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Fertigstellung und Eröffnung der neuen Stilfser-Joch-Straße

Zusammenfassung

Die Zeitung berichtet über die Fertigstellung der neuen Passstraße über das Stilfser Joch als direkte Verbindung zwischen der Lombardei und Tirol. Beschrieben werden die technischen Merkmale der auf fast 2900 Metern Höhe angelegten Kunststraße, darunter Lawinengalerien und Kantenhäuser. Der Artikel betont die verkehrstechnische und landschaftliche Bedeutung des Bauwerks im Vergleich zu anderen Alpenpässen.

Vollständige Transkription

Unter der Aufschrift “Mailand, den 24. Juli“ enthält der österr. Beobachter folgenden Artikel: „Die neu angelegte Straße, welche längs dem östlichen Ufer des Comer-Sees, durch das Veltelin über das sogenannte Wormser- und Stilfser-Joch (Monte Stelvio) gezogen, bei Pradt, im Etschlande, die Poststraße erreicht, die abwärts über Meran nach Botzen, und aufwärts, durch das Innthal über Finstermünz und Landeck nach Innsbruck führt, ist nicht nur als unmittelbare Verbindungsstraße zwischen der Lombardei und Tirol wichtig, sondern wird auch als Kunstwerk einen der ersten Plätze unter den Monumenten unserer Zeit behaupten. Diese Straße, die sich zunächst von allen früher in den Alpen gebauten dadurch unterscheidet, daß sie über ein Gebirge von beinahe 9000 Fuß läuft, wo es zuvor nicht einmal einen Saumweg gab, ist von Colico, dem heutigen Landungsplatze am Comer-See, bis zu ihrer Vereinigung mit der ebenbezeichneten Tiroler-Poststraße beendet, und wird vom 1. August dieses Jahrs an für die Brief- und fahrende Post eingerichtet seyn. In zwei Jahren wird sie längs dem Comer-See bis Varenna, und sodann bis Lecco ausgebaut seyn, und die jetzt noch nöthige Wasserfahrt auf einem Theil des Sees entbehrlich machen. Um die Schwierigkeiten zu begreifen, welche der Bau dieser Straße zu besiegen hatte, genügt es der folgenden näheren Beschreibung des Straßenzuges. Die Steige fängt zu Bormio selbst an. Dieser Ort liegt beiläufig 1250 Metres über der Fläche des mittelländischen Meeres. Der höchste Punkt des Stelvio, den sie erreicht, beträgt 2814 Metres (8850 Fuß); demnach um 800 Metres (beiläufig 2600 Fuß) mehr als der höchste Punkt des Straßenzuges des Simplon. Von dort fällt die Straße bis Pradt, welches etwas über 900 Metres über der Meeresfläche liegt. Diese ganze Strecke ist so künstlich eingetheilt und bearbeitet, daß sie von jedem Güterwagen ohne Vorspann befahren werden kann. Leichte Fuhrwerke können sie im Trott, beim Steigen wie beim Sinken zurücklegen. Auf der Velteliner Seite sind vier Cantoniere (Refuges), von denen die zweite und vierte zu Poststationen dienen, und auf der Tiroler Seite zwei Cantoniere erbaut. Dort, wo die Gestalt der Bergrinnen das Herabstürzen der Lavinen andeutet und begünstiget, sind theils gewölbte Brücken, unter welchen die kleinern Lawinen durchschießen, theils breite, hohe, von 150 bis über 200 Fuß lange, bedeckte Gallerien angebracht, die nach der Seite des Thals große Fenster haben, und über deren Dächer die größten Schneemassen abgleiten; eine Einrichtung, die sich auf der Simplonstraße nicht befindet. Zwischen der dritten und vierten Cantoniera, auf einer Höhe von mehr als 2500 Metres, hört die Vegetation auf, und bald erreicht der Reisende die Region des ewigen Schnee´s. Er kann jedoch durch den Schnee nur augenblicklich aufgehalten werden, indem die Straßenaufseher und eine hinlängliche Zahl Arbeiter stets in den Cantonieren zur Reinigung der Straße bereit stehen. Ueberfällt ihn ein Gewitter, so findet er in den Cantonieren eine gute Unterkunft, und in der vierten — der höchsten derselben — selbst eine recht gute Verpflegung und Küche. Alles, was die Alpenregion für den Freund großer Naturscenen Anziehendes haben kann, findet sich auf dieser Straße vereinigt. Außer dem Umstande, daß sie unter allen europäischen Fahrstraßen die größte Höhe erreicht, bietet die Südseite das majestätische, auf jeder Wendung der Straße in anderer Gestalt erscheinende Schauspiel der Wasserfälle, die weiter unten die Adda bilden, die nordöstliche Seite hingegen den herrlichen Anblick der großen Eisfelder dar, welche die Ortlesspitze auf weite Strecken umgeben. Drei Gletscher, Ausflüsse dieses Eis-Meeres, die man von der zweiten Cantoniera am besten sieht, winden sich bis zu einer Tiefe von 2200 Metres herab. An hellen Tagen oder Stunden erblickt der Beobachter auf eine Distanz von ein Paar Stunden, in der Mitte einer Riesengruppe von Bergen, die Ortlesspitze selbst, die früher dem Montblanc an Höhe gleich geschätzt wurde, nach neueren Messungen aber sie bei weitem nicht erreicht. In einem Zeitraum von weniger als drei Jahren ist das große Werk vollendet worden. In eben dieser Periode wurden die Splügnerstraße und die beiden Kommunikationsstraßen des Pusterthals mit dem Venetianischen erbaut. Keine dieser Straßen steht, weder in Hinsicht auf die zu überwindenden Schwierigkeiten, noch in Hinsicht auf geschickte und kunstreiche Ausführung hinter der von so vielen Reisenden und Geschichtsschreibern als eines der Wunder unserer Tage gerühmten Simplonstraße zurück, obgleich, da es ihnen an Lobrednern fehlt, in fremden Ländern kaum noch ihre Existenz bekannt ist.“

1825 im Überblick

Das Jahr 1825 war im Meraner Raum stark von bedeutenden Infrastrukturprojekten und administrativen Entwicklungen geprägt. Im Vordergrund stand dabei die Eröffnung und schrittweise Ingebrauchnahme der neuen Passstraße über das Stilfser beziehungsweise Wormser Joch als wichtige alpenländische Handelsverbindung. Daneben spiegeln die Verpachtung der Egarts-Bade-Anstalt, lokales Stiftungswesen sowie offizielle Gedenk- und Trauerfeiern den gesellschaftlichen und institutionellen Alltag dieser Epoche wider.

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"Fertigstellung und Eröffnung der neuen Stilfser-Joch-Straße." Der Bote für Tirol, 8. August 1825. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/08.08.1825/150170/1. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1825-08-08-fertigstellung-und-eroeffnung-der-neuen-stilfser-joch-strasse