Kirchliche Bauten und gottesdienstliches Leben in Meran
Ein Bericht aus Meran beleuchtet die Restaurierungsarbeiten an der Stadtpfarrkirche St. Nikolaus, die Kirchenmusik sowie das gottesdienstliche Leben. Zugleich äußert der Autor Bedenken gegen geplante architektonische Eingriffe in der Spitalkirche zum Heiligen Geist und befürwortet die Verlegung des Stadtfriedhofs.
Vollständige Transkription
Kirchliche Nachrichten.
Tirol.
Meran, im März. Bei aller Südlichkeit der üppig schönen Natur behaupten hier die Leute eine nordische Ruhe, die sich im blüthenreichen Kleide fast ewigen Frühlings recht herzgewinnend ausnimmt. Hat der gute deutsche Sinn, diese Gabe des Himmels, irgendwo eingewurzelt und die Gemüther durchdrungen, so vermögen ihn fremde Launen und Schalkheiten nimmer zu verwischen. Die getrennten Wellen unserer Geistesantipoden fangen an wieder ruhig in einander zu fließen; die Scheidelinie ist nur mehr eine eingebildete, und so glauben wir schon auf den Trümmern des verhaßten Janustempels christlichen Handschlag deutscher Verständigung zu erblicken. Von der friedlichen Gesinnung der Meraner aber werden Sie sich überzeugen, wenn ich Ihnen erzähle, was hier für Gedanken und Arbeiten die Leute in letzter Zeit beschäftigten, und, was wir wünschen, jetzt im Frühjahre wieder in Aufregung bringen werden.
Schon seit lange machte sich an der hiesigen Pfarrkirche eine Baulichkeit von Bedeutung nöthig. Die Bürger Merans, welche eben so viel Sinn für das Schöne als für das Gute haben, zeigten durch die allgemeine Theilnahme, durch Wort und That, wie viel ihnen daran gelegen, dieses hohe Denkmal einer goldenen Epoche in der Meraner Geschichte zu erhalten, und in neuer verjüngter Gestalt herzustellen. Steht auch das Werk noch nicht vollendet da, so ist doch sehr viel Erfreuliches schon geschehen, und vieles Wünschenswerthe in Aussicht gestellt; und wir sprechen gerne alle Anerkennung und das gefühlteste Lob aus.
Treten wir ein in das ernste Heiligthum, so empfinden wir jetzt ganz den großen Eindruck, den der deutsche Baustyl auf ein sinniges Gemüth macht. Hohe weite Räume füllen das Herz mit dem Gefühle der Unendlichkeit, Ernste Formen und Reinlichkeit machen die wohlthuendste Wirkung, und leicht schwingt sich der Gedanke an den hohen Säulen empor, die gleich den schlanken Palmen hinanstreben, oben ihre Zweige ausbreitend, durch die der blaue Himmel blickt ¹). — Stehen auch die Altäre nicht in schöner Harmonie mit dem Style der Kirche, da namentlich der massive Hochaltar noch durch seine Höhe die Durchsicht und die schöne Perspektive unterbricht; so ist doch das betrachtende Auge durch keine andern geschmacklosen Kirchengeräthe mehr beunruhiget. Das störende Gethürm über der Kanzel ist fortgeschafft, und an dessen Stelle ein neuer gothischer Aufsatz von der Hand des kunstfertigen Flieher angebracht. Die Kanzel selbst steht wieder in ihrer ursprünglichen Schöne da, nachdem man den lumpichten Schleier von der durchmeißelten Arbeit weggenommen.
Wir dürfen von dieser Kirche nicht scheiden, ohne auch des feierlichen Gottesdienstes an Sonn- und Festtagen zu erwähnen. Die ganze Schönheit und Erhabenheit des katholischen Ritus entfaltet sich hier dem andächtigen Volke. Wir erlauben uns blos an die letzte Feier des Stundgebetes zu erinnern, wo die Elite der hiesigen Prediger, hochw. Herr Dekan, Beda Weber und Pius Zingerle, uns durch ihre hohe kirchliche Beredsamkeit erfreuten und erbauten.
Die hiesige Kirchenmusik, welche ich aus Bescheidenheit gegen die anderer Städte unsers Landes nur vortrefflich nennen will, trägt zum Glanze und zur Majestät des Gottesdienstes nicht wenig bei, besonders da der Kunstsinn des jetzigen Herrn Dekans es möglich macht, auch größere kirchliche Tonwerke aufzuführen. Die hohe Auffassung und präzise Ausführung der Messen von Haydn, Aiblinger und anderer kirchlicher Tonsetzer alter und neuer Zeit verdienen vollste Anerkennung. Nur Eines wäre zu wünschen, nämlich das Gesangsquartett, auf seine eigene Kraft hingewiesen, und nur von den Tönen der Orgel begleitet, als Abwechslung mit der Instrumentalmusik hören zu können.
