Zur Weinfrage an der oberen Etsch
Ein Bericht von der oberen Etsch schildert die erfreuliche Güte der diesjährigen Weinlese bei mäßigem Ertrag. Zugleich übt der Verfasser deutliche Kritik an den Wiener Plänen zur Weinbesteuerung und den bestehenden Binnenzöllen, da Wein in Südtirol ein Grundnahrungsmittel darstelle und keinesfalls steuerlich wie ein Luxusgut im Norden behandelt werden dürfe.
Vollständige Transkription
Zur Weinfrage.
Von der obern Etsch, 11. Nov. Ueber die heurige Weinlese unserer Gegend vernimmt man durchgehends die befriedigendsten Aeußerungen. Der Menge nach blieb zwar das Erzeugniß im allgemeinen um ein Drittheil hinter dem des vorigen Jahres, wiewohl es in dieser Hinsicht immerhin noch zu einem guten Jahre zählt; aber betreffs der Güte dürfte es dem der besten Jahrgänge gleichkommen. Süßen Geschmak bietet es selten oder gar nicht zum Leidwesen frauenhafter Gaumen, dafür wird es sich durch kräftiges Feuer und Haltbarkeit auszeichnen, und das wird der Liebhaber eines „guten Tröpfchens“ gerne hören. So lagern nun die edlen Schätze der Rebe in den Torkeln und Kellern und harren des Rufes, der sie aus ihren Grüften in die Ferne führen sollte. Sehnsüchtig horchet der Bauer auf jede Regung und auf jeden Laut und kann es nicht begreifen, wie es so unendlich lange daure, bis man ihm die Botschaft bringe: „Der Zoll ist weg, der Wein ist frei!“ Das ist das a und z seiner Wünsche und mit vollstem Recht, denn es ist seine Lebensfrage. Ein Dämmerlicht einer bessern Zeit ist ihm endlich in den vielbesprochenen Vorschlägen der wiener Zeitung aufgegangen und war es auch nur ein schwacher Schein, der that doch wohl nach der langen Nacht, in der man ihn bisher vergebens seufzen ließ. Hat er doch wenigstens ersehen, daß die Regierung daran gehe mit Deutschland ein innigeres Verhältniß anzubahnen, die Gemeinsamkeit der materiellen Interessen zu bewerkstelligen und hiebei mit dem freien Austausche der Roherzeugnisse und Nahrungsstoffe zu beginnen. Aber es war auch die höchste Zeit zumal bei den drückenden Opfern, welche ihm jetzt abgeheischt werden. So wäre hiemit eine tröstlichere Aussicht für die Zukunft gewonnen, aber die Gegenwart ist gleichwohl traurig und drückend wie ehedem, wozu das Provisorium unserer Binnenzölle und die Ungewißheit über die zunächst einzuführende Weinbesteuerung das Ihre beitragen. Die Klagen über den vormärzlichen Accis haben die Schranken an der Spondinibrücke, am Fuße des Jaufens und bei Kollmann geboren, und als vorzüglich unsere Brüder außerhalb dieser Gränzen über diese dreifaltige Märzerrungenschaft heftige Beschwerde führten, wuchs zu Wien der Zwölfparagraphenentwurf, der sich über den einstimmigen Weheruf, womit man ihn innerhalb unserer Berge empfing, wieder in seine Wiege zurückzog. Ihn geleiteten die Vorstellungen der Vertrauensmänner und hinterdrein folgte auf spezielle Einladung auch der tirolische Landeschef. So stehen jetzt die Dinge, die Zeit drängt und es ist nicht abzusehen, wie aus dem Chaos der widerstreitenden Wünsche der Nord- und Südtiroler ein glücklicher Ausweg gefunden werden könne, wenn nicht an dem unwandelbaren Grundsatze festgehalten wird, daß Nord- und Südtirol bei ihren so wesentlich verschiedenen Verhältnissen in dieser Frage eine gleiche Behandlung nun und nimmermehr ertragen. Denn im nördlichen Theile ist der Wein zuvörderst ein Luxusgetränke, er liegt bloß in den Kellern der Vermöglichen und der Gastwirthe; im warmen südlichen ist er ein unerläßliches Lebensbedürfniß, wie auf der Tafel des Reichen so erscheint er am Tische des einfachsten Bürgers und Winzers und selbst der geringste Arbeiter verzehrt sein Brot nicht ohne einen Trunk Weines; daß man aber ein primitives Lebensbedürfniß und eine Luxussache nicht in gleiche Linie setzen dürfe bedarf wohl keiner weitern Erörterung. Es ist daher nicht genug, wenn der Zwölfparagraphenentwurf den weinerzeugenden Bauer rücksichtlich des zu seinem Wirthschaftsbetriebe erforderlichen Weinquantums frei ausgehen läßt, denn in gleicher Weise wie der Bauer bedarf jeder Hausvater für sein Gefinde, jeder Gewerbtreibende für seine Gesellen u. s. w. derselben Begünstigung, weil derselbe Grund auch bei ihnen eintritt. Sollte auf diesen Umstand bei dem neu zu erwartenden Abgabenelaborate nicht die gehörige Rücksicht genommen und der Süd- und Nordländer hierin einer gleichen Besteuerung unterworfen werden, d. h. soll der Südländer sei er arm oder reich die gleiche Steuer bezahlen müssen, die im nördlichen Theile blos der Vermögliche bezahlt, so würde dadurch dem südlichen Theile im Verhältniß zum nördlichen eine so ungleichmäßige Abgabenlast aufgebürdet, daß man sie geradezu ungerecht nennen müßte. Bedenkt man dann weiter, daß eine Maßregel, die den Weinerzeuger wie einen unter Controlle gestellten Gewerbsmann behandelt wissen will, nothwendig ein ausgebreitetes Hehlsystem hervorrufen würde, zu dem die Lage der zerstreuten Gehöfte den weitesten Spielraum gönnt, daß ferner das Heer der aufzustellenden Controllbeamten allgemeine Unzufriedenheit über die Kostspieligkeit eines solchen Institutes erregen und die Ausübung der Controlle selbst auf allseitige Gehäßigkeiten stoßen müßte; so gelangt man unschwer zum Resultate, daß die Regierung aus einer solchen Verfügung keine guten Früchte ziehen dürfte. Die nächste Zeit wird uns lehren, wie ferne man in Wien unsern Verhältnißen Rechnung zu tragen „befunden“ habe. Indeßen bleibt uns Stoff genug zur kritischen Untersuchung, um wie viel beruhigter wir den Ausgang dieser Angelegenheit abwarten könnten, wenn der Entscheid einer Versammlung von „landeskundigen“ Volksvertretern anvertraut wäre. Allein vor der Hand gehören die langversprochenen Landtage leider noch zu unsern frommen Wünschen, und der Reichstag ist vollends in nebelgraue Ferne verschwunden.
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"Zur Weinfrage an der oberen Etsch." Bozner Zeitung, 17. November 1849. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/2/1/17.11.1849/19948/3. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1849-11-17-zur-weinfrage-an-der-oberen-etsch