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Über Weinbau und Weinhandel im Etschland

Zusammenfassung

Ein wirtschaftlicher Reformvorschlag für den Weinbau im Etschland und Überetsch plädiert für Qualitätsverbesserung und die Gründung einer genossenschaftlichen Großhandlung. Durch gemeinsame Vermarktung und Lagerhaltung soll die drückende Schuldenlast der Weinbauern gemildert und der ruinöse Jakobipreis überwunden werden.

Vollständige Transkription

Oesterreichische Monarchie.

Aus dem Etschtlande. (Ueber Weinbau u. Weinhandel. Schluß.) Landstriche, welche ein ganz schlechtes Weinprodukt hervorbringen, die vorzüglich den Verwüstungen der Insekten ausgesetzt sind, insbesondere in der Thalebene, würden vielleicht durch Auflassung des Weinbaues in ihrer Rente nichts verlieren, wenn auf denselben Wiesen und Aecker angebaut und insbesondere das edle Obst, welches im Auslande so gesucht ist und der Murbaum gepflanzt würden. Am letztern könnte man, wie in Italien, Reben ziehen, welche den Weinbedarf des Eigenthümers selbst hinreichend decken würden. Hiezu würden die Bearbeitungskosten bedeutend vermindert, und der Erlös des Erzeugnisses bei der Theuerung des Heu und Getreides, bei dem sichern Absatz der Seide und des feinen Obstes, welches noch dazu denselben im Auslande findet, sicher nicht geringer sein, als der des Weinproduktes.

Um die Güte des Produktes zu erhöhen, müßte freilich eine sorgsamere Bearbeitung der Frucht eintreten, insbesonders aber dahin gezielt werden, die Haltbarkeit des Weines zu bewirken. Die in vielen Orten eingeführte Bereitung nach Oesterreicher Art, der sogenannte Krätzer, könnte hiebei nicht genug empfohlen werden, denn diese Art von Weinen, insbesonders der weiße, wird durch längeres Abliegen von Jahr zu Jahr vorzüglicher statt zu verderben. Hiezu gehört freilich ein großer Vorrath von Fässern und die Mittel, das Kapital durch längere Zeit todt liegen zu lassen, wobei übrigens nichts verloren wird, indem den Verlust der Zinse der höhere Preis des Weines ersetzt. Bereitung von Weinen auf künstliche Weise, wie z. B. des Champagner halten wir aus dem Grunde nicht für rathsam, weil jede Art Traube ihr eigenthümliches hat, und der Zusatz chemischer Mittel immer nur eine schlechte Nachahmung des Originalproduktes gibt.

Dagegen wissen wir nicht, warum man nicht durch sorgfältiges Auslesen der Trauben und sorgfältige Leitung des Gährungsprozesses aus unsern Traminer, Terlaner und Rentschner Weinen ein Produkt erzeugen könne, das sich auf der Weinkarte der Feinschmecker neben französischen, Rhein- und ungarischen Weinen stellen kann.

Wenn man einmal vorzügliche Weine zu liefern im Stande ist, so wird sich der Preis derselben von selbst heben. Um aber den Preis der mittlern Weine zu heben, und den kleinen Gutsbesitzer nicht der Willkühr der Weinhändler anheimzustellen, wäre die erste Bedingung Abschaffung des Jakobipreises und Sicherung des Absatzes. Um dies zu bewirken, müßte eine für unser Land riesige Unternehmung ins Leben gerufen werden, welche bereits oft in der Idee besprochen worden, nämlich eine Riesenweinhandlung gegründet durch die Gemeinschaft der Mehrzahl der Güterbesitzer, worauf die andern nothwendig nachfolgen müßten, eine Weinhandlung, welche Käuferin des Produktes der einzelnen Interessenten ist, u. dasselbe dann monopolistisch an die Konsumenten verschleißt.

Wenn eine große Zahl Gutsbesitzer zusammen treten würden, und jeder nach Verhältniß seines Produktes durch Konstituiring einer Hypothek auf seinem Gute oder durch baare Einzahlung einen verhältnißmäßigen Betrag Aktien übernehmen würde, und dann der Verein das Produkt seiner Interessenten mit Rücksicht auf die Qualität um bestimmte Preise an sich kauft, welche Preise ein Ausschuß der Gesellschaft bestimmt, und diese dann große Weinhandlungen an verschiedenen Orten von Deutschtirol errichten würde, wenn in reichlichen Jahren durch zweckmäßige Manipulirung die Vorräthe, statt sie zu verschleudern, für spärlichere Jahre aufbewahrt würden, so glauben wir, daß hiedurch insbesonders den kleinern Gutsbesitzern wieder eine Rente geliefert werden könnte, welche mit dem Grund- und Arbeitskapitale im Verhältnisse stünde. Man darf sich hiebei durchaus nicht vorstellen, daß der Weinpreis in Deutschtirol außerordentlich gesteigert würde, indem der Gast in den Wirthshäusern ihn um denselben Preis beinahe erhalten könnte, und nur der durchschnittliche bürgerliche Gewinn der Wirthe von 60 bis 80 Prozent auf 30 bis 40 Prozent fiele, wobei dieselben dann auch noch keine schlechten Geschäfte machten. Es würde genügen, den Durchschnittspreis des Weines zwischen 10 bis 15 fl. per Yhren zu erhalten, um den Güterbesitzern Preise zwischen 6 und 10 fl. per Yhren Praschlet bezahlen zu können, wogegen jetzt in manchem reichlichem Jahre der Weinbauer in Ueberetsch und Meran sie um einen Thaler hintangeben muß. Zur Ausführung dieser Idee wäre ein sehr beträchtliches Kapital von Nöthen, um die hinreichende Anzahl Fässer, Keller rc. herzustellen, und um in der Lage zu sein, Vorräthe zurückzubehalten; allein wir glauben, daß die Aktienbeteiligung eines Gutsbesitzers mit dem Werthe der einjährigen Lese hinreichen, und daß, um wirksam aufzutreten, das Produkt von 100,000 Yhren Praschlet im Durchschnittswerthe von 5 fl. angenommen, eine halbe Million genügen dürfte, welche auch vielleicht nicht so schwer durch Zeichnung zusammenzubringen wäre, um so mehr als gegenwärtig durch Ablösung der Grundzinse viel Papiergeld im Lande angehäuft ist, welches jedermann gerne zu 4 Prozent sicher investiren möchte. Daß der Gewinn des Unternehmens den Theilnehmern zu Gute käme, verstände sich von selbst. Wir sehen jetzt allgemein, daß sich die Erzeuger von Naturprodukten statt sich gegenseitig im Preise zu drücken, vereinen, um denselben zu erhalten, und man möge es wahrlich dem Weingutsbesitzer in Südtirol nicht verargen, wenn er sein Kapital zu 4 Prozent verzinslich machen und den Preis des Weines beim Steigen aller übrigen Lebensmittel in einer Höhe erhalten will, wie derselbe durchschnittlich vor 40 und mehr Jahren gewesen, und dadurch allein es möglich zu machen, daß auch er leben könne. Von der Richtigkeit der faktischen Verhältnisse möge sich jeder überzeugen, der nicht oberflächlich das Etschland bereist, und wir wünschen nur, daß jemand zweckmäßigere Ideen zur Abhülfe aufstelle, insbesonders aber wünschen wir, daß ein Impuls gegeben werde, um auf irgend eine Weise den ganz bedauernswürdigen Zuständen, vorzüglich der kleinern Besitzer in Ueberetsch, welche von Hypothekarschulden überlastet, ihr Anwesen trotz allen Fleißes oft nach Jahresfrist mit dem Verluste der darauf verwendeten Arbeit einem andern überlassen müssen, abgeholfen werde. Man frage, wie viel Termine Steuer die Gemeinde Eppan zur nothwendigsten Armenunterstützung jährlich treiben muß, und wie viel Kaltern treiben müßte, wenn es nicht durch wohlthätige Stiftungen reichlichen Zufluß hätte, und man überzeuge sich, daß dort das beatus ille, qui procul negotiis paterna rura bobus exercet suis oft bittere Ironie ist.

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"Über Weinbau und Weinhandel im Etschland." Der Bote für Tirol, 14. Juli 1851. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/14.07.1851/153447/2. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1851-07-14-ueber-weinbau-und-weinhandel-im-etschland