Widerstand gegen die neue Wehrordnung und Ankunft von Erzherzog Ludwig
Bericht über den wachsenden Unmut und das tief sitzende Misstrauen der Bevölkerung im Burggrafenamt und Vinschgau gegenüber der neuen Tiroler Wehrordnung von 1849. Der Verfasser mahnt die Regierung zu Transparenz, Aufklärung und Achtung der traditionellen Landesfreiheiten, ergänzt um eine Notiz zur Ankunft von Erzherzog Ludwig in Bozen.
Vollständige Transkription
P. Meran, den 12. Juli. Die neue Wehrordnung für Tirol und Vorarlberg scheint in hiesiger Umgegend keinen Boden gewinnen zu können; nicht nur der Einzelne sondern ganze Gemeinden sträuben sich dagegen und zwar auf eine Weise, die mehr als passiven Widerstand fürchten läßt. Nachrichten zu Folge zeigt sich diese Stimmung allgemein und insbesondere entschieden im Landgerichte Schlanders, während sich das obere Vintschgau in apatischer Ruhe verhält. Es hätte uns überrascht, wenn das Statut in dieser Form, in welcher es in das Volk geschickt wurde, Anklang gefunden hätte; denn seine unbestimmten und dehnbaren Umriße sind nicht geeignet, wenn auch nur als Provisorium die Gemüther für sich einzunehmen. Allein daß die ganze Idee „dem Lande eine entsprechende Wehrverfassung zu schaffen“ mit so vielem Mißfallen aufgenommen wurde, das muß jeden, der es mit dem Vaterlande redlich meint, mit gerechtem Schmerze und mit Besorgniß für die Zukunft erfüllen. Mögen die Feinde des Statutes die verschiedenartigsten Vorwände und Gründe dagegen anführen, als Quelle dieser betrübenden Erscheinung entdeckt man das Mißtrauen, mit dem die Leute allen Maßnahmen der Regierung begegnen, seien sie redlich oder unklar, weise oder ungenügend. Wir haben diese Beobachtung zu Genüge gemacht, und bei jedem neuen Regierungserlasse, der den Nutzen nicht sonnenklar und greifbar gleichsam in der Tasche mit sich führte, sah man hier, wenn es mild herging, doch wenigst die Achsel zucken. Die alte Wirthschaft der dreißig Jahre trägt jetzt ihre Frucht; mit jedem gebrochenen Versprechen hat sie eine Saat von Mißtrauen in das Herz des Volkes gestreut, und nun wuchert der Same unausrottbar und sich stets erneuernd. Das Mißtrauen ist einmal da und kann nicht weggeläugnet und auch nicht wegdekretirt werden; das ist das Grundübel, und soll irgend eine Beßerung eintrete, so muß zuerst dieses geheilt werden.
Die Regierung bewahrheiten daher ihren Willen das Wohl des Volkes zu fördern, sie beachte seine Wünsche, höre seine Stimme und bleibe gegebenen Verheißungen treu; sie sei offen und ohne Hinterhalt in allen ihren Gesetzen und Maßregeln und begleite sie mit entsprechender Belehrung, um den minder Unterrichteten aufzuklären, den Zweifler zu überzeugen und den Bösgesinnten zu entwaffnen; denn es ist nicht genug, daß ein Gesetz an und für sich gut sei, es muß auch als solches erkannt, es muß verstanden werden.
Leider war das Schicksal der Wehrordnung ein anderes. Der Bauer, so unglaublich es klingt, verstand sie nicht und erschrack vor ihr, als wäre sie sein Todesurtheil. Mit Entsetzen wies er auf die Möglichkeit hin, eines Tages werde man ihn plötzlich von Haus und Hof, Weib und Kind dem Feinde entgegen jagen, hinaus außer Landes, vielleicht gar in die Türkei, wenns dem Kaiser einfiele dort Krieg zu führen. In der Mehrzahl spukt der Gedanke im Gehirn, sobald das Gesetz angenommen würde, müßten auf der Stelle alle 15,000 Mann ausrücken, denn der Kaiser habe Noth an Soldaten, und zuletzt müßten diese ungeheuren Kosten doch wieder sie tragen; woher nehme denn der Kaiser das Geld, wenn nicht von den Bauern?
Die Regierung kannte die unüberwindliche Abneigung des Tirolers außer Landes zu kämpfen und die Gesetze haben seit den ältesten Zeiten darauf gebührende Rücksicht genommen; warum hat sie im neuen Statut nicht offen und bestimmt diese sogenannte alte Freiheit aufrecht erhalten und dadurch die Gemüther beruhigt und gewonnen: warum sprach sie nicht aus, die neu zu errichtende Landwehr soll nur zur Vertheidigung Tirols und dessen Grenzen verwendet werden? Und wie wohlthätig und beruhigend hätte nicht eine Ansprache gewirkt, welche die Sorge löste, als sei hinter dieser Wehrordnung ein plötzliches Aufgebot verborgen, welche darlegte daß durch sie die Verhältnisse für die Zukunft geordnet würden um das ganze Land mit dem geringsten Aufwande an Leuten, Kosten und Zeit vollkommen wehrfähig zu machen? Möge der Entwurf einer entsprechenden Gestaltung entgegenreifen und das Volk die Ueberzeugung gewinnen, daß er die Wohlfahrt des Vaterlandes begründe! Möge die Regierung in Zukunft die Eigenschaften des Volkes im Auge behaltend ihre Maßnahmen durch eine offene Darlegung ihrer Absichten und durch zweckmäßige Belehrung dem Volke vorführen, wenn sie anders will, daß sie Ausnahme und Eingang finden sollen.
Bozen den 12. Juli. Gestern Abends langten Se. kais. Hoheit der Herr Erzherzog Ludwig von Innsbruck kommend hier an. Hochdieselbigen gedenken einige Zeit in der Nähe Ihrer Durchlauchtigsten Verwandten in der reizenden Gegend von Eppan zu verweilen.
1849 im Überblick
Das Jahr 1849 war in Meran von intensiven politischen Debatten über die Reichsverfassung, regionalen Verwaltungs- und Steuerstreitigkeiten sowie dem Engagement für das Bildungswesen geprägt. Bedeutende Ereignisse umfassten den Abschied des Theologen Beda Weber, die Unterstützung kriegsgeschädigter Soldaten und Initiativen zur Stärkung des katholischen Vereinslebens. Zudem führten Neuerungen bei der Wehrordnung zu Unmut in der Bevölkerung, während Naturkatastrophen im Umland schwere Schäden verursachten. →
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"Widerstand gegen die neue Wehrordnung und Ankunft von Erzherzog Ludwig." Bozner Zeitung, 14. Juli 1849. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/2/1/14.07.1849/19912/2. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1849-07-14-widerstand-gegen-die-neue-wehrordnung-und-ankunft-von-erzherzog-ludwig