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Die Ersteigung der Similaunspitze am 27. August 1839

Zusammenfassung

Ein Reisebericht schildert den Aufstieg zur Similaunspitze im Schnalstal am 27. August 1839 durch eine Gruppe einheimischer Begleiter und den Autor. Beschrieben werden die Route über das Leitergut und das Kaaserer Marterle sowie die wechselhaften Witterungsverhältnisse am Rande des Ferners.

Vollständige Transkription

Anhang.

Die Ersteigung der Similaunspitze in Schnals am 27. Aug. 1839. 1/3

Zwei Zinken ragen in´s Blaue der Luft,

Hoch über der Menschengeschlechter,

Drauf tanzen umschleiert mit goldenem Duft,

Die Wolken die himmlischen Töchter.

Schiller.

In dem gewaltigen Gebirgsstock der rhätischen Alpen, welche vom Orteles bis zum Brenner Tirol in ununterbrochenem Gange durchschneiden, befindet sich im Thale Schnals, k. k. Landgerichts Schlanders, und zum Kreise an der Etsch gehörend, die erhabene Similaunsspitze.

Allgemein wurde die Erklimmung dieser Gebirgshöhe als unmöglich angenommen, obschon Hr. Kooperator Thomas Kaaserer, damals zu Unser Frau in Schnals, in Begleitung des am Fuße des Bergriesens wohnenden Joseph Rafeiner selben im Sommer 1834 glücklich erstieg, so wurde selbe von vielen Thalbewohnern bezweifelt, von Andern gar nicht geglaubt.

Von jeher Liebhaber, lustige Höhen in unserm gebirgsreichen Vaterlande zu erklimmen, entschloß ich mich, um jeden Zweifel seiner Ersteigung zu beseitigen, zur Reise nach Similaun, wozu noch die Bekanntschaft biederer Thalbewohner den einmal gefaßten Vorsatz bedeutend förderten.

Joseph Veithaler, Unterauer in Schnals, erbot sich, einen Zugang zur Spitze ausfindig zu machen, und mir das Resultat desselben mitzutheilen. Und wirklich erklomm er auch die Spitze selbst in Begleitung des Hrn. Kooperators Johann Egger zu Unser Frau und seines Knechtes, insgemein Fuchs genannt, am 15. Juli l. J., und obschon das Wetter nicht gar zu günstig war, so hatten doch selbe eine herrliche Aussicht zum Lohne für ihre Mühe.

Da das Wetter durch mehrere Tage hindurch zu einer Gebirgsreise sehr einladend war, so verfügte ich mich am 25. Aug. Nachmittags von meinem Wohnorte nach dem hart am Eingange Schnals gelegenen Dorf Staven, wo ich übernachtete, um in aller Früh am 26. die Fußreise bis zum Leitergutsbesitzer Joseph Rafeiner, welcher die Spitze 1834 erklommen hatte, fortzusehen, und um dort zu übernachten. Die Entfernung von Staben bis zu meinem zweiten Nachtquartier nördlich dem Thale entlang betrug 4 ½ Stunden.

Ungefähr eine gute Stunde Wegs mochte ich zurück gelegt haben, als ich zuerst das Ziel meiner Reise erblickte. — Von dieser Seite zeigte sich die Spitze in Gestalt einer breiten Pyramide, und schien ihren neuen Gast, auf ihr ewig weißes Haupt zu treten — freundlich einzuladen.

Eine halbe Stunde mochte ich meinem Reiseziel zugeeilt haben, als sich selbes aus meinen Augen verlor, um sich nicht eher, als bis ich ihm auf beiläufig 3 Stunden nahe kam und mich ungefähr 8000 Fuß über dem adriatischen Meeresspiegel befand, beim sogenannten Kaaserer Marterle zu zeigen.

Der Rest des Tages wurde mit Anwerbung mehrerer Führer und Begleiter, und mit Herbeischaffung von Reiserequisiten und Mundvorräthe aller Art zugebracht.

Zufolge der Abends zuvor gepflogenen Verabredung geschah der Aufbruch zur Reise am 27. um 3¼ Uhr Früh vom Hause des Joseph Rafeiner, welcher sich Joseph Veithaler, seinen Sohn, und Fuchs, Veithalers Knecht, beigesellte. Außerdem begleiteten mich die Herren Ladurner, Wundarzt, Anton Groß, Schullehrer, nebst dem Gastwirthe Spechtenhauser, sämmtlich Individuen vom Thale Schnals.

Durch mehr als zehn Tage war früher der Horizont heiter, und ich sowohl als meine Reisegefährten dachten nicht daran, daß ein Regenwetter, oder wenigstens Aussicht raubende Wolken uns einen bösen Spuk bereiten möchten, aber es war anders. - Schon am Abend, noch mehr aber über Nacht hatte sich der Horizont getrübt und Wolken hingen von den Gebirgen tief ins Thal hinab. Allein wir beachteten nichts, hoffend, daß die ersten Strahlen der Sonne die Wolken durchbrechen und die Nebel zerstäuben würden. - Wir brachen auf, unser Ziel zu verfolgen. Oestlich nahmen wir unsern Weg, welcher schon von der Hausflur aus sehr steil in beinahe gerader Linie begann. Nach einer guten Viertelstunde bogen wir von einem Bauerngute, Tiß genannt, links aus, und ein schmaler Fußsteig führte uns über einen mit immer sparsamer werdender Vegetation versehenen besetzten rothen Sandschieferboden in steiler Höhe fort.

