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Die Ersteigung der Similaunspitze am 27. August 1839 (Schluss)

Zusammenfassung

Im abschließenden Teil seines Berichts schildert der Algunder Landarzt Franz Radi den teils gefährlichen Abstieg vom Similaun über den Grafferner ins Schnalstal. Er berichtet über die körperlichen Nachwirkungen der Hochtour, empfiehlt die geeignetste Aufstiegsroute und lobt die Schnalser Bergführer, Kooperator Johann Egger sowie die örtlichen Gasthäuser.

Vollständige Transkription

Anhang.

Die Ersteigung der Similaunspitze in Schnals am 27. Aug. 1839. 3/3

(Beschluß.)

Da der Similaun uns Pygmäen für die Kühnheit strafte, weil wir es wagten, auf seinen ewig weißen Scheitel zu treten, - und unsere Augen sich nicht an dem herrlichen Panorama seiner Fernsichten weiden ließ, so will ich die Schilderung der Aussicht, welche Hr. Egger am 15. Juli d. J. dortselbst hatte, obschon selbe nicht ganz frei war, anführen:

Westlich sah man den Ortler, gegen Süden den gesammten Nonsberg und die Gebirge bis über Trient hinein, sowie jene auf der linken Seite der Etsch, den Schlern und die dortigen Gebirgsketten bis an den östlich gelegenen Großglockner, dann die Gebirge über Sterzing, den Brenner, den ganzen Gebirgsstock, dessen Glied unsere Spitze selbst ist. - Unter diesen die Wildspitze bei Fent und Wildeisspitze im innersten Winkel von Schnals bei Kurz-Raß; über alle diese erhebt unser Riese noch stolz sein Haupt. Zwischen diesen ragen jenseits des Inns viele Berge, bis endlich das dunkle Grau von Baierns Ebenen dem Auge Einhalt that. Von der Schweiz sah man wohl hundert Gebirge. Und wenn ich nicht irre, fährt Egger fort, so sah ich den Monte Rosa, welcher meinen Augen ein Ziel setzte.

In tausendfältigen Gruppirungen sieht man von dort Wegen und Forinen kleinerer und größerer Gebirge aller Art. Daß man sich im Lande der Gletscher befindet, - sah ich wohl selbst, ehe ich die Spitze erstieg und noch hinreichende Aussicht hatte. P. Beda Weber hat Recht, wenn er in seinem Werk sagt: Wer den Similaun bestiegen, kann sich rühmen, Tirols Ferner gesehen zu haben.

Nordwestlich solle sich unter unserer Spitze eine kolossale Grube, die Similaunsgrube genannt, befinden, gebildet von ungeheuren Eiswänden, welche ich vom Nebel umhüllt nicht sah.

Meine sieben Begleiter mahnten mich zum Aufbruch. - Mit blutendem Herzen schied ich von der erhabenen Warte, mit dem festen Vorsatz, zur Zeit der Sommersonnenwende mit mehrern Freunden eine Nacht auf selber zu wachen. Die Reiserequisiten wurden zusammen gepackt und der Plan für den Rückweg entworfen.

In nordwestlicher Richtung wäre freilich über den großen Ferner der nächste Rückweg bei nebelfreiem Himmel gewesen, allein der großen Spalten wegen trauten sich die Führer nicht, diesen, welcher wohl zur Rückreise, aber nicht zur Besteigung der großen Steilheit wegen brauchbar wäre, diesmal zu betreten. Es ward beschlossen, in südwestlicher Richtung über dem nicht so steilen und kürzern, mit weniger Spalten versehenen Grafferner zu gehen.

Je vier und vier wurden mit Stricken zusammen gebunden, ich erhielt selben um die Brust fest zusammen geschnürt. Fuchs, Veithaler und sein Sohn, nebst Ladurner bildeten den ersten Zug. Ich, Rafeiner, Spechtenhauser und Hr. Groß den zweiten. - Wir setzten über der Spalte - und der erste Zug setzte sich in Bewegung, indem ein Mann in Entfernung von 3 bis 4 Schritten dem andern folgte. Diesmal war ich beim zweiten Zug der Vormann. Trotz unserer Fußeisen rollten wir, stehend, auf den kräftigen Bergstock gestützt, mit Blitzesschnelle über den Ferner hinunter, hie und da den Spalten ausweichend, wo wir sehr leicht Halt machen konnten. Einem Zuseher hätte es allerdings ein drolligtes Spektakel gegeben, denn unsere verschiedenfarbigen Röcke nahmen sich aus, wie Flaggen auf den Schiffsmasten verschiedener Nationen. Sowohl von Katharinaberg, als von der Thalebene am Eingang Schnals hätte man uns leicht sehen können.

Wir möchten eine Viertelstunde so herunter gefahren seyn, als ich bemerkte, daß der erste Zug Halt machte, und mir zurief, mich mehr westlich zu wenden, welches auch sie thaten. Erst in Sicherheit erfuhr ich, daß Fuchs als Vormann sich zu südlich wandte, und vom Nebel getäuscht auf einem Abhang gerieth, wo der Boden durch die heurige Sommerwärme mit einer zu dünnen Eisdecke belegt einen wenigstens 600 Fuß tiefen Abgrund begränzte, und die erste Karavane einer unrettbaren Gefahr nahe brachte.

Wir bogen südwestlich aus und zogen uns endlich westlich hinüber, wo ich sehr bald den Punkt sah, wo wir das Mittagmahl einnahmen. Die Entfernung, zu welcher wir schnell klimmend 1 ½ Stunde bis zur Spitze benöthigt hatten, legten wir nur in 20 Minuten über dem Ferner zurück.

