Weinmissernte und Getreidebedarf im Etschland
Bericht über den dramatischen Einbruch der Weinernte durch Rebkrankheiten im Etschland sowie den Getreideeinkauf in Norditalien. Zugleich wird über die Umwandlung von Weinbergen in Getreidefelder und das Eintreffen erster Winterkurgäste in Meran berichtet.
Vollständige Transkription
Oesterreichische Monarchie.
Meran, 7. Dez. (Corresp.) Die Weinpreise stehen noch immer auf derselben Höhe, wie vor zwei Monaten. Die Zufuhr aus Italien ist sehr gering; alle, welche von dieser ein bedeutendes Sinken der Preise erwarteten, sehen sich in ihrer Hoffnung getäuscht. Es dürfte kaum noch eine reichere Zufuhr fließen; denn die Traubenkrankheit hat die Weinberge in Oberitalien wie in Tirol verwüstet, die Einfuhr aus Mittel- und Süditalien ist zu theuer, die Neapolitaner Weine munden unserm Volke nicht, und das Weinerträgniß von Roveredo ist, wiewohl hoch gesegnet, doch zu gering, um die tiefe Ebbe, welche in den Kellern und auf den Tischen des ganzen Etschlandes herrscht, in Fluth zu verwandeln.
Die Bozner Umgegend erzeugte sonst durchschnittlich 150,000 Yhren, heuer 10,000; der Bozner Boden trug sonst 40,000, heuer 2000 Yhren. Dasselbe Verhältniß läuft mit seltenen Ausnahmen durch das ganze Etschland. Selbst die großen Weinhändler müssen ihre Vorrathskeller öffnen und erschöpfen, um ihre gewöhnlichen Weinkunden zufrieden zu stellen. Es ist klar, daß in diesem allgemeinen Mißjahre einzelne Glückliche, deren Weinerträgniß wenig gelitten, sich bereichern. So gewinnt ein Landwirth, welcher 150 Yhren edlen Etschländer kelterte, 5000 Gulden. - Sollte die Weinsäule kommendes Jahr wieder den ganzen Boden-Nutzen verderben, so dürften diese Mißjahre leicht eine veränderte Bodenkultur hervorrufen. Wie sehr einerseits der ökonomische Ruin vieler Landwirthschaften, welche in ihrem Einkommen nur auf den Erlös der Weinberge angewiesen sind, zu beklagen wäre, so möchte eine andere Bodenkultur nachhaltigen Nutzen bringen. Statt von einer unnatürlichen Weinproduktion und Wein-Konsumtion ihr einziges Heil zu erwarten, werden unsere Landwirthe ihre Weinberge theilweise in heitere Aecker, d. h. Getreideäcker umwandeln, und so die Verhältnisse der Bodenerzeugnisse auf das alte richtige Maaß zurückführen, wie dieses hochbejahrten Männern noch sehr wohl im Gedächtniß steht.
Denn Meran und das einmündende obere Etsch-Thal genügen den Getreidebedürfnissen nicht. Unsere Getreidehändler streifen zum Behufe des Getreide-Ankaufes, zur Deckung der nächsten Bedürfnisse, bis. Verona, Mantua und an den Po, wo sie die italienischen Getreidekammern auskaufen, welche sich durch Zufuhren aus den befreundeten Herzogthümern Parma und Modena füllen. Der italienische Weizen ist sehr mehlreich, und wird deßhalb sehr gesucht, besonders wenn er vom Unrathe gereinigt ist, welchen italienische Faulheit bei der Getreideärnte in den Wind zu jagen keine Lust hat. Dieser Getreidehandel legt die Einsicht vom Nutzen des Zollvereins mit Mittel-Italien nahe. - Meran ist jetzt das Eldorado der Fremden auch für die Winterszeit geworden; sie ziehen das Gleichmaß unserer milden Luft dem vielgepriesenen Pisa am Arno vor. Ungefähr 30 Familien haben hier ihren Winteraufenthalt genommen. Allein der dichte Nebel, welcher uns heute die schönste Sonne verhüllt hat, und das Ersticken demjenigen droht, welcher sich in´s Freie wagt, dürfte einen grellen Mißton in diese reine Stimmung mischen.
Auch in diesem Monat
- Der Bote für Tirol1850er4 Schlagwörter
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"Weinmissernte und Getreidebedarf im Etschland." Der Bote für Tirol, 10. Dezember 1852. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/10.12.1852/153870/1. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1852-12-10-weinmissernte-und-getreidebedarf-im-etschland