Verheerende Überschwemmungen in Südtirol im Oktober 1823
Ein detaillierter Bericht beschreibt verheerende Überschwemmungen in Südtirol, im Etschland und in den angrenzenden Gebieten im Oktober 1823. Anhaltende warme Regenfälle führten zum Ausufern von Etsch, Eisack, Rienz und zahlreichen Wildbächen, was zu schweren Schäden an Straßen, Brücken und Städten wie Bozen, Trento und Verona führte.
Vollständige Transkription
Anhang.
Ueberschwemmungen in Südtirol im laufenden Monat.
Aus dem Pusterthale und den Kreisen an der Etsch und Trient gehen die traurigsten Anzeigen über vielfältige und sehr ausgedehnte Verwüstungen ein, die sich in Folge anhaltender und warmer Regen durch den verheerenden Austritt vieler Gebirgsbäche, so wie der Etsch, des Eisacks, der Drau und Rienz neuerlich ergeben haben.
In dem Valsugana haben bereits in den ersten Tagen dieses Monats die sämtlichen und zahlreichen Wildbäche große Verwüstungen an Straßen, Brücken und kultivirten Gründen angerichtet. Alle übertraf jedoch an Verheerung der Wildbach Maso unter Borgo; mit einer ungemein großen Masse Schutt aller Art beladen, trat er aus seinen Ufern, durchschnitt und zerstörte die Straße so, daß er selbst die Brücke mit fortzureißen drohte; die Straße war deshalb durch drei Tage gesperrt, und konnte nur durch die größte Anstrengung in der Zeit wieder für den dringendsten Bedarf eröffnet werden.
Noch ausgebreiteter aber und von noch bis jetzt unberechenbarem Schaden für Straßen, Brücken und Gründe sind die Verwüstungen, welche ein vom 11. Abends bis 18. fast ununterbrochen angedauerter heftiger Regen, mit warmem Winde begleitet, längs der ganzen untern Etsch bis Botzen und im Pusterthale veranlaßte.
Im Pusterthale hat dieser anhaltend warme Regen alle Wildbäche und Flüsse angeschwellt, und bedeutende Beschädigungen an Straßen und Brücken veranlaßt. Die bei den Ereignissen im Monat August glücklich gerettete Brücke bei Welsberg wurde diesmal ein Raub der Fluthen.
Die Straße von Brixen nach Botzen war durch die zerstörenden Wildbäche des Kunterweges vielfältig gesperrt. In Botzen selbst schwoll der Eisack so an, daß das Wasser bis zur neuen Schießstatt und in die Kapuzinergasse austrat. Die Talfer erhöhte sich in ihrem außerordentlich breiten Rinnsaale so, daß sie beinahe die Wassermauern überstieg.
Eine halbe Stunde unter Botzen durchbrach der Eisack am linken Ufer den großen Damm, so daß er jetzt seinen verheerenden Lauf durch die schönsten Weingüter und Fluren nimmt.
Auch unter Neumarkt sind die Etschdämme durchbrochen; ähnliche Ereignisse müssen bis Trient sich noch an mehrern andern Stellen ergeben haben, da die Straße bis dahin so hoch, und an so vielen und langen Strecken unter Wasser steht, daß der Postenlauf mehrere Tage ganz gehemmt war, und auch jetzt nur sehr mühsam durch die überall wesentlich beschädigten Straßen befördert werden kann. Nach allen Berichten bot das Etschthal von Botzen bis unter Trient den traurigsten Anblick dar; das ganze Thal bildete fast ununterbrochen in seiner bedeutenden Länge einen See. Die Höhe der Etsch und ihre das ganze Thal erfüllende Ueberschwemmung bei Trient, vereint mit der heftig tobenden Fessina, hat seit mehrern Jahren nicht mehr in der Art statt gehabt. Letztere durchbrach eine Wehre unter der Brücke von Cornichio, und machte dadurch an der Poststraße und deren Brücke große Verheerung. Die Stadt Trient stand in diesen Tagen mehrmal in großer Gefahr, von diesem überaus gefährlichen Wildbach zum Theil zerstört zu werden, und die Gefahr war nach den letzten Anzeigen vom 18. noch nicht ganz abgewendet, da der Regen zu der Zeit noch immer mit Heftigkeit anhielt. Die Brücke von St. Lorenzo war in steter Gefahr, von der hohen Etschfluth weggeführt zu werden.
Der Lavisbach hat zu beiden Seiten seine Eindämmung mehrmal durchbrochen, wodurch alle Umgebungen stark verheert wurden; selbst der Marktflecken Lavis war am 15. Abends in großer Gefahr. Mit dem hoch angelaufenen und wildtobenden Bache kamen aus den innern Thälern große Massen von Holz, die sich an der linken Seite der schönen neuen Bogenbrücke von Lavis anlegten, und das Widerlager dieser Brücke so beschädigten, daß man bei noch länger anhaltendem Strömen dieser wilden Fluth sehr für die Erhaltung dieses schönen und kostbaren Bauwerkes besorgt ist.
Anzeigen von Roveredo zu Folge hat diese außerordentliche Ueberschwemmung bis zum 15. wenigstens keinen besondern Schaden veranlaßt, und man bemerkt von daher blos, daß die Etsch bei Ravazzone in diesen Tagen nur um 3 Schuh und 6 Zoll niederer, als bei dem bekannten allergrößten Wasser von 1775 stand.
Diese außerordentliche Wassermasse der Etsch strömte sodann Verona zu, nachdem sie in Castel nuovo 4 Häuser hinweggerissen hatte. Ein Drittheil dieser großen Stadt ist unter Wasser, in vielen Theilen bis zu den ersten Stockwerken. Die Kommunikation wird theils über die Dächer, theils durch das Durchbrechen von Haus zu Haus unterhalten. Unter Legnago machte die Etsch gleichfalls zwei große Ausbrüche. Aehnliche Verheerungen sollen am Po statt gehabt haben.
Die selten in dieser Ausdehnung sich verbreitete Zerstörung hat beinahe die sämmtlichen Straßen gesperrt, und alle Verbindung unterbrochen, so daß der jetzt bekannte Schaden nur der geringste Theil von dem sich erst bei näherer Erhebung zeigenden wirklichen zu seyn scheint, und die hiedurch an den öffentlichen Bauten veranlaßte, obgleich noch gar nicht zu berechnende, sicher viele tausend Gulden betragen wird.
Diese Elementar-Vorfälle dehnten sich bis diesseits des Brenners aus, wo gleichfalls bei dem Sprenger-Wirthshaus nächst Gries, der Obernbergerbach am 14. so anschwoll, daß er seine Ufer durchbrach, und die Straße überschüttete und einige Zeit unfahrbar machte. Der gleichfalls stark angelaufene Rutzbach mit dessen Nebenbächen würde wahrscheinlich bei Unterschönberg die Verheerungen des vorigen Monats erneuert haben, wenn durch die bereits daselbst schon weit vorgerückten Thalverbauungen, die schon jetzt ihre guten Wirkungen bewährten, nicht schon wesentlich vorgebaut worden wäre.
1823 im Überblick
Das Jahr 1823 war regional durch karitative Maßnahmen wie den Fonds für das Zwangsarbeitshaus und eine landwirtschaftlich geprägte Berichterstattung über Wein- und Getreideerträge gekennzeichnet. Einen Höhepunkt bildete im August der feierliche Besuch von Kronprinz Erzherzog Ferdinand in Meran und der Umgebung. Die Ereignisse spiegeln die administrative, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung der Region wider. →
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"Verheerende Überschwemmungen in Südtirol im Oktober 1823." Der Bote für Tirol, 23. Oktober 1823. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/23.10.1823/149983/4. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1823-10-23-verheerende-ueberschwemmungen-in-suedtirol-im-oktober-1823