Wir verlassen nun diesen Tempel in erfreulicher Stimmung, und wandern zu einem andern, welcher die Aufmerksamkeit Kunstsinniger noch in größerem Maße in Anspruch nimmt. An dem Thurm des erstern aber können wir ohne Bemerkung nicht vorbeigehen, oder ihn ganz übersehen; er ist der höchste im Lande, und hat allerlei andere Tugenden und Untugenden. Da man hier auf ausländische Kritik nicht viel hält, scheint es thunlicher, ihn durch einen vaterländischen Schriftsteller beschreiben zu lassen, dessen Lob und Tadel Niemand etwas anhaben kann. »Besondere Beachtung verdient der alterthümliche Kirchthurm, wie kaum zu zweifeln, der höchste im Lande. Er ruht auf einem einfachen Gewölbbogen, unter welchem der gemeine Weg durchführt, — ein wahres Meisterwerk der Baukunst! Leider wurde er von einer barbarischen Hand seiner natürlichen ehrwürdigen Farbe beraubt, und — widersinnig genug — mit Kalkweiß übertüncht« (Staffler II. Thl. 2. Bd.). Dieser, wenn auch die jetzige Generation keineswegs treffende Vorwurf des Barbarismus liegt mir so schwer am Herzen, als jedem Bürger der Stadt Meran; ich ergehe mich aber in der Hoffnung, es werde der neu erwachte Kunstsinn bald gut machen, was ein alter verderbter Geschmack verbrochen. Wohlan denn, so legt dem stolzen Thurm sein altes ernstes Festkleid wieder an, und für Jahrhunderte wird er wieder als ein Zeuge der längst verschwundenen, jetzt wiederkehrenden Berühmtheit Merans dastehen!
Kommt der wegen Beschränktheit des Ortes und wegen Sanitätsrücksichten nothwendig gewordene Plan zur Versetzung des Gottesackers außer die Stadt zu einem endlichen Abschluß; so gewinnt das Meraner Münster auch einen seiner Schönheit würdigen Platz, an den man nur mit Begeisterung denken kann. Leider hat uns ein grausamer Tod die zwei größten Wohlthäter für dieses Unternehmen entzogen.
Das andere Gotteshaus, dem wir jetzt ein paar gutgemeinte Worte schenken möchten, ist die Spitalkirche. Die Schönheit und Reinheit der deutschen Form, in der diese Kirche aufgeführt ist, sind schon oft genug beschrieben worden. Das schöne Portal, die werthvollen Glasmalereien, die schlanken Säylen, die steinerne Kanzel wurden nie vergessen; nun hörte man plötzlich von neuen Bauten, welche in dieser Kirche vorgenommen werden sollten. Ich war thöricht genug, zu glauben, man habe etwa bei Meister Schönlaub in München geschmackvolle gothische Altäre bestellt; wurde aber bald eines Andern belehrt. Es handle sich nur um einen bessern und geräumigern Platz für die Orgel. Wo aber ist denn ein zweckmäßigerer Platz in der Kirche als da, wo sie jetzt steht? Freilich können wegen beschränkten Raumes die Baßgeigen nicht bequem stehen und die Posaunen ihre kräftigen Züge nicht machen; aber schenken Sie uns den Genuß ihres trefflichen Sängerchores, und wir wollen durch ein paar Sonn- und Festtage, die man in dieser Kirche feiert, auf die Kraft der Baßgeigen und Posaunen gerne verzichten. Andere sagten, man müsse für die Bewohner des Spitals eine Emporkirche bauen! Ich meine, man solle diese Armen dort ihre Andacht auch künftig verrichten lassen, wo sie es seit 1483 gethan haben. Freilich ist die Gegenwart des Unglücklichen für den Glücklichen selten erfreulich; eine solche Bemerkung zu machen sollte man aber nimmer veranlaßt werden, am wenigsten in einer Kirche, wo es nicht auf einen gut frisirten Kopf, sondern auf ein reines Herz ankommt. Eben so entbehrlich, und als unschön verwerflich scheinen mir die Palisaden, wodurch das Spitaldepartement gebildet wird. Diejenigen, welche solcher Anstalten bedürfen, kann man wohl vom Messehören dispensiren. Wie endlich der Bau einer Emporkirche mit den schönen und genau berechneten Verhältnissen des Innern dieser Kirche übereinstimme, kann Jeder selbst beurtheilen, dessen Phantasie im Stande ist, sich eine Emporkirche dorthin zu denken, wo jetzt der Abendstrahl der Sonne durch das zierlich durchbrochene Radfenster in´s Heiligthum fällt. »Was stehen bleiben soll, muß recht stehen. Man mag doch immer Fehler begehen, bauen darf man keine.« (Göthe.) Sch.
¹) Mit der Frage, ob blaue Grundirung in Kirchen deutschen Styles zulässig oder unzulässig sei,
will ich mich nicht bethun. Ein geehrter Korrespondent Ihrer Blätter findet sie unverträglich
mit dem hohen Ernste dieser Tempel, und könnte zu seiner Rechtfertigung wohl fragen: In wie vielen deutschen Domen findet man denn diese Färbung? Etwa in der Münchner Au-Kirche?
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"Kirchliche Bauten und gottesdienstliches Leben in Meran." Katholische Blätter aus Tirol, 23. März 1846. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/62978/1/23.03.1846/289179/14. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1846-03-23-kirchliche-bauten-und-gottesdienstliches-leben-in-meran