Die Ersteigung der Similaunspitze in Schnals am 27. August 1839 (Fortsetzung)
Fortsetzung des Berichts über die Ersteigung der Similaunspitze im Schnalstal am 27. August 1839. Die Bergsteiger erreichen trotz dichten Nebels und extremer Witterungsbedingungen den Gipfel, wo barometrische Höhenmessungen vorgenommen und ein Gipfeldokument in einer Flasche hinterlegt werden.
Vollständige Transkription
Anhang.
Die Ersteigung der Similaunspitze in Schnals am 27. Aug. 1839. 2/3
(Fortsetzung.)
Norden her sah es noch schlimmer aus; über unsere Wand hinaus sahen wir wenige Fuß von uns in schauerlicher Tiefe einen Fernerabhang mit seinen Rissen und Klüften, bis die Nebel vor uns und in der Tiefe selbst jede Aussicht hemmten. Sie flogen rasch über unsern Häuptern gegen Süden zu, später uns auch diese Seite verdeckend - die einzige, die wir noch frei hatten, da wir gegen Norden nicht einmal die nahe liegende Wildeisspitze sahen.
Wir entschlossen uns hier, geschützt vor Sturm und Wind, die Zertheilung der Wolken abzuwarten. - Meine zwei Thermometer zeigten + 6,3, also mehr als 6 Grad über den Gefrierpunkt.
Ohne mich auf geognostische Beobachtungen im Detail einlassen zu können, welches ich Kennern des Faches überlassen muß, berühre ich nur kurz, daß ich keinen festen Gebirgskern vorfand, es war angeschwemmter Boden. Porphir, Sandschiefer, Quarz mit eingesprengtem Kalkstein, welche Exemplare seltener waren, zeigten sich zwischen Erdlagern zu Wänden aufgethürmt, wie von Menschenhänden geformt. Die ganze Masse erschien auf dem Weg, den wir nehmen mußten, wie eine Ablagerung von großem Gebirge, ohne daß wir enträthseln konnten, woher diese verschiedenartigen Fragmente eigentlich kamen. Da ich hier nicht, wie auf dem Schlern voriges Jahr, reichlich verwitterter Lava fand, so konnte ich auf keinen vulkanischen Ursprung derselben schließen, sondern ich kann ihr Daseyn nur einer diluvianischen Revolution mit allem Recht zuschreiben. Wir labten uns und setzten, nachdem wir hier 2 ½ Stunden zugebracht hatten, unsere Reise weiter fort. Es war 11 ¼ Uhr.
War der Weg bis hieher schlimm, so wurde er jetzt noch schlimmer! Hohe übereinander gethürmte Steine bildeten einen Kamm, zu beiden Seiten vom Ferner eingeengt, welcher mit seiner schwindelnden Tiefe und seinen Spalten dem Wanderer entgegen starrte. Nicht nur mit Füßen und Händen, sondern oft sogar mit Knie und Ellenbogen mußten wir uns forthelfen. - Wir glichen Gemsen! Wehe dem, der vom Schwindel befallen, oder von einem lose gewordenen Steine seines Vormannes getroffen worden wäre; er hätte seine Rechnung hienieden beschlossen! - Um das Maß des Mißbehagens voll zu machen, umsäuselte uns ein nicht sehr sanfter Zephir, - die Nebel verdunkelten alle Aussicht, nur jene der schauerlichen Tiefe nicht. Fürwahr, es bedurfte einer außerordentlichen physischen Anstrengung; aber was vermag der Mensch nicht Alles, um sein Ziel zu erreichen, welches er sich ernstlich vorgesetzt hat!
Nachdem wir mit unsäglicher Mühe diese Steinmassen erklettert hatten, was beinahe eine Stunde dauerte, kamen wir als Fortsetzung derselben zu einer, der östlich vor uns liegenden Spitze beinahe senkrecht zulaufenden Schneide. Wir waren von unserm Reiseziel nur noch eine Viertelstunde entfernt und betraten hier zum ersten Mal den Ferner.
Wir schnallten uns unsere Fußeisen zurecht, nahmen die leitenden Stricke unseres Vordermannes zur Hand, und schritten so mit Hülfe des Bergstockes genau in dessen Fußstapfen ein, und so eilten wir unter der jeden Schritt bedrohenden Gefahr, Rechts oder Links auszugleiten und im tiefsten Abgrunde begraben zu werden, von Nebel in Finsterniß gehüllt, vom Wind unsanft gerüttelt, der Spitze zu. - Ich erinnerte meine Gefährten an Schillers Berglied.
Ein helles Jubeln verkündete, daß von der Reisegesellschaft Jemand den Bestimmungsort erreicht habe, - es war der furchtlose Fuchs. - Nach ein Paar Minuten langte auch ich mit meinem trefflichen Führer und Vormann Rafeiner an, nachdem wir eine Gletscherspalte von 3 Schuh Breite, welche von Nord nach Süden zulauft, und nur zur Ansetzung des Fußes höchstens 5 Zoll gönnte, - übersetzt hatten. - Mit diesem letzten Schritt standen wir am Ziel unserer Wünsche, auf dem Haupte des Bergriesen, welches höchstens von Westen nach Osten 40 Schritt Länge hat, wo sich eine leichte Böschung demselben entlang befindet, - die Breite möchte schwerlich 10 Schritte, nämlich von Nord nach Süden betragen. Leider war Alles so in Nebel gehüllt, daß ich auf 20 Schritte wohl menschliche Gestalten, aber bei weitem keinen meiner Begleiter erkannte. Einige wenige Fuß unter dem Grath war eine, etliche wenige Klafter breite und eben so lange Fläche.
