Der Bote für TirolOriginalquelle ansehen

Niveauverhältnisse am Brennerpass für eine geplante Eisenbahnlinie

Zusammenfassung

Die Direktion des geognostisch-montanistischen Vereins für Tirol und Vorarlberg legt detaillierte barometrische und geognostische Messungen für eine Eisenbahntrasse von Rosenheim über den Brenner nach Verona vor. Die vier Teilstrecken im Inn-, Wipp-, Eisack- und Etschthal werden auf Gefälle, geologische Beschaffenheit und bauliche Hindernisse wie Engpässe und Überschwemmungsgebiete analysiert.

Vollständige Transkription

Niveauverhältnisse am Brennerpaß.

Die öffentlichen Blätter sprechen seit einigen Jahren über die Ausführbarkeit einer Eisenbahnlinie, welche quer durch den östlichen Stamm der Alpen Deutschland mit Italien das mittelländische Meer mit der Nordsee verbinden soll. Man bezeichnete den Lukmanier, den Splügen, die Malserheide, den Brennerpaß und die Jochhöhen zwischen Bruck, Rottenmann und Aussee in Steiermark als Uebergangspunkte einer solchen Bahnverbindung. Es liegt nicht in unserer Absicht, die günstigen oder ungünstigen Verhältnisse dieser Alpenpässe für einen solchen Bau gegen einander zu erwägen, noch weniger ihre Wichtigkeit zur Handelsbewegung zu ermessen, wir geben im Folgenden nur die Resultate der Beobachtungen, welche der geognostisch-montanistische Verein durch die Begehung des Landes über das Terrain und die Bodenerhebung zwischen Rosenheim, dem Brenner und Verona gesammelt hat. Techniker mögen darnach entscheiden, ob die Ausführung einer Eisenbahn in dieser Strecke möglich sey, wir versichern nur, daß unsere Angaben der Meereshöhen auf barometrische Messungen beruhen, welche mit trefflichen Kapeller´schen Instrumenten sorgfältig vorgenommen wurden und mit den trigonometrischen Messungen des k. k. Generalstabs fast genau übereinstimmen. Eben so verläßlich sind die Ortsentfernungen, welche uns durch die k. k. Landesbaudirektion zukamen.

Die ganze Strecke von Rosenheim über den Brenner bis Verona zerfällt auf natürliche Weise in vier Abtheilungen. Die erste umfaßt das Innthal von Rosenheim bis Innsbruck, die zweite den Anstieg von Innsbruck bis zur Höhe des Brenners durch das Wippthal, die dritte den Abhang vom Brennerpaß bis Bozen längs der Eisack und die vierte endlich das Etschthal von Botzen bis Verona.

Wenn die Niveaüverhältnisse des Innthales von Rosenheim bis Innsbruck mit den Meereshöhen der größern Seen in der baierischen Ebene (Staffelsee 2030´, Kochelsee 1884´, Tegernsee 2337´, Chiemsee 1591 W. F.) verglichen werden, so zeigt sich auf eine überraschende Weise, daß das Innthal selbst noch zu Innsbruck (1820 W. F.) niedriger liegt als der Spiegel der meisten dieser Wasserbecken. Das Innthal muß daher als eine Bucht betrachtet werden, welche aus der Ebene weit in das Gebirge eingreift; denn an keiner Stelle desselben findet sich eine plötzliche, stufenartige Erhöhung, die eine natürliche Begränzung, einen Abschluß des Flachlandes andeuten könnte, und selbst die geognostischen Verhältnisse stimmen mit denen der Ebene auffallend überein, da dieselben tertionären Gebilde mit Pechkohlen-Lagern, dieselben horizontalen Schichten der Nagelflue an den Niederungen des Innthales zu Tage treten, welche den Boden der baierischen Saatenfelder bilden. Das Innthal von Rosenheim bis Innsbruck 59310' lang zeigt folgende Erhebungen:

Name der Station

Entfernung von der vorigen Station in W. Klft.

Meereshöhe in W.F.

Relative Höhe zur vorigen Station in W. F.

Rosenheim

–

1352

–

Windhausen an der Landesgränze

9700

1411

+ 59

Kufstein, an der Innbrücke

9560

1495

+ 84

Haidach, bei Angath, Spiegel des Inns

6700

1544

+ 49

Brixlegg, die Innbrücke

9100

1672

+ 128

Rothholz die Innbrücke

4500

1689

+ 17

Schwaz die Innbrücke

4750

1746

+ 57

Hall die Innbrücke

9750

1789

+ 43

Innsbruck die Innbrücke

5250

1820

+ 31

Das ganze Aufsteigen von Rosenheim bis Innsbruck beträgt daher 468', welche über 59,310° Länge vertheilt eine mittlere Steigung von 13/137´´ oder nicht ganz einer Linie per Klafter ergeben. Selbst in der Strecke von Haidach bis Brixlegg, in welche der größte Anstieg fällt, berechnet sich derselbe für eine Kläfter nur auf 8/47´´ oder zwei Linien. Die Sohle des Innthales ist überall breit, nur an wenigen Stellen sumpfig und nirgends von gefahrbringenden Wildbächen bedroht. Der Grund besteht aus Alluvialgerölle, welches eine feste Unterlage bildet. Der Kohlenflötz bei Häring, welcher gute Pechkohle im reichlichen Maaße liefert liegt hart an der Thalsohle, und große Torffelder finden sich überdieß bei Kramsach und am Mittelgebirge zwischen Vill und Lans bei Innsbruck.

Die zweite Abtheilung begreift die Strecke von Innsbruck bis zur Brennerhöhe und durchzieht das Wippthal. Die Erhebung des Bodens steht hier zu den Stationsentfernungen im folgenden Verhältniß:

Name der Station

Entfernung von der vorigen Station in W. Klft.

Meereshöhe in W.F.

Relative Höhe zur vorigen Station in W. F.

Innsbruck die Innbrücke

–

1820

–

Neues Posthaus am Schönberg

7348

2918

+1098

Matrei der Markt

3902

3088

+ 170

Steinach das Dorf

2500

3172

+ 84

Untergries das Dorf am Fuße des Brenners

3500

3621

+ 449

Brennersee

2250

4040

+ 419

Brenner das Posthaus, der höchste Punkt der Straße

1500

4246

+ 224

In dieser Abtheilung ist daher mit einer Länge der Straße von 21,000'° ein Steigen des Bodens von 2444´ verbunden und die mittlere Erhebung einer Klafter beträgt daher 1 26/53´´ oder fast anderthalb Zoll. Die steilste Parthie liegt, nach dem gegenwärtigen Zustande der Straße zwischen Untergries und dem Brennersee, und steigt hier per Klafter um 2 3/14´´. Das Wippthal, welches mit seiner Fortsetzung dem Brennerthale die zentrale Alpenkette durchschneidet, besteht im untersten Theile bis zur Mündung des Rutzbaches in die Sill aus einer engen Felsenschlucht nur für den Thalbach geräumig. Eine Stufe höher gewinnt es an Breite und bildet an der linken Seite eine Terrasse, welche zwischen dem Bachbett und der Fläche des Mittelgebirgs von Mutters und Igels in ziemlich gleicher Höhe bis zur Stephansbrücke zieht. An der rechten Seite des Thales wird diese Terrasse nur um den Zenzenhof bemerkbar und verlängert sich in das fast ebene Arnthal, das durch einen waldigen Kegel von der Sill getrennt ist, und dem Schönberge gegenüber mündet. Hinter der Stephansbrücke verliert sich diese Terrasse, das Wippthal bleibt von steilen Wänden umschlossen, und erweitert sich erst bei Matrei, wo die Höhe des Mittelgebirges erreicht ist. Fast eben zieht es bis hinter Stafflach, wird aber vor und hinter Gries enger und steiler, bis die Jochhöhe erstiegen ist. Das Gehänge zunächst am linken Ufer der Sill bis zur Fläche des Mittelgebirges zwischen dem Iselberge und Matrei besteht größtentheils aus ältern Alluvialbildungen, groben Rollstücken, Sand und Lehm, und nur an wenigen Orten bricht der Thonglimmerschiefer oder seine eingelagerten Kalke aus denselben hervor. Zwischen Matrei und Steinach an der nämlichen Seite senken sich die Kalke der Waldraster-Spitze bis an die Straße herab, und durchqueren auch die breite Mündung des Gschnitzerthales, welche zu einer Ausbeugung leicht benützt werden kann, um das spätere Steigen zu mildern. Den hintern Theil des Thales um Gries und bis zur Jochhöhe bilden wieder die Varietäten des Thonglimmerschiefers und die eingelagerten Kalke. Dieselben Gesteine gestalten auch die rechte Thalwandung vom Brenner bis Wilten und sind nur an wenigen Stellen von Alluvionen bedeckt. Dieses Gehänge gewährte daher einem Baue mehr Sicherheit als das brüchige Schuttgebirge unter dem Schönberge und ließe auch das fast ebene Arnthal zur Bahnrichtung benützen.

Die südliche Abdachung des Brenners vertheilt sich längs dem Laufe der Eisak bis zu deren Mündung in die Etsch bei Bozen und fällt in einer Längenstrecke von 48,050° um 3521'.

Name der Station

Entfernung von der vorigen Station in W. Klft.

Meereshöhe in W.F.

Relative Höhe zur vorigen Station in W. F.

Brenner Posthaus

–

4264

–

Gossensaß das Dorf

4250

3226

-1038

Sterzing die Stadt

2750

2773

- 453

Mittewald das Posthaus

8750

2306

- 467

Brixen die Stadt

7000

1615

- 691

Klausen die Stadt

6250

1475

- 140

Kollmann das Dorf

3750

1320

- 155

Atzwang das Posthaus

3850

1048

- 272

Botzen an der Mündung der Eisak in Etsch, (bis Bozen 7900' bis an die Etsch 3550')

11450

743

- 305

Man wird daraus bemerken, daß das stärkere Gefälle der Parthie vom Brenner bis Brixen zukomt, welche in einer Länge von 22,756° ein Höhenunterschied von 2649´ trifft (also per Klafter eine mittlere Steigung von 1 9/22´´). Diese Bodenerhebung konzentrirt sich aber besonders an zwei Thalstufen, nämlich beim Anstieg von Brixen zur Franzensfeste und jenem von Sterzing zur Brennerhöhe. Erstere beträgt in 4250° Länge an 600´, letztere in 7000° Länge 1491´. Das hügelige Gelände nördlich von Brixen und die breiten Mündungen des Mareiter- und Pflerscherthales gestatten aber weite Ausbeugungen, um diese Steilen zu mäßigen. Vom Posthause am Brenner bis zum Wirthshause am Schellenberg ist das Brennerthal geräumig und nur wenig geneigt, weiter gegen Sterzing wird es aber längs der Eisak schluchtig und enge. Die Gesteine aus der Gruppe des Thonglimmerschiefers bilden noch die Thalwände. Von Sterzing bis zur Franzensfeste ist das Gefälle der Thalsohle gering und hat nur ober Mauls eine niedrige Stufe. Der Boden ist öfters sumpfig und den Ueberschwemmungen ausgesetzt. Bis unter Mauls bestehen die Gebirge aus Glimmerschiefer und Hornblendeschiefer, um Mittewald erhebt sich der Granit und umgibt das Brixnerkläusel. Das Hügelland von Schabs bis Brixen ist eine mächtige Ablagerung älterer Alluvialgebilde.

Von Brixen bis an die Mündung der Eisak bei Botzen beträgt das ziemlich gleichmäßige Gefälle in 25,300° nur 872´ und auf die Klafter kommt daher nur ein Steigen von 5/11´´. Das Terrain ist hier aber weniger günstig; denn bald unter Klausen, dort wo die kristallinischen und schieferigen Gesteine aufhören und Quarzporphyr ihre Stelle bis Botzen einnimmt, verengt sich das Eisakthal zu einer Spalte zwischen steilen Felswänden, in welche die Seitenthäler eben so schmal münden. Der Porphyr ist an der Sonnenseite sehr verwittert und brüchig und überdieß liegen noch mächtige Schuttmassen in jähen Abstürzen auf denselben, daher auch diese Strecke von Erdbrüchen viel leidet. Die Schattenseite hat festern Grund, die Verwitterung ist hier nicht so weit vorgeschritten und ein Bau würde hier also größere Sicherheit finden. Auf der Villanderer-Alpe sind ausgedehnte Felder des trefflichsten Torfes.

Die letzte Abtheilung von Botzen bis Verona bildet das Thal der Etsch und biethet eben so günstige Niveauverhältnisse als das Innthal.

Name der Station

Entfernung von der vorigen Station in W. Klft.

Meereshöhe in W.F.

Relative Höhe zur vorigen Station in W. F.

Botzen an der Mündung der Eisak in die Etsch

–

743

–

S. Florian an der Etsch

11700

656

- 87

S. Michele an der Mündung der Noce

7750

634

- 22

Lavis an der Mündung des Avisio

4500

608

- 26

Trient an der Etsch

5000

585

- 23

Sacco bei Roveredo

12750

523

- 62

Gränze Tirols bei Borghetto

14970

365

- 158

Chiusa an der Etsch

9950

289

- 76

Verona an der Etsch

16700

157

- 132

Die ganze Strecke mißt 83,320° und sinkt nur um 586´. Für eine Klafter der Länge berechnet sich also ein mittleres Steigen von 2/27´´. So wie das Innthal ist auch das Etschthal eine Bucht der Ebene, und geht allmälig und ohne bestimmte Gränze in dieselbe über. Nur liegt das Etschthal im nämlichen Maße tiefer als das Innthal, in welchem die Fläche des Po niedriger als die der Donau in Baiern ist. (Botzen 73´; Innsbruck 1820´; Verona 157´; München 1611´.) Auch in diese Bucht sind die grauen Sandsteine und Mergel, welche den südlichen Fuß der Alpen umsäumen, eingedrungen und überdecken in den Thalbecken und auf Berghöhen die alpinischen Gesteine, die Porphyre und Sandsteine, die Kalke und Dolomite. Der größte Theil der Sohle des Etschthales ist versumpft oder den Ueberschwemmungen ausgesetzt, und wird erst dann einer Bahnanlage sichern Grund geben, wenn der Lauf der Etsch regulirt ist. Es wäre wohl möglich mit der Verdämmung der Etsch zugleich den Unterbau des Schienenweges zu verbinden, und zwei Zwecke unter einem zu erreichen.

Von der Direktion des geogn.-montan. Vereins für Tirol und Vorarlberg.

Dr. Alphons v. Widmann, Direktor.

Dr. Stetter, Sekretär.

1847 im Überblick

Das Jahr 1847 war in Meran und Umgebung von regionalen Infrastrukturplanungen, karitativen Initiativen und bedeutenden Besuchen geprägt. Während geologische Vermessungen für eine geplante Eisenbahntrasse sowie die Wiederbelebung des Klosters Steinach wichtige Entwicklungen darstellten, erforderten Naturkatastrophen im Vinschgau dringende Hilfsmaßnahmen. Ergänzt wurden diese Ereignisse durch den Besuch von Erzherzog Johann und das kulturelle Gedenken im Kollegium Meran. →

Zitieren & Teilen

"Niveauverhältnisse am Brennerpass für eine geplante Eisenbahnlinie." Der Bote für Tirol, 22. April 1847. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/22.04.1847/152435/3. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1847-04-22-niveauverhaeltnisse-am-brennerpass-fuer-eine-geplante-eisenbahnlinie