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Zur Lage des Weinbaus im Etschland

Zusammenfassung

Ein ausführlicher Bericht analysiert die wirtschaftliche Notlage der Weinbauern im Etschland zwischen Bozen und Meran. Trotz reicher Ernten belasten steigende Betriebskosten, Zersplitterung der Güter, ungünstige Marktbedingungen und der Fokus auf ertragreiche Massenweine den Ertrag. Ein Ausweg aus der Verschuldung sei nur durch gemeinsames Handeln und Initiativen des landwirtschaftlichen Vereins möglich.

Vollständige Transkription

Oesterreichische Monarchie.

Aus dem Etschlande. Der Fremde, der aus rauhern Gegenden zum erstenmale unsere freundlichen Thäler bereist, staunt über die Ueppigkeit der Natur, welche Rebe an Rebe über die Berggelände schlingt, und zum Herbste die goldnen Trauben in Hülle und Fülle reift, und hört er erst, daß Grund und Boden größtentheils in den Händen der Bauern ist, und daß der Landmann, welcher die mühsame Arbeit vollbringt, auch selbst die Frucht davon erntet, daß beinahe jedes Häuschen, das aus dem Weingarten steigt, auch den Eigenthümer beherbergt, so meint er, er sei nicht nur im gesegnetsten, sondern auch im reichsten Lande, und zieht vor dem Bauern, der Herr ist, wie er, den Hut ab. Es hat mit den reichen Weinbauern auch sein Allerlei, und leider schlimmern sich die Verhältnisse eher als sie sich verbessern. Es ist nimmer wie ehemals, und wenn der Besitzer in hiesiger Gegend am Ende des Jahres seine Rechnung stellt und ohne zu „verhausen“ gelebt hat, ist wohl der größte Theil derselben vollkommen zufrieden? Wir glauben, daß die Ursachen in der steten Vermehrung des dem Weinbaue gewidmeten Terrains, in der kostspieligen Betreibung desselben, in der großen Zerstücklung, in den enormen Güterpreisen und in der Art der Verwerthung des Produktes, insbesonders aber in dem Grunde liege, daß der Preis des schlechten Weines mit dem des vorzüglichen in keinem Verhältniß steht. Wir wollen nicht auf den Zeitpunkt der Katastrirung zurückgehen, wir wollen nur die letzten 30 bis 40 Jahre annehmen, und glauben, wenn wir es auch mit statistischen Belegen nicht zu beweisen im Stande sind, daß in den Bezirkshauptmannschaften Bozen und Meran jetzt gegen damals durch die zwischenweilig erfolgten Kultivirungen wenigstens ein Viertheil, wo nicht ein Drittheil mehr Wein erzeugt werde. Der Absatz-Rayon ist derselbe geblieben, er beschränkt sich auf den eigenen Bezirk Nordtirol u. Vorarlberg, welches letztere noch dazu mit eigenen Weinen theilweise sich versieht, während im Unterinntale und Pusterthal mitunter auch österreichische und steirische Weine konsumirt, und hier sowohl als im ganzen übrigen Tirol auch italienische oder wenigstens wälschtirolische Weine theilweise in Verschleiß gebracht werden. Die Bevölkerung Tirols hat sich nicht so beträchtlich vermehrt, und für den allfällig vermehrten Durst geben die vielen neu entstandenen Bierbrauereien Ersatz. In einem noch größern Verhältnisse aber ist der Weinbau selbst kostspieliger geworden. Die zur Düngung der Felder mittelbar nöthige Streu ist durch Austrocknung der Moose im Etschthal bis zu einem solchen Preise gestiegen, daß gegenwärtig das Tagwahd Moos, welches vor 30 bis 40 Jahren mit 60 bis 150 und 200 fl. im Preise war, gegenwärtig mit 300 - 500 ja 800 fl. bezahlt wird. Das beim Systeme des Weinbaues an Geländen (Bergeln) unumgänglich nothwendige Holz ist bei der allgemeinen übermäßigen Ausbeutung ja Verwüstung der Wälder wenigstens dreimal so theuer als früher, ja oft beinahe gar nicht zu bekommen. Wiesen, zum halten des Viehstandes erforderlich, kosten das doppelte, die Steuern sind erhöht, die Lebensmittel viel kostspieliger, und der Arbeitslohn für Knechte und Taglöhner durch den auch in dieser Klasse eingerissenen Luxus enorm gesteigert. Ein ordentlicher Bauernknecht fordert zu dem wenigstens zwei Maß Wein täglich, mag es auch schlechter sein, und seine vier bis fünf Mahlzeiten, wovon der Mittag beim großen Bauern für manchen genügsamern Norddeutschen oder Italiener ein wahrer Festschmaus wäre. Bei dieser unverhältnißmäßigen Erhöhung der Betriebsauslagen ist aber der Preis des Weines, das ist die Rente seit 30 und 40 Jahren, sich beinahe gleich geblieben. Dagegen hat sich der Preis des Grundes u. Bodens selbst insbesondere in der Gegend von Bozen ebenso wie die Bearbeitungskosten gesteigert, wozu wohl in den letzten Jahren unsere leidigen Valutaverhältnisse viel beitrugen, so daß in manchen Strichen wie zum Beispiel Dorf und Fagen bei Bozen der Graber, das ist 164 Quadratklafter, im Werthe von 800 - 1000 Gulden steht. Jemand, der die Verhältnisse kennt, muß lächeln, wenn man behauptet, daß Weingüter zum gegenwärtigen Veräußerungswerthe demjenigen, der es selbst bearbeitet mehr als 4, dem Gutsbesitzer, der es aber durch Bauleute bearbeiten läßt, mehr als 2½ Procent Rente abwerfen. Hiezu kömmt noch, insbesonders aber im Bezirke von Kaltern, dies ist im ganzen Ueberetsch, die große Zerstücklung der Güter, welche zur Folge hat, daß oft nach einem einzigen Mißjahre der nicht schuldensfreie Besitzer das Gut seinem Gläubiger überlassen muß, wo dann die Rente eines weitern Jahres durch die Veränderungs-Gebühr aufgezehrt wird. In welche Schuldenlast dann der Besitzsohn, welcher mehrere weichende Geschwister oft auch als nicht ganz barmherzige Hypothekargläubiger übernimmt, eintritt, und wie schwer er die Wirthschaft fortzuführen vermag, läßt sich leicht begreifen. Daß übrigens eine zu große Güter-Zerstücklung für die Kultur selbst höchst nachtheilig ist, weil die Kräfte zersplittert werden, weiß jeder Oekonom.

Wenn nun aber der Besitzer die von Hagelschlag und Ungeziefer glücklich verschonte Lese in den Keller einbringt, fängt für viele und insbesondere für die Aermern die Noth erst an. Wer nicht sein Gut in ausgezeichneter Lage hat, wer den Wein nicht selbst kleinweise ausschenkt, oder wer endlich nicht so viel eigenes Erzeugniß hat, um damit einen Wirth oder einen Fuhrmann als stabilen Kunden zu versehen, ist auf die wenigen Weinhändler angewiesen, welche ihm allerdings die Waare, aber auch nur zu niedern Preisen abkaufen, ja er ist oft gezwungen, weil er von denselben das ganze Jahr über Vorschüsse erhalten, insbesondere in reichlichen Jahren, wo er die Geschirre, den Wein anzusetzen, nicht besitzt, sein Produkt völlig zu verschleudern. Der Weinhändler dagegen, dessen Gewinn ebenfalls nicht gar so brillant ist, braucht in der Regel ein enormes Kapital, welches er, wenn er es nicht selbst besitzt, verzinsen muß, da er den Erlös erst nach einem Jahre einbringt, hat große Kellerauslagen, und oft große Verluste bei den Abnehmern, da jeder Wirth auf gut Gesicht Wein von ihnen erhält, eben weil das Produkt zu reichlich ist. Hiezu kömmt noch ein vielleicht in seiner Art einziges Verhältniß, nämlich, daß der Käufer und nicht der Verkäufer den Preis bestimmt, indem beinahe durchgängig nach Deutschtirol um den erst festzuseßenden Jakobitar gehandelt wird.

Ein anderer und vielleicht der bedeutendste Mißstand ist der, daß zwischen dem Preise des vorzüglichen und des schlechten Weines kein Verhältniß ist. Es ist daher nothwendige Folge, daß, wenn das Erzeugen von 4 Yhren schlechten Weines auf den Graber besser rentirt als das Erzeugen von einer Ihren ausgezeichneten oder zwei Yhren guten, die ganze Sorgfalt nur dahin gerichtet ist, recht viel zu produciren, daß dies aber auf keine andere Art möglich ist, als durch künstliche Erregung aller Naturkräfte, durch übermäßige Düngung, durch den Bergelbau, durch Wässern rc., wodurch denn das Produkt nothwendig schlechter wird, eben weil die Natur außer ihren Schranken wirkt. Hierdurch kann aber auch auf die Bereitung des Weines selbst keine Sorgfalt gewendet werden. Man spricht unsern Tiroler Weinen Bouquet ab, und behauptet, daß sie sich nie mit edlern Sorten Ausländer Weinen messen können. Wir halten dies ganz für unrichtig und glauben, daß die Hauptursache lediglich in der Zubereitung liege. Die traurigste Folge aber ist, daß die gewöhnlichen Weine eben wegen ihrer Erzeugungs- und Bereitungsart kaum länger als ein Jahr aushalten, ohne in Essig überzugehen oder auf andere Art zu verderben, daß demnach das ganze Erzeugniß jährlich konsumirt werden muß, weil es sich nicht aufbewahren läßt, und sohin um jeden Preis hingeben wird, statt die Vorräthe für folgende schlechte Jahre zurückzuhalten.

Daß bei diesen Verhältnissen der Wohlstand des einst reichen Etschlands zurückgehen muß, ist einleuchtend. Allein leichter ist es, die Ursachen dieses Rückganges zu kennen, als Mittel zu ersinnen, denselben abzuhelfen. Ein Einzelner vermag dies nicht, es wäre nur durch Vereinigung der Kräfte und durch Verbreitung von zweckmäßigen Ideen möglich, und den Anstoß hiezu zu geben, Aufgabe des landwirthschaftlichen Vereins, der sich leider einer sehr geringen Theilnahme erfreut. (Schluß folgt.)

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"Zur Lage des Weinbaus im Etschland." Der Bote für Tirol, 12. Juli 1851. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/12.07.1851/153446/1. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1851-07-12-zur-lage-des-weinbaus-im-etschland