnung gewannen.

In Tirol zeigten sich erst im verflossenen Jahre hie und da, am häufigsten in der Gegend von Meran einzelne Reben davon ergriffen, ohne daß noch ein erheblicher Schade die Folge gewesen wäre.

Desto heftiger war das heurige Auftreten dieser Krankheit. Die bekannter Schmarotzerpflanze — Oidium Tuckeri — überdeckte schon zur Blüthenzeit die Blätter der Rebe, und umfing in raschem Fortschreiten auch die sich bildenden Beeren, deren Wachsthum, hiedurch gehemmt, zurückblieb, und völlig aufhörte. Die derart klein gebliebenen, gleich den wenigen von der Krankheit nicht ergriffenen Beeren vermochten nicht mehr, die aus der Rebe nachdrängenden Säfte in sich aufzunehmen. Das allgemeine Aufspringen — die zweite Erscheinung der Krankheit — begünstigt durch die äußerst naße und warme Witterung des heurigen Sommers und Herbstes, war nebst der Eintrocknung der Beeren die nothwendige Folge, daß allgemeine Mißlingen der Weinlese das traurige Ende der Krankheit.

Am verheerendsten zeigten sich diese Krankheitserscheinungen in Bozen und in Gries, in weit minderem Grade im tieferen Etschthale, in Kaltern und seiner Umgegend, beinahe gar nicht in den gegen den Südwind geschützten Abhängen.

Diesen Beobachtungen ist noch die fernere anzureihen, daß während des ganzen heurigen Frühlings in unserer Gegend beinahe ununterbrochen der Südwind vorherrschend war.

Auf diese Wahrnehmungen gestützt, dürfte man wohl kaum irre gehen zu behaupten, daß der leichte, dem bloßen Auge nicht wahrnehmbare Samen des Oidiums in Menge aus dem Süden nach Tirol verweht wurde, dabei an den Reben der vom Winde bestrichenen Abhänge haften blieb, tiefer gelegene Gegenden überflog, in die vom Südwinde nicht beherrschten Lagen gar nicht gelangte, dagegen zuletzt in größter Menge dort liegen blieb, wo — wie es gerade in Bozen der Fall ist — an der Nordseite bedeutende Berge dem Weiterfluge eine unübersteigbare Wand setzten. Sollte nicht hiedurch erklärbarbar werden, daß gerade in Bozen nicht nur keine oder äußerst wenige Reben von der Krankheit verschont geblieben, sondern auch Gemüsepflanzen, Gras und selbſt Bäume mit der erwähnten Schmarotzerpflanze so häufig überzogen getroffen worden sind?

Schreiber dieses hält sich überzeugt, daß die Traubenkrankheit nur auf solche Art nach Tirol gebracht worden, und demnach in Tirol nicht entstanden sei.

Wenn sie aber hierlandes nicht einheimisch ist, wie die angeführten Beobachtungen es darthun, so dürfte auch ihre Fortdauer nicht zu besorgen sein, wenn nicht ähnliche klimatische Verhältnisse wie die heurigen, ihre Verbreitung aus den Ländern, in denen sie entstanden und einheimisch ist, besonders begünstigen.

Die Fortpflanzung der Krankheit bloß durch den auf unsern Trauben und Reben gebildeten Samen ist kaum denkbar, wenn in Erwägung genommen wird, daß der an und in den Trauben entstandene Same durch den Gährungsprozeß, durch das Branntweinbrennen und andere Verwendung derselben, der auf den Blättern haftende aber durch den Verbrauch der Blätter als Viehfutter nothwendig aller Keimkraft beraubt werden muß. Das gänzliche Vertilgen der angesteckten Theile mag schon darum nicht unerläßlich, höchstens das einfache Waschen der Reben mit Kalkwasser wegen Zerstörung des etwa an ihnen rückgebliebenen Samens durch Vorsicht gerathen sein.

Der aus den kranken Trauben gewonnene Wein fand sich nach den bisherigen Erfahrungen gesundheitsunschädlich, und läßt, wenn anders nicht schon eingetrocknete und sohin genetzte Trauben dazu verwendet wurden, noch eine gute Qualität erwarten, da sich bei der andauernden warmen Jahreszeit reichlicher Zuckerstoff selbst in den erkrankten Trauben bildete, wie denn auch der Most gut schmeckte und schnell in Gährung überging.

Die vom Schimmel bestaubten, noch grünen Blätter der Reben werden vom Vieh gerne gefressen, und bringen demselben keinen Schaden.

An den Reben zeigt sich das Holz gut ausgereift, beim Durchschneiden gesund, wornach die Rebe selbst durch die Krankheit nicht gelitten zu haben scheint.

Diese beruhigenden Erfahrungen glaubt der Verfasser mit dem Bemerken schließen zu können, daß er alle bisher in öffentlichen Blättern oder auch sonst angerühmten Mittel gegen die Traubenkrankheit in Anwendung gebracht, sie aber sämmtlich unwirksam befunden hat. Nur durch längere Beobachtung und Erfahrungen dürften sich wirkliche Abhilfsmittel, insbesondere aber Vorbeugungsmittel gegen sie finden lassen.

Bis dahin muß die Thatsache trösten, daß nur die ungewöhnlichen klimatischen Verhältnisse des vorigen, wie des heurigen Jahres die außerordentliche Entwicklung des Oidiums begründeten, und die Pflanzen empfänglich dafür machten, wornach kaum zu bezweifeln, daß, sobald diese Verhältnisse sich ändern, und wieder regelmäßige, vorzüglich aber trockenere Jahre eintreten, das Uebel eben so schnell wieder schwinden werde, als es entstanden ist.

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"Noch einige Worte über die Traubenkrankheit." Bozner Zeitung, 22. September 1852. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/2/1/22.09.1852/20245/1. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1852-09-22-noch-einige-worte-ueber-die-traubenkrankheit