Zwei Stunden mochten wir fortgewandelt seyn, und eine bedeutende Höhe erreicht haben, wo sich jede Spur eines Fußsteiges verlor. Die Vegetation verlor sich immer mehr, denn außer Alpenaurikeln sah ich nur selten ein Alpenröschen, da ich doch noch am Fuße des Berges Daphne mezereum fand. - Eben so ist jede Spur eines Holzwuchses ober dem Gute Tiß verwischt. Eben so wenig kann man sich im ganzen Verlauf der Gebirgsreise vertrösten, seinen lechzenden Gaumen mit einem Trunk frischen Wassers zu erquicken (außer man behilft sich mit Ferner-Schnee oder Eis); will man anders seine Kräfte restauriren, und warme Küche haben, so muß beides von der Thalebene hinauf getragen werden.

Außer einer von Steinen zusammen gesetzten Hütte, welche höchstens im Nothfall zwei Menschen aufnehmen könnte, und eher zur Herberg für Schafe als menschliche Wesen sich eignet, fand ich kein Obdach im Fall eines eintretenden Hochgewitters oder der einbrechenden Nacht in dieser Gebirgsregion vor.

Unser Weg, welcher sehr steil war, führte uns in ganz gerader Richtung bergan. Das Steingerölle wurde immer gröber und gröber, bis wir über ermüdende Steinplatten mühsam klimmen mußten. Die Vegetation verlor sich, und ich fand höchstens nur Flechten. Sehr schnell glaubt man sich von der Gesellschaft menschlicher Wesen ausgeschlossen, und in einer unwirthlichen Gegend Sibiriens oder Saharas Wüsten versetzt. Trotz dem sah ich etliche Stück junges Rindvieh, einige Schafe und ein Paar Ziegen im Verlauf meiner Gebirgsreise im Gebirg umher irren, ohne zu wissen, woher sie Nahrung beziehen. Ungefähr eine gute Stunde mochten wir rasch fortgewandelt seyn, als wir zu einer von großen Steinen und Erde gebildeten Wand gelangten — rechts waren große Steine, über welche wir schreiten mußten. Vor uns war ein Ausschnitt mit der Aussicht in eine beträchtliche Thaltiefe, von wo aus sich der Ferner bis zur Similaunsspitze — welche wir hier zum ersten Mal sahen, — hinauf zog. Es war hier das sogenannte Kaaserer Marterle, und meine Führer erklärten nun, daß der halbe Weg von der Thalebene zur Spitze zurück gelegt sey. Es war erst 6 ½ Uhr.

Nachdem wir hier eine halbe Stunde Halt gemacht hatten, nahmen wir unsern Mundvorrath in Anspruch, machten sodann eine kleine Ausbiegung südöstlich, ohne bedeutend die anfangs genommene linea recta aus den Augen zu verlieren.

Wir setzten unsere Reise weiter fort und mit jedem Schritt rückten wir dem Ferner näher, obschon wir dessen Anfangshöhe schon längst überstiegen hatten. Wir setzten über einen Kamm von Steinen, welcher vom Ferner zu beiden Seiten eingeengt war, und nach abermaligem Marsch von mehr als 1 ½ Stunden langten wir wieder bei einer von großen Steinen und Erde gebildeten Wand an, welche uns vor dem nun beginnenden Sturm schützte. Wir machten Halt und restaurirten unsere Kräfte. - Es war 8 ½ Uhr.

Auf der Spitze wechselten Nebel, Sturm und Sonnenschein, der Horizont war umwölkt und nach den Gebirgsketten entlang hingen Nebel tief ins Thal. - Westlich ließen uns auf wenige Augenblicke die zertheilten Wolken den ganzen Gebirgsstock von Martell mit dessen Kuppen, Gletschern rc. dem Orteles entlang sehen. Letzterer war so wie unsere Spitze in eine dichte Nebelkappe gehüllt. - Südöstlich vor unsern Füßen lag schroff der Ferner mit seinen Klüften, ein, so weit der Nebel es erlaubte, dem Auge unübersehbares Eismeer, wo von Pfosenthal eine Fernerpyramide Ehrfurcht gebiethend in diesen eisigen Strich sein Haupt stolz empor hob. - Ein herrlicher Anblick! Welche Brust sollte nicht zu höhern Gefühlen gehoben werden? und was würde erst bei völlig heiterm Wetter hier beiläufig 1200 Fuß unter der Spitze für eine Aussicht seyn, da die unsere leider! so beschränkt war. (Fortsetzung folgt.)

1839 im Überblick

Das Jahr 1839 war in der Region Meran und Umgebung von traditionellen Feierlichkeiten, wirtschaftlichen Aktivitäten sowie alpinen Ereignissen geprägt. Neben Gedenkfeiern und dem kaiserlichen Freischießen in Meran und im Passeiertal standen gerichtliche Grundstücksversteigerungen, Berichte über alpine Unternehmungen sowie Infrastrukturprojekte und Rettungseinsätze im Vordergrund der lokalen Überlieferung.

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"Die Ersteigung der Similaunspitze am 27. August 1839." Der Bote für Tirol, 2. Dezember 1839. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/02.12.1839/151664/4. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1839-12-02-die-ersteigung-der-similaunspitze-am-27-august-1839