Zur Geschichte des Meraner Gymnasiums
Rede zum Abschluss des Studienjahres 1841/42 am Meraner Gymnasium anlässlich des hundertjährigen Bestehens unter der Leitung der Benediktiner von Marienberg. Der Text schildert die historische Wiederbelebung der verarmten Stadt seit den 1720er-Jahren durch die Schulgründung, Johann Rufins Stiftung sowie die Verdienste der Äbte Johann Murr und Beda Hillebrand.
Vollständige Transkription
Zur Geschichte des Meraner Gymnasiums. 1/2
Anrede am Schlusse des Studienjahres 18 41/42, gehalten in Meran den 29. Juni 1842 *).
Es fehlet nicht an Männern, welche, wenn sie die Bahn der Studien durchlaufen, und ins gebildete Leben eingetreten sind, oft laut erklären, daß sie nach ihrer jetzt gewonnenen Einsicht, wenn es ihnen freigestellt wäre, den Kreis ihres Lebens durchzumachen, nie wieder den Studien sich widmen würden; da die Stellung des gebildeten Mannes mit so vielen Schwierigkeiten und Gefahren verbunden sey. Es mag unbescheiden seyn für einen kaum gereiften Jüngling, aber ich erkläre am Ende meiner Gymnasiallaufbahn im Namen meiner Mitschüler frei und unumwunden, daß wir uns zu dieser Ansicht nicht bekennen, daß wir den Augenblick segnen, der uns zum höhern Leben der geistigen Menschenbildung berufen hat, daß wir den innigsten Dank empfinden gegen die Lehranstalt, die uns aus der Niedrigkeit erhoben und auf den freien Standpunkt der Wissenschaft gestellt hat. Haben wir auch noch ein unermeßliches Feld zu durchwandern, so ist doch der feste Grund zu unserer Bildung durch das Gymnasium gelegt, und nie wird der Gedanke an diese Wohlthat unserm Gemüthe entschwinden. Es kann daher nicht befremdend scheinen, daß ich die Aufmerksamkeit meiner Zuhörer von dem bisherigen Lobe der Lehrgegenstände auf die Lehranstalt selber lenke, welcher wir und tausend Andere den Eingang in das Reich der Tugend und Wissenschaft verdanken.
Es sind so eben hundert Jahre verflossen, seit dem die Ansiedelung der Benediktiner von Marienberg als Lehrer am Gymnasium zu Meran vollständig ausgebildet und festgesetzt worden ist, und mit Rührung können wir zurück blicken auf die hundertjährige Frucht, welche dadurch zum Heile des Vaterlandes reif geworden ist. Es gibt fast keine Stelle im Inlande, die nicht ein Zögling dieses Gymnasiums ehrenvoll bekleidet hat, und das Ausland, wenn auch noch so stolz auf sein eigen Verdienst, muß die Würde einer Lehranstalt anerkennen, die ihre Wirksamkeit in ferne Länder erstreckt hat. Es war ums Jahr 1724, als der edle Abt Johann Murr von Marienberg die ersten Glieder seines Stiftes in dieser uralten Residenzstadt der tirolischen Grafen abgesendet hat, um die Gymnasialstudien zum Vortheile der vaterländischen Jugend zu eröffnen. Meran war im Laufe der Zeiten in eine traurige Lage herab gesunken, und von der alten Herrlichkeit war ihm nichts übrig geblieben, als sein berühmter Name, wenig geeignet für die großen Verluste aller Art zu entschädigen. Die Beherrscher des Landes hatten diese Gegend verlassen, und sich in Innsbruck bleibend angesiedelt. Viele Große waren dem Hoflager nachgezogen, und dadurch war für das hiesige Volk eine Hauptquelle des Erwerbes versiegt. Die berühmten Meraner Jahrmärkte wurden von denen in Botzen überflügelt, und durch den neu geöffneten Kuntersweg dem ganzen Lebensverkehre eine andere Richtung gegeben. Dazu kam oftmalige Verwüstung durch die Ausbrüche des Sees im Passeier, die Verarmung der Bewohner zu vollenden.
So stand Meran isolirt, der vorzüglichsten Hülfsmittel zