Rückblick auf das Schuljahr am Meraner Gymnasium
Ein Rückblick auf das Schuljahr 1848/49 am Gymnasium Meran würdigt die Einführung moderner Fächer wie Naturlehre und Fremdsprachen, kritisiert jedoch das Festhalten am Klassenlehrerprinzip anstelle von Fachlehrern. Zudem wird an die Ideale der Lehrfreiheit und an eine ganzheitliche Bildung jenseits von reinem Auswendiglernen appelliert.
Vollständige Transkription
P. Meran, 19. Juli. Es sei uns ein Rückblick gestattet auf das Wirken des hierortigen Gymnasiums während des abgelaufenen Schuljahres. Wir dürfen hiebei weder unsere langgehegten Wünsche noch die gerechten Anforderungen nach Schulverbesserung zu Grunde legen, vielmehr von jedem ideellen Ausgangspunkte absehend stellen wir uns blos auf den Boden der Thatsachen. Es sind dies einerseits die verrotteten Zustände von ehemals mit den maßlosen Hindernissen gegen alle Besserung, andererseits eine begonnene Reihe vortrefflicher Regierungsanordnungen zu zeitgemäßem Aufbau; leider kam dieser mit dem Einbruche der traurigen Verwicklungen des Kaiserstaates plötzlich ins Stocken und von den so freudig begrüßten Vorboten der kommenden Entwicklung blieb kaum mehr übrig als eine wohlgemeinte Anregung, ein leitender Faden für strebsame Geister.
Bei solcher Sachlage hat es uns mit wahrer Freude erfüllt, daß der Lehrstand des hiesigen Gymnasiums ein lebhaftes Bemühen an den Tag legte, die vorgezeichnete Richtung einzuschlagen und der ihm gewordenen Aufgabe nach Kräften nachzuleben. Naturgeschichte, Naturlehre, Geometrie, deutsche Sprache so wie Uebungen im deutschen Styl und Vortrag wurden unter die Lehrgegenstände aufgenommen. Für den Unterricht im Gesange, in der französischen und italienischen Sprache waren Privatlehrer gewonnen, wegen fortdauernder Kränklichkeit des Lehrers konnte freilich das Italienische nur sehr kurze Zeit vorgetragen werden. Dabei wurde auch für die früher vorgeschriebenen Gegenstände theils durch bessere Lehrbücher, theils durch zweckmäßigere Behandlung gesorgt. Gereicht es nun zur erfreulichen Befriedigung, daß der verehrliche Lehrstand durch Erweiterung des Unterrichts der neuen Zeit und deren Forderungen Rechnung zu tragen bemüht war, so können wir es doch nicht verhehlen, daß ein Haupthebel zur Förderung desselben unbeachtet liegen blieb, nämlich die Einführung von Fachlehrern.
Es ist zwar überflüssig die Nachtheile der Klassenlehrer noch insbesondere nachzuweisen, sie sind zu vielfach und augenfällig; nur einige kurze Bemerkungen seien uns erlaubt. Selbst bei der oberflächlichen Betrachtung muß es jedem klar werden, daß es zu den größten Schwierigkeiten ja bei den dermaligen Besoldungen zu den Unmöglichkeiten zählt Männer zu finden, die in allen Wissenszweigen gründliche Bildung besitzen, ziemlich leicht fällt es hingegen solche zu gewinnen, die in irgend einem Fache selbst Ausgezeichnetes leisten. Auch ist es bekannt genug, daß manche tüchtige Klassenlehrer irgend ein Fach mit Vorliebe betreiben, und wenn sie auch die übrigen nicht offen bei Seite legen, doch dem Schüler deren Vernachlässigung oft ohne sich dessen bewußt zu werden nachsehen, zumal wenn letzterer die Klugheit besaß, des Lehrers Vorliebe zu schmeicheln. Nur zu leicht verfällt der Klassenlehrer in die Bevorzugung einzelner Lieblinge, anderer Uebelstände gar nicht zu erwähnen; Verwunderung dürfte es nur erregen, daß trotz der kläglichen Folgen, die diese verkehrte Einrichtung mit sich brachte und bringen mußte, der meraner Lehrstand bei seinen Mitteln Fachmänner zu liefern gerade hierin die alte verderbliche Methode beibehielt. Das Ministerium des Unterrichts scheint zu unserem größten Schmerze noch auf längere Zeit gelähmt zu bleiben und keine Hoffnung zu neuen Vorlagen zu gewähren: wir glauben daher um so mehr den vorjährigen Organisationsplan der Gymnasien zur geneigten Darnachachtung in Erinnerung zu bringen. Der §. 9 desselben besagt: „Die Klassen und Lehrfächer werden um den Uebergang von Klassenlehrern zu Fachlehrern vorzubereiten durch die Lehrkörper selbst dergestalt unter sich vertheilt, daß jeder Lehrer die Stellung erhält, in welcher er für das ihm entsprechende Fach und für das Wohl der ganzen Schule am tüchtigsten zu wirken vermag.“
Wie gewöhnlich erhoben auch einige der jungen Musensöhne Klage über Begünstigung von Lieblingen und Zurücksetzung anderer. Wir hatten nicht Gelegenheit in den Grund oder Ungrund dieser Beschwerden näher einzugehen, nur glauben wir, daß den Lehrern selbst Mittel genug geboten sind ihre Unpartheilichkeit den Schülern gegenüber zu bethätigen. Wir erkennen gerne an, daß die rechte Bahn zwischen allzu großer Milde und Strenge schwer zu finden ist, immerhin wird sie aber das Ziel jedes einsichtigen Lehrers sein, er wird seine Schüler dadurch der Liebe zum Studium gewinnen und ihren Aeltern den Schmerz ersparen durch freiwillige oder gezwungene Entfernung ihrer Söhne vom Gymnasialunterricht jahrelang Zeit und Geld umsonst geopfert zu haben. Das Beste und Gedeihlichste aber was die neue Zeit unseren Lehranstalten in Oesterreich gewährte und der neue Schulplan als Norm festhielt, ist sicher die Freiheit der Lehre. Nur durch diese wird es dem Lehrer möglich, die Schüler für das Wissen zu begeistern und mit Lust in seine Tiefen einzudringen. Hiedurch erreichte der armselige Unterricht sein Ende, der nur immer am Buchstaben klebte, und nach der aus dem vorigen Jahrhundert überkommenen Zwangsmethode alle Wissenschaft zur Gedächtnißsache und das Forschen zur seltenen Ausnahme machte. Was soll das wenige Latein oder Griechische, was das Auswendiglernen einiger Städte, Länder, geschichtlicher Namen und Jahrzahlen, das Einlernen einiger Rechenexempel, wenn der Geist dabei leer ausgeht, wenn der Schüler nicht eindringt in die hohe Schönheit antiker Form, in den geschichtlichen Werth der Classiker, in die große ethische Lehre der Weltgeschichte, die seinen Charakter heranbilden soll? Möchten sich dies alle Lehrer der niedern und höheren Bildungsanstalten zu Gemüthe führen, und in der gewährten Lehrfreiheit schon jetzt die Weisung der Regierung erkennen in einem bessern Geiste zu lehren als jenem der vergangenen Jahrzehnte und Jahrhunderte!
Auch in diesem Monat
- Bozner Zeitung1840er5 Schlagwörter
Widerstand gegen die neue Wehrordnung und Ankunft von Erzherzog Ludwig
Bericht über den wachsenden Unmut und das tief sitzende Misstrauen der Bevölkerung im Burggrafenamt und Vinschgau gegenüber der neuen Tiroler Wehrordnung von 1849. Der Verfasser mahnt die Regierung zu Transparenz, Aufklärung und Achtung der traditionellen Landesfreiheiten, ergänzt um eine Notiz zur Ankunft von Erzherzog Ludwig in Bozen.
1849 im Überblick
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"Rückblick auf das Schuljahr am Meraner Gymnasium." Bozner Zeitung, 21. Juli 1849. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/2/1/21.07.1849/19914/2. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1849-07-21-rueckblick-auf-das-schuljahr-am-meraner-gymnasium