Der Bote für TirolOriginalquelle ansehen

Besuch der Gräfin von Meran in der Meraner Kleinkinderwartanstalt

Zusammenfassung

Nach dem Abzug der Schützen vom Hausschießen des Erzherzogs Johann besuchte die Gräfin von Meran die Meraner Kleinkinderwartanstalt. Sie überzeugte sich von der guten Verpflegung der Kinder, spendete 50 Gulden und regte weitere Fürsorgemaßnahmen für ältere Jugendliche an.

Vollständige Transkription

Meran, 2. Juni. Die Schützen sind abgezogen; ihr lauter Jubel und der Stutzen- und Pöllerknall sind verklungen. Nachklingen wird nun aber allenthalben, wohin sie kommen, auf dem Land und den bergen u. in den stillen Thälern der Jubel über die großartige glänzende Freigebigkeit, die Erzherzog Johann, der hohe Spender so herrlicher Beste und Fahnen, bei diesem „Hausschießen“ entfaltete. Darüber haben Ihnen schon Andere berichtet, lassen Sie mich also Ihnen eine schöne That edler im Stillen anspruchslos wirkender Liebe berichten. In Meran besteht, wie sie wissen, eine Kleinkinderwartanstalt, deren sich viele edle und brave Frauen der Stadt, an ihrer Spitze die vom regsten Eifer beseelte, und mit unermüdeter Thätigkeit sorgende Frau unseres Hrn. Bezirkshauptmanns, mit dem lobenswürdigsten Wetteifer annehmen. Diese Anstalt hatte nun die Ehre und das Glück, von der Frau Gräfin von Meran besucht zu werden. Sie, einst die „erste deutsche Frau“ genannt, erschien mit so herzgewinnender Herablassung u. Freundlichkeit, daß die Kinder, angezogen von ihrer Milde, ohne die diesem Alter sonst eigene Scheu mit der naivsten Unbefangenheit sich gegen die betrugen. Es war eben Essenszeit. Um sich selbst zu überzeugen, daß die Speisen gut bereitet, kostete die Gräfin aus dem Schüsselchen eines Kindes. Da wäre aber die gute hohe Frau bald in´s Gedränge gekommen; denn gleich erhoben sich viele kleine Hände mit den Schüsselchen, unter dem kindlichen Ausrufe: “Von meinem Schüssele auch!“ und bittend sahen die hellen lieben Kinderaugen die so milde herablassende Frau an, um auch der gleichen Ehre und Freude gewürdigt zu werden. Nicht zufrieden damit, die Anstalt mit diesem Besuche erfreut und beehrt zu haben, übergab die Frau Gräfin gestern noch vor dem Abschiede der Frau Vorsteherin fünfzig Gulden C.M. für dieselbe. Sie äußerte sich ungemein zufrieden besonders damit, daß auch für die Verköstigung der Kinder gesorgt wird, so daß sie den ganzen Tag unter Aufsicht sind. Einen ebenso wohlthuenden Eindruck machte auf sie und muß auf Jedermann machen die reinliche nette gleichmäßige Kleidung der Kinder, sowie ihr heiteres von der größten Zufriedenheit zeigendes Wesen. Lange wird den Kindern noch das liebliche Bild der so guten hohen Frau vorschweben, und in Meran hat sie durch diese Spende für die noch junge Anstalt ein unvergängliches Denkmal ihrer Mildthätigkeit gesetzt. Wenn sich nur viele so hilfreiche Engel fänden, daß nach und nach eine noch viel nothwendigere Anstalt gegründet werden könnte, daß nämlich Kinder von dem Alter, worin sie am meisten den Gefahren frühen sittlichen Verderbens ausgesetzt sind, unter weiser Aufsicht gewahrt und mit Arbeiten beschäftigt werden könnten. Von 2-6 Jahren ist Verführungsgefahr weniger zu fürchten; aber wie viele Kindern vom 6ten oder mindestes 9ten bis zum 18. u. 20ten Jahre an sind schützende Engel nöthig, um sie vor der im Finstern schleichenden oder auch manchmal offen angreifenden Verführung zu bewahren!

Auch in diesem Monat

1851 im Überblick

Das Jahr 1851 war in Meran stark durch das von Erzherzog Johann gestiftete Große Landesschießen im Frühsommer geprägt, das zahlreiche Schützenkompanien anzog und von hochrangigen Besuchen des Kaiserhauses begleitet wurde. Neben diesen großangelegten Festlichkeiten bestimmten religiöse Veranstaltungen wie die Volksmission in Partschins sowie soziale Initiativen, darunter die Eröffnung einer Kleinkinderwartanstalt und Stiftungen, das öffentliche Leben. Das Jahr verdeutlicht die enge Verbundenheit der Region mit dem Erzherzog und das Fortwirken sozialer und kirchlicher Aktivitäten. →

Zitieren & Teilen

"Besuch der Gräfin von Meran in der Meraner Kleinkinderwartanstalt." Der Bote für Tirol, 5. Juni 1851. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/05.06.1851/153416/2. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1851-06-05-besuch-der-graefin-von-meran-in-der-meraner-kleinkinderwartanstalt