Es war 12 ½ Uhr, als wir die Höhe erreichten. - Auf dem dominirendsten Punkt legte Fuchs seine Jacke hin; ich setzte mich darauf, um zu schreiben. Meine mitgenommenen Geräthschaften wurden ausgepackt, - drei Bergstöcke vor mir in den Eisstock eingetrieben und auf zwei derselben meine Thermometer, auf dem dritten mein Barometer befestigt, welchen ich, um ihn vor jeder möglichen Beschädigung zu bewahren, immer selbst trug.
Der Nebenzweck der Reise, nämlich eine unermeßliche Aussicht in Gottes weite Welt ward uns vereitelt, deswegen bedauerte ich meine Reisegefährten. Mir blieb noch der bessere Theil, nämlich die barometrische Höhenmessung vorzunehmen, da früher weder diese, noch eine trigonometrische statt fand.
Meine Begleiter waren ungewöhnlich blaß, klagten über Brustbeklemmung, über Sausen in den Ohren, welche Erscheinungen ich ebenfalls verspürte. Sie äußerte sich nicht bei Jedem von uns in gleichem Grade. Unsere Pulse gaben 120 Schläge in einer Minute.
Der Wind blies von Norden und Westen und verursachte einen heftigen Wirbel in den ober unsern Häuptern befindlichen Wolken. Ein imposantes Schauspiel! Ich gestehe es, - es ergriff mich ein unnennbares Gefühl. - Die Natur in ihrer Erstarrung und Ertödtung hier sich fürchterlich zeigend, - umgab uns. Ruhig sah ich, wie meine Begleiter, daß keine weitere Aussicht zu erwarten sey, und wir gaben uns willig ins unvermeidliche Schicksal.
Die Thermometer standen auf -2,1, also mehr als 2 Grad unter Null, während sowohl Thurwieser als sein Vorgänger auf dem Orteles doch mehrere Grad über Null hatten. Die Kälte war empfindlich.
Der Barometer stand auf 18, 2,0; während selber zur gegebenen Stunde in Innsbruck 26, 9,91 zeigte. - Somit wäre die Höhe der Similaunspitze über dem Spiegel des adriatischen Meeres nach meiner Berechnung 11,780 Pariser oder 12,109 Wiener Fuß anzunehmen.
Meine Begleiter zitterten vor Frost und um 2 Uhr dachten wir ernstlich an den Aufbruch, nachdem wir dem unter uns wohnenden Menschengeschlechte einen herzlichen Toast ausgebracht hatten, wozu der noch übrige Ciprowein diente. Ich übergab sodann einem meiner Begleiter ein von mir geschriebenes, zusammen gerolltes Blatt, die Erzählung unserer Wanderung auf den Similaun enthaltend und von Jedem unterzeichnet, ausgenommen von zweien, deren von Frost erstarrte Hände das Schreiben versagte, welche daher von Veithaler und Rafeiner ersetzt wurden; selbes wurde in eine Flasche geschoben, welche in ihrer Mündung einen Bergstock aufnahm, der auf der Spitze 4 Schuh über sie hervorragend aufgepflanzt wurde. (Beschluß folgt.)
Auch in diesem Monat
- Der Bote für Tirol1830er5 Schlagwörter
Die Ersteigung der Similaunspitze am 27. August 1839
Ein Reisebericht schildert den Aufstieg zur Similaunspitze im Schnalstal am 27. August 1839 durch eine Gruppe einheimischer Begleiter und den Autor. Beschrieben werden die Route über das Leitergut und das Kaaserer Marterle sowie die wechselhaften Witterungsverhältnisse am Rande des Ferners.
- Der Bote für Tirol1830er5 Schlagwörter
Die Ersteigung der Similaunspitze am 27. August 1839 (Schluss)
Im abschließenden Teil seines Berichts schildert der Algunder Landarzt Franz Radi den teils gefährlichen Abstieg vom Similaun über den Grafferner ins Schnalstal. Er berichtet über die körperlichen Nachwirkungen der Hochtour, empfiehlt die geeignetste Aufstiegsroute und lobt die Schnalser Bergführer, Kooperator Johann Egger sowie die örtlichen Gasthäuser.
1839 im Überblick
Das Jahr 1839 war in Meran und Umgebung von regionalen Infrastrukturprojekten, traditionsreichen Festlichkeiten und bemerkenswerten Natur- und Bergereignissen geprägt. Während im Frühjahr und Frühsommer kaiserliche Gedenkfeiern und das traditionelle Schützenfest im Mittelpunkt standen, dokumentieren die Archivalien auch gerichtliche Liegenschaftsversteigerungen sowie Berichte über den Eisenbahnbau und die Alpinistik. Besondere Aufmerksamkeit erregten zudem ein dramatischer Rettungseinsatz nach einem Felssturz im Passeiertal und die wissenschaftlich wie touristisch bedeutsame Erstbesteigung der Similaunspitze. →
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"Die Ersteigung der Similaunspitze in Schnals am 27. August 1839 (Fortsetzung)." Der Bote für Tirol, 5. Dezember 1839. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/05.12.1839/151665/4. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1839-12-05-die-ersteigung-der-similaunspitze-in-schnals-am-27-august-1839-fortsetzung