Die neue Militärstraße über das Stilfserjoch nach Tirol
Ein Bericht aus dem Mailänder Echo schildert den Bau der 1825 vollendeten Militärstraße über das Stilfserjoch, die das Veltlin mit Tirol verbindet. Neben technischen Details, Höhenangaben und dem Dienst der sogenannten Rotteri werden die Gesamtkosten von über 2,9 Millionen Gulden aufgeschlüsselt.
Vollständige Transkription
Anhang.
Ueber die neue Militärstraße durch das Valtelin über das Stilfserjoch nach Tirol.
(Aus dem Mailänder Echo.)
Im Jahre 1818 geruhten Se. Majestät der verstorbene Kaiser Franz I. das Ihm unterlegte Projekt zur Erbauung einer fahrbaren Straße durch das Valtelin und nach Tirol über das Stilfserjoch zu genehmigen, nachdem bisher nur ein äußerst beschwerlicher Fußsteig längs der einen Thallehne des Valsassina die Verbindung auf eine kleine Strecke ausmachte. — Nach Erhalt dieser gnädigen Erlaubniß wurde alsogleich eine politisch-militärische Kommission zusammen gesetzt, welche das Mögliche einer Fahrbarkeit des für diese Straße bestimmte Terrains untersuchte, und die Richtungspunkte derselben allenthalben bestimmte. Schon im Monat Juni 1820 begann man die Arbeit, und 1823 war fast der ganze Theil in der Lombardie vollendet; ein Umstand, der die größte Aufmerksamkeit und Bewunderung erregt, wenn man bedenkt, daß das Gebirgsklima in diesem nördlichen Theile, der große Schnee, der hier allenthalben fiel und mit größter Mühe weggeräumt werden mußte, nur ein Drittheil des Jahres die Arbeit zuließ, abgerechnet davon, wie viele bedeutende Hindernisse noch die Unebenheit des Terrains entgegen setzte. Noch in demselben Jahre unternahm man den Bau im Gebiethe von Tirol, der im Jahre 1825 vollendet wurde. Seither wurden die angedeuteten Arbeiten theils durchgehends ausgeführt, und theils an den Stellen, wo es nothwendig schien, schickliche Verbesserungen gemacht. Die ganze Straße ist, und zwar dort, wo sie längs des Sees führt und es die Natur des Terrains erforderte, auf einem Fundamente von gemauerten Ziegel- und Backsteinen über Bogengewölbe geführt, mit Abzugsöffnungen und streckenweise mit zierlichen Stiegen, welche zum See hinab leiten, versehen. Auch sind für den durstigen Wanderer zeitweise Brunnen in die Straßenwand gebaut worden, die ihr klares, gesundes Wasser von den nahe liegenden Bergen erhalten. Nachdem die ausspringenden Winkel der Gebirgslehne an mehreren Punkten nicht abgetragen wurden, sondern die Straße daselbst durch in Felsen gesprengte Gallerien geführt ist, so gleicht sie dadurch einer stets fortlaufenden verschanzten Linie, welche wenigen an Kraft und Haltbarkeit nachstehen dürfte. Die Länge dieser Gallerien, die an verschiedenen Stellen auch von Holz errichtet sind, beträgt im Ganzen beiläufig 3600 Metres. Zur Wegschaffung des Schnees und Eises, so wie zur Reinigung von Schutt und Steinen, die etwa von den Bergen auf die Straße herab rollten, sind eigene Leute beauftragt, deren Anzahl sich dermal auf 48 erstreckt. Diese Leute, Rotteri oder Rompitori (Brecher) genannt, befinden sich fast den ganzen Tag und selbst zur Nachtzeit auf der Straße, um ihrem Berufe treu nachzukommen, so daß höchst selten die Kommunikation unterbrochen wird. Sie leben in 11 Häusern, die auch zur Aufnahme der Reisenden dienen, und haben ihre eigene Pfarre, nachdem von Bormio angefangen bis zum ersten Dorfe in Tirol sich nicht Eine Ortschaft befand. Zwölf dieser Leute sind auch mit Pferden und Schlitten versehen. Die größte Höhe der Straße auf dem Stilfserjoch über Bormio ist 1554 Metres, und über die Meeresfläche 2814 Metres.
Der Kostenaufwand für die ganze Straße beträgt *): 1. für den Theil von Lecco nach Colico 3,460,000 Zwanziger; 2. für den Theil von Colico nach Riva 650,000 Zw.; 3. das Straßenstück in der Lombardie bis zum Splügen 1,260,000 Zw.; 4. jener Theil der neuen Straße, welcher durch Graubündten vom Stilfserjoch bis zum Rhein führt und unmittelbar auf Kosten des lombardischen Guberniums erbaut wurde, 273,000 Zw., und 5. der Theil von Bormio bis an die Etsch, auf eine Länge von 48,111 Metres, 3,060,000 Zw. Im Ganzen 8,703,000 Zwanziger, oder 2,901,000 Gulden.
Eine ausführliche Beschreibung dieser Straße, so wie der Landstriche und bedeutenden Ortschaften, welche selbe durchzieht, würde einen Band füllen, und dem vorgesteckten Zwecke, nämlich dem geneigten Leser bloß eine Idee von diesem unendlich großartigen Bauwerke zu geben, nicht entsprechen. Obgleich Einige auftreten, welche der Straße lange Dauer absprechen, zu welchem Urtheile zwar die an manchen Stellen nach meiner Ansicht zu schwache Grundlage Ursache geben mag, so dürfte wohl seit Jahrhunderten keine so herrliche und zugleich bequeme Straße, deren Herstellung mit so vielen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, erbaut werden seyn. Mächtig wird der Reisende, den auf seiner Fahrt neben den Werken der Kunst noch die reißenden Gefilde der ihn umgebenden Natur entzücken, an jenes Zeitalter erinnert, an die Tage, wo die Lombardie auch von jenem kunstsinnigen Volke, den gepriesenen Römern, mit den prachtvollsten Straßen durchzogen wurde. - Wer die Vergangenheit und Gegenwart vergleicht, muß erkennen, daß sich dieses neueste Werk den stolzen Riesenbauten der Vorfahren ehrenvoll anschließt **). Phil. v. Körber.
*) Diese Angaben sind theils aus ämtlichen Quellen entlehnt, theils verdanke ich sie der Mittheilung des Hrn. v. Donegani, Ingenieurs in Capo zu Sondrio, welchem die Leitung der Straßengeschäfte übertragen ist.
**) Ich kann nicht unterlassen auf das werthvolle Werk: Voyage pittoresque sur la nouvelle route depuis Glurns en Tirol par le col de Stilfs (passo di Stelvio) par la Valtelline, le long du lac de Come, jusqu´à Milan. - 36 vues en 6 Livraisons, dessinées d´après nature et publiées par I. I. Meyer. - Zürich 1831, aufmerksam zu machen.
1835 im Überblick
Das Jahr 1835 war im regionalen und habsburgischen Kontext von bedeutenden Weichenstellungen in der Infrastruktur und tiefgreifender Staatstrauer geprägt. Während im Frühjahr der Tod von Kaiser Franz I. offizielle Trauerfeiern und Nachrufe auslöste, standen strategische Verkehrsprojekte wie die Diskussionen über den alpinen Eisenbahnbau und die finanzielle Bilanz der Stilfserjoch-Militärstraße im Vordergrund. →
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"Die neue Militärstraße über das Stilfserjoch nach Tirol." Der Bote für Tirol, 28. Mai 1835. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/28.05.1835/151193/4. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1835-05-28-die-neue-militaerstrasse-ueber-das-stilfserjoch-nach-tirol