Nach einer halben Stunde verließen wir den Ferner, - der Strick wurde gelöst, - die Fußeisen entfernet. - Gerölle rollte uns nach, und oft in bedeutender Menge. Wo dieses uns nicht belästigte, schlugen die Steinplatten um und machten das Herabgehen bereits mehr, als das Aufsteigen ermüdend. Ich erstaunte wirklich über die Höhe, die wir erstiegen, da wir im raschen Abwärtsgehen, wozu uns der Ferner sehr förderlich war, doch in ganz gerader Richtung bis zur Thalebene vier volle Stunden benöthigten.

Der Similaun ist nun erstiegen, - ich fand mich neu gestärkt durch das Athmen der reinen Bergluft. - Ich und Jeder meiner Begleiter hätten den Weg neu begonnen, noch nicht des Steigens und Watens müde, wie Thurwieser noch den Orteles zu besteigen Lust gehabt hätte, als er erst von selbem herab kam. Es ist etwas mir unerklärbares, mehrere Wochen war meine Muskelkraft verjüngt; so viel ich erfuhr, theilten auch meine Begleiter dasselbe Gefühl. Nur meine Gesichtshaut löste sich in Schuppen nach vorhergegangener rothlaufartiger Entzündung am fünften Tag ab, weil ich einen Schneestor zwar bei mir hatte, aber nicht gebrauchte.

Der gastfreie Führer Rafeiner bewirthete die ganze Gesellschaft nach unserer Rückkunft. - Ich verfügte mich sodann zum Gastwirth Gorfer nach Karthaus, wo ich auf einige Stunden zu Bette ging. Um 1 Uhr Früh machte ich mich auf die Füße; ein leichter Regenschauer begleitete mich bis Staben, wo ich um 2 ½ Uhr ankam, - mich in einen Wagen warf und um 4 Uhr Früh am 28. Aug. in meiner Wohnung glücklich anlangte.

Schließlich erlaube ich mir noch ein Paar Worte für einen künftigen Ersteiger:

Man schlage den Weg zur Spitze ein, welchen ich rückwärts nahm, er ist gar nicht gefährlich und ermüdend, wie jener, welchen wir bei der Ersteigung eingeschlagen hatten, wo wir über Steine von 5 – 15 Schuh Höhe setzen mußten. Den Rückweg überlasse man ohne Bedenken den Führern, wozu sich Veithaler mit seinem Knechte Fuchs oder Rafeiner jederzeit bereitwillig finden lassen; Beide Männer von Einsicht, Ortskenntniß und seltener Bildung für Thalbewohner. Allerdings kann man sich hier der Sorge entheben, sich mit einer tüchtigen Summe Geldes einen Führer erbetteln zu müssen. - Solches ist diesen Männern fremd, und ich finde allerdings Ursache, selben für ihre Uneigennützigkeit und Selbstaufopferung hiemit öffentlich meinen Dank zu zollen. Mit eben solcher Bereitwilligkeit läßt sich Hr. Johann Egger, Kooperator zu Unser Frau, finden, der Begleiter der auf Similaun Reisenden zu seyn: Hätten nicht dringende seelsorgliche Verrichtungen ihn abgehalten, er wäre mit Freuden der meinige gewesen. Hr. Egger verbindet mit den Eigenschaften eines sehr guten ortskundigen Bergsteigers, angenehmen Gesellschafters, noch die eines ausgezeichneten Geographen.

Jeder Wanderer, der nicht überspannte Forderungen setzt, und selbe auf ein frugales reinliches Mahl, ein sehr gutes Glas Tirolerwein, — reinliches und sehr gutes Bett, freundliche Pflege beschränkt, wird sich gewiß befriedigt finden, sowohl beim Gastwirthe Gorfer in der Karthause, als beim Unterwirth Spechtenhauser zu Unser Frau.

Außer guten Fußeisen, Bergstock und Schneeflor, mit den gehörigen Mundvorräthen bedarf der Wanderer auf Similaun nichts, — die leitenden und oft rettenden Stricke wird jeder Führer selbst besorgen.

Möchten durch diesen Fingerzeig Liebhaber hoher Gebirgsregionen sich angeeifert finden, die von mir bestiegene Höhe zu erklettern; der Verfasser wünscht Jedem davon bessere Aussicht, als ihm zu Theil ward; doch glaubt er, jede Mühe des Ersteigens wird, wenn das Wetter entsprechend ist, — lohnend seyn.

Algund, am 14. Nov. 1839. Franz Radi, Landarzt

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    Die Ersteigung der Similaunspitze am 27. August 1839

    Ein Reisebericht schildert den Aufstieg zur Similaunspitze im Schnalstal am 27. August 1839 durch eine Gruppe einheimischer Begleiter und den Autor. Beschrieben werden die Route über das Leitergut und das Kaaserer Marterle sowie die wechselhaften Witterungsverhältnisse am Rande des Ferners.

1839 im Überblick

Das Jahr 1839 war in Meran und Umgebung von regionalen Infrastrukturprojekten, traditionsreichen Festlichkeiten und bemerkenswerten Natur- und Bergereignissen geprägt. Während im Frühjahr und Frühsommer kaiserliche Gedenkfeiern und das traditionelle Schützenfest im Mittelpunkt standen, dokumentieren die Archivalien auch gerichtliche Liegenschaftsversteigerungen sowie Berichte über den Eisenbahnbau und die Alpinistik. Besondere Aufmerksamkeit erregten zudem ein dramatischer Rettungseinsatz nach einem Felssturz im Passeiertal und die wissenschaftlich wie touristisch bedeutsame Erstbesteigung der Similaunspitze.

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"Die Ersteigung der Similaunspitze am 27. August 1839 (Schluss)." Der Bote für Tirol, 9. Dezember 1839. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/09.12.1839/151666/4. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1839-12-09-die-ersteigung-der-similaunspitze-am-27-august-1839-schluss