Erntebericht aus Meran: Weinlese, Obstertrag und Kurgäste
Ein Bericht aus Meran schildert den Verlauf der durch Dauerregen und Traubenkrankheit beeinträchtigten Weinlese sowie die daraus resultierenden Marktpreise und Spekulationen. Während die Obsternte trotz Qualitätsbedenken überaus reichlich ausfiel, verzeichnete der Kurort seit Mitte August bereits über 1300 Kurgäste.
Vollständige Transkription
Oesterreichische Monarchie.
Meran, 7. Okt. Die Weinlese ist zu Ende. Die schönen, goldenen Hoffnungen auf eine reiche Weinlese, welche in den heitern, warmen Tagen Anfangs September auftauchten, trübten sich wieder bei dem ewigen Regen, welcher den größten Theil der folgenden Septembertage andauerte, und unsere Felder nie abtrocknen ließ.
Wie während des anhaltenden Regens im August, so sprengte bei dieser andauernd feuchten Witterung des Septembers die Ueberfülle des Saftes die Hülle der Weinbeere, welche vom Schimmel überzogen ohne Elastizität war, und den andringenden Saft nicht mehr zu fassen vermochte.
Eine große Menge von Trauben ging so zu Grunde; viele verdarb die Fäulniß, welche an jenen Regentagen furchtbar um sich griff. Die Mittel, durch welche altkluge Landwirthe diesen Trauben-Schaden unfehlbar heilen wollten, wie die Einschnitte in den Rebstock, das Begießen mit Lauge, blieben, wie andere Rathschläge ähnlicher Art, ohne Erfolg.
Diese ganze Erscheinung der Traubenkrankheit, welche in ihrer Grundursache eigentlich noch ein Geheimniß ist, an allen Orten regellos auftrat und nirgends auf ein allgemeines Gesetz reduzirt werden konnte, und jedes lohenswerthe Streben, kein Heilmittel aufzufinden, zu Schanden machte, mag religiösen Gemüthern vielen Stoff zu ernsten Gedanken liefern. —
Es ist klar, daß unter den genannten ungünstigen Einflüssen die Weinpreise steigen mußten. — Die Yhren Prasglet von gewöhnlicher Sorte wird 8 fl., von mittlerer Sorte 12 fl., und von der besten Sorte 22 fl. gezahlt, unter welchen Preis auch der berühmte Terlaner fällt.
Da die Yhren Prasglet 2 Drittheile Wein und 3 Maß Branntwein liefert, so werden sich die Preise für den gewöhnlichen Wein auf 12 fl., für die mittlere Sorte auf 18 fl., und für die edelste auf 32 fl. stellen. Ein tüchtiger Zusatz von dunkelrothen Lagrein wird dem ziegelfarbnen Produkte einen höhern Werth in den Augen der Weinkäufer verschaffen müssen. Ob diese Preise noch steigen oder fallen werden, wird wohl von der mehr oder weniger starken Zufuhr aus Italien abhängen; wenn diese zunehmen wird, wie es zu hoffen und zu wünschen ist, so möchten sich einige Landwirthe zum eigenen Schaden verrechnen, wenn sie in der Aussicht, daß die Traubenkrankheit kommendes Jahr noch bösartiger auftreten werde, den Wein vom Markte zurückhalten und auf Zeiten sparen, von welchen sie sich goldene Berge versprechen. Nur Landwirthe von den besten ökonomischen Verhältnissen können ein solches Wagestück versuchen und sind in ihren vollen Rechte; allein eine solche eiskalte Spekulation auf ein allgemeines Mißgeschick dürfte vom bessern Gefühle kaum gebilligt werden. —
Der neue Wein, welcher aus den kranken Trauben gewonnen wurde, hat begeisterte Lobredner gefunden; sie nennen ihn krystallhell, sehr einschmeichelnd für den Geschmack ohne den ersten scharfen Schnitt, fast ins Süße überschlagend, nicht einmal türkisch, ohne den geringsten bösen Nachlaß.
So hätte sich die Erwartung einiger Männer des Vertrauens verwirklicht, welche auf die Fässer, in welchen der Most kranker Trauben kochte, die Worte schrieben: „Buona speranza, buona fidanza!“
Das Obst der Meraner Gegend, welches jetzt europäischen Ruf hat, ist in Fülle gediehen. Die Nußbäume, welche allen Unbilden der wechselnden Frühlingswitterung in ihrer Blüthezeit ausgesetzt sind, und daher oft mißrathen, haben heuer ein schönes Erträgniß abgeworfen; die Kastanienbäume waren nicht minder gesegnet, ja die wilden Kastanien sollen sogar so schmackhaft sein, wie die edlen des verflossenen Jahres.
Die Apfelbäume brachen unter der Last ihrer Frucht beinahe zusammen; selbst die edlen Rosmariner, die ersten an Güte, stehen an Fülle den übrigen Sorten gleich.
Es zeigte sich aber schon heuer etwas von einer Apfelkrankheit. Im Juni erschienen an der Haut Flecken, gleich den Sommersprossen; diese Stellen des Apfels waren faul; allein in den heitern, warmen Tagen des Juli heilten diese Schäden alle wieder aus. —
Indessen zeigen einige erfahrene Obsthändler doch keine Lust, Meraner Aepfel nach dem Auslande zu führen, da sie einige Fäulniß auf der Fahrt befürchten; sie sagen, daß die Aepfel, auseinandergeschnitten, in der Mitte zu viel unausgekochten Saft zeigen, welcher die Fäulniß herbeiführen müsse, Kenner und Feinschmecker wollen übrigens bemerken, daß es dem Obste heuer auch an dem echten, ihm eigenen Geschmack fehle. -
Die heurige Saison hat in den Verzeichnissen seit der zweiten Hälfte des August 1306 Fremde aufzuweisen, welche kürzer oder länger Meran besuchten.
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- Der Bote für Tirol1850er4 Schlagwörter
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"Erntebericht aus Meran: Weinlese, Obstertrag und Kurgäste." Der Bote für Tirol, 11. Oktober 1852. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/11.10.1852/153820/1. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1852-10-11-erntebericht-aus-meran-weinlese-obstertrag-und-kurgaeste