Die historischen Feuersbrünste der Stadt Botzen
Ein historischer Abriss behandelt die verheerenden Feuersbrünste der Stadt Bozen in den Jahren 1224, 1291, 1443 und 1483. Neben den Opferzahlen und Ausmaßen der Zerstörung werden städtische Chroniken und steuerliche Erleichterungen durch die Obrigkeit analysiert. Der Text untersucht auch die geografischen und baulichen Ursachen der katastrophalen Brände.
Vollständige Transkription
Anhang.
Von den Feuersbrünsten der Stadt Botzen. – 1/2
Die Stadt Botzen hat vor Zeiten durch Feuersbrünste mehrmals schwer gelitten. Am fürchterlichsten, und, wenn die uns aufbewahrten Nachrichten buchstäblich zu nehmen sind, beispiellos war die Feuersbrunst vom Jahre 1224. Die alte Tiroler Chronik, wovon wir eine der ältesten Abschriften, vom Jahre 1518, benützen, hat diese Stelle: »Item das potzen verbrann mit funnftzehen Hundert menschen, das geschach da man zalt von cristi gepurt 1224 Jar an Sannt maria magdalena tag an mitwochen nacht.« Für diese Angabe der Chronik liefert der Franziskaner Ferdinand Troyer in seiner im Jahre 1647 vollendeten Botzner Chronik einen Beleg aus einem alten Botzner Pfarrbuche, in welchem zu lesen ist: »1234 combustus est burgus Bozavensis cum mille et quingentis hominibus, ideo omni anno in die S. Mariae erit circuitus ecclesiae trina vice cum responsoriis defunctorum ob commemorationem illorum defunctorum.« Das Ereigniß war also so wichtig und außerordentlich, daß deshalb auch ein bleibendes Denkmal, ein am Jahrestage der Feuersbrunst zu haltender, dreimaliger Umgang um die Kirche mit Gebethen für die durch das Feuer umgekommenen 1500 Menschen gestiftet wurde. Noch 32 Jahre später, im Jahre 1256, in welchem der Bischof Egno von Trient den Bürgern von Botzen eine Erleichterung der jährlichen Steuer bewilliget hat, wird unter den Beweggründen auch diese erbärmliche Feuersbrunst angeführt.
In einigen Abschriften sowohl der Tiroler, als der Troyer´schen Chronik, wird zwar die Zahl der umgekommenen Menschen nur auf 150 angegeben. Man sieht, daß den Abschreibern die Zahl 1500 viel zu groß, und ein Schreibfehler zu seyn schien, den sie durch Wegschneidung einer Nulle verbessern wollten. Allein auf diese Art kann die Schwierigkeit nicht gehoben werden, weil sowohl die Tiroler Chronik in ihren ältesten Exemplaren, als auch das Botzner Pfarrbuch die Zahl fünfzehenhundert nicht mit Ziffern, sondern mit klaren Worten ausdrückt.
Indessen wird man es doch immer unglaublich finden, daß in einer einzigen Feuersbrunst einer kleinen Stadt 1500 Menschen, was wohl beinahe die Hälfte der damaligen Bevölkerung von Botzen, seyn konnte, das Leben verloren haben sollen. — Ohne diese in der That verhältnißmäßig ungeheure Zahl eigentlich in Schutz nehmen zu wollen, erlauben wir uns aber doch einige Bemerkungen, die es anschaulich machen dürften, daß das Ereigniß leicht viel fürchterlicher seyn konnte, als wir uns nach dem, was bei Feuersbrünsten gewöhnlich geschieht, vorstellen.
Botzen war damals von der soliden Bauart, die es nun hat, ohne Zweifel noch sehr weit entfernt. Gewiß ist auch, daß alle Dächer noch von Holz waren. Man denke an die engen Straßen dieser Stadt, und wie ihre Häuser auf einen sehr kleinen Raum wie in einem Klumpen zusammengedrängt sind. Ohne Zweifel hatte damals, wie in allen alten Städten, alles eine viel regellosere Gestalt, als nun, und wir sind wohl auch berechtigt, uns von den damaligen polizeilichen Anstalten und Vorsichten einen sehr kleinen Begriff zu machen. Man erwäge ferner, daß diese Stadt gleichsam auf dem Kreuzwege von vier Winden steht, die südlich aus dem untern, westlich aus dem obern Etschthale, nördlich aus dem Talfer oder Särntale, und nordöstlich aus dem Eisackthale hervor blasen, daß die Feuersbrunst in dem heißen Botzen sich zur Zeit des höchsten Sommers ereignete, wo alles Brennbare wahrscheinlich zunderartig ausgetrocknet war, endlich daß das Feuer zur Nachtzeit, und, wie Troyer sagt, um Mitternacht, da die Einwohner im tiefsten Schlafe lagen, ausgebrochen ist. Mit Rücksicht auf alle diese Umstände wird man es nicht mehr unglaublich finden, daß ein einmal ausgebrochenes Feuer durch einen heftigen Sturmwind in äußerst kurzer Zeit über die ganze kleine Stadt verbreitet, und daß alle, damals wahrscheinlich noch größtentheils hölzernen Häuser in Flammen und dicke Rauchwolken eingehüllt werden konnten, so daßs es bei der durch die Finsternis der Nacht, erhöhten Verwirrung vielen Menschen, besonders Kranken, Greisen und Kindern, unmöglich werden mußte, sich zu retten.
In demselben dreizehnten Jahrhundert, den 11. Juni 1291, unterlag Botzen einer zweiten großen Feuersbrunst. Troyer giebt zwar die Zahl der abgebrannten Häuser nur auf achtzig an. Aber der Rathsschreiber Paul Falser, von dem wir Anmerkungen zu Troyers Chronik haben, behauptet, die Stadt sey im Jahre 1291, wie im Jahre 1224, bis auf wenige Häuser ganz ein Raub der Flammen geworden. Dieß scheint die alte Tiroler Chronik zu bestätigen, wo es heißt: „Item da verbrann Pozen die Stat unnder der Zal 1291 Jar.“
Im fünfzehnten Jahrhundert traf die Stadt ein ähnliches hartes Loos wieder zweimal. Im Jahre 1443 verbrannten, nach Troyer, 135 Häuser, vorzüglich in der Wanger Gasse, am Rain und im Gurmthale. Die letzte große Feuersbrunst von Botzen war jene vom Jahre 1483. In Troyers Chronik, wo die in diesem Jahre abgebrannten Häuser nur auf fünfzehn angegeben sind, ist offenbar ein Schreibfehler unterlaufen. Wir finden in einem Exemplare derselben eine spätere Zuschrift, des Inhalts: nach einigen städtischen Schriften sey in diesem Jahre die Stadt bis auf fünfzehn Häuser ganz und gar abgebrannt. Auch Falser schildert diese Feuersbrunst als sehr groß. Er fand in den städtischen Urkunden, daß das Feuer nicht nur die Hauptstraße unter den Lauben (Gewölbe, wie man sie nennt) verzehrt, sondern sich auch über den Musterplatz und die Fleischgasse verbreitet hat. Ein altes Steuerbuch bedient sich des Ausdruckes, die Stadt sey damals ausgebrunnen. Das Unglück war so groß, daß der Bischof von Trient der Stadt einen bedeutenden Nachlaß von der Küchensteuer auf mehrere Jahre bewilliget, der Landesfürst Erzherzog Siegmund aber durch ausgefertigte Mandate nicht nur öffentlich sein Mitleid bezeuget, sondern auch allen Obrigkeiten, Amtleuten und Unterthanen aufgetragen hat, der Stadt Botzen, die durch Feuersnoth schwerlich verdorben sey, auf ihr Anlangen mit Hülfe und Rath beizuspringen. Auch hat der Erzherzog aus seinen Räthen und den Landständen eine eigene Kommission ernannt, die zu Botzen zusammen treten, und, was zur Wiederherstellung und Aufnahme der Stadt vorzukehren sey, berathschlagen und verfügen sollte. Das Unglück hat sich am Pfinztage nach dem Sonntag Oculi, folglich während dem Mittfasten-Markte ereignet, und es ist dabei, wie das von Falser angeführte alte Steuerbuch meldet, nebst einigen Menschen großes Kaufmannsgut zu Grunde gegangen. Daraus wird begreiflich, wie sehr der Regierung, des Kommerzes wegen, daran liegen mußte, der Stadt wieder aufzuhelfen, und ein ähnliches Ereigniß für die Zukunft zu verhüten. (Beschluß folgt.)
Auch in diesem Monat
- Der Bote für Tirol1819–18294 Schlagwörter
Von den Feuersbrünsten der Stadt Bozen
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"Die historischen Feuersbrünste der Stadt Botzen." Der Bote für Tirol, 22. November 1821. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/22.11.1821/149783/4. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1821-11-22-die-historischen-feuersbruenste-der-stadt-botzen