Reise vom Stilfserjoch nach Bormio
Ein Reisebericht aus dem Echo schildert die Fahrt über das Stilfserjoch hinab nach Worms (Bormio). Neben der kühnen Straßenführung mit ihren Schutzgalerien werden die neu errichteten Kurbäder von San Martino und die Weiterreise durch das Veltlin nach Mailand beschrieben.
Vollständige Transkription
Anhang.
Folgende Skizze aus der Beschreibung einer Reise vom Gipfel des Stilfserjoches nach Worms entlehnen wir dem Echo:
„Jeder, der auch nur ein mäßiges Gebirge erstiegen, und an der Aussicht auf die unten ausgebreiteten Gefilde sich ergötzet hat, wird sich eine Vorstellung derjenigen Aussicht zu machen im Stande seyn, welche man von der Höhe des Stilfserjoches genießt. Man befindet sich ohne die Mühseligkeiten und Gefahren des Besteigens eines Gletschers auf einer Höhe von 2814 metr. über der adriatischen Meeresfläche und von 260 metr. über der Schneelinie (alle bekannten Bergstraßen in Europa sind weit niedriger als diese große Heerstraße) und erblickt in unermeßlicher Fernsicht rings umher nur ein Meer von Bergen, Hügeln, Thälern, Schluchten und Wildbächen, von Wildnissen und Felsenmassen, das erquickendste Grün der Matten und Waldungen unter der dunkeln Bläue des weiten Himmelsgewölbes; die flimmernden Eisspitzen der Gletscher und Firnen, welche im Sonnenlichte sich spiegelnd, bald flammend und bald in sanftem Meergrün, bald in dunkler Schwärze und bald wieder in flimmerndem Silber erscheinen, und unter diesen allen, als Riesen hervorragend, die Spitzen des 4300 metr. hohen Orteles.
Von hier geht es abwärts auf mehreren Wendungen gegen die lombardische Seite der Montagna, welche eine ziemlich breite Hochfläche darbiethet und eine weite Aussicht in das romantische tief hinein abgedachte Thal von Santa Maria, gegen Graubündten zu, öffnet. Am unteren Ende dieser Hochfläche sind zwei Gebäude aufgeführt, von denen eines für die Unterkunft der Reisenden und den Pferdewechsel, das andere zur Wohnung des Finanzpersonals bestimmt ist. Von dieser Post angefangen wird der Horizont immer beschränkter; der Weg wendet sich links hinab zu einer kleinen, eingeschlossenen Fläche, wo einsam ein Gotteshaus steht mit einer für den Seelsorger erbauten Wohnung. Endlich tritt man nach wiederholten Wendungen in eine lange Felsenschlucht, an deren Eingange eine hölzerne Gallerie gezimmert ist. In dieser Schlucht sind zum Schutze gegen den furchtbaren Sturz der Lavinen mehrere Gallerien, theils in den Felsen ausgehöhlt, theils aus Gemäuer aufgeführt. Von der Post und Cantoniera bei Spondalunga zieht man stets durch eine sich gleich bleibende und vegetationslose Gegend hinab.
Allmälig bekleiden sich die Anhöhen längs der Heerstraße mit dichter Waldung; die Schlucht erweitert sich und gewährt den Anblick der emporragenden Eisspitzen der Gletscher um Worms, des seitwärts, rechts unterhalb San Martino gelegenen Thales und endlich der ganzen Hochfläche um Worms. Wie durch ein Thor gelangt man von der letzten, 40 metr. messende Gallerie, zu einer langen steinernen Brücke über einen Abgrund, einer der schönsten unter allen auf dieser Heerstraße und hat von da eine freie Aussicht auf eine freundlichere Natur, die das Ende der zurückgelegten düstern Scenen verkündet.
Am Abhange unter der Straße, rechts, kurz vor der letzten Gallerie, liegt San Martino, ein aus mehreren zusammen gebauten Häusern und einer dem heil. Martin geweihten Kapelle, bestehender Ort, schon zu Cassiodors Zeiten wegen seiner Bäder berühmt und noch immer sehr besucht unter dem Namen der heißen „Bäder von Worms.“
Der allmälige Verfall der uralten Gebäude, wie nicht minder die unzweckmäßige, veraltete Eintheilung ihrer inneren Bestandtheile ließen das Bedürfniß einer dem vorgeschrittenen Zeitalter angemessenen Erneuerung fühlen. Deshalb wurde, einige hundert Schritte davon, ein neues prachtvolles und sehr zweckmäßes Gebäude aufgeführt, unter dem seiner Bestimmung entsprechenden Namen der „neuen Bäder.“
Zu ebener Erde sind nach der ganzen Länge des Gebäudes auf beiden Seiten des breiten Ganges die Badezimmer angelegt, in welcher sich mitunter auch marmorne Wannen befinden, oberhalb sind herrlich ausgemahlte Zimmer zur Wohnung der Badegäste eingerichtet worden. Auf dem Auffahrtsplatze, an der Berglehne gegen die Heerstraße zu, befinden sich drei Quellen, darunter eine mit warmem Wasser, welche von den alten Bädern hergeleitet, den sprudelnden Heilquell in marmorne Becken ergießen. Dieser Bau wurde im Jahre 1833 unternommen und bereits im darauf folgenden Jahre mit einem Aufwande von 400,000 Lire vollendet.
Möge diese segenreiche Heilanstalt unter den Auspicien einer aufgeklärten Regierung mehr und mehr gedeihen und Trost den vielen Stechenden bringen, welche ihre Zuflucht zu ihren 28° - 38° Reaumur heißen Quellen nehmen werden!
Nach einer halben Stunde hat man das alterthümliche Worms (Bormio) erreicht. Es liegt zum Theile auch am Saume der nach ihm benannten, 1260 metr. über dem adriatischen Meeresspiegel, von drei Gletschern umgebenen und von der Adda und dem Wildbache Fredolfo bewässerten Hochfläche. Trotz dieser Lage unterhält Worms eine starke Bienenzucht, welche den berühmten Honig von Worms liefert.
Bei Worms endet der Zug der Heerstraße über das Stilfserjoch und in entgegengesetzter Linie beginnt die Straße durch die Val Tellina, welche längs der Adda, nach Sondrio Morbegno und Colico geleitet ist und in fortgesetztem Zuge von Colico nach Lecco längs des Comersees, von da nach Monza und nach Mailand, führt.
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"Reise vom Stilfserjoch nach Bormio." Der Bote für Tirol, 21. März 1836. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/21.03.1836/151278/4. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1836-03-21-reise-vom-stilfserjoch-nach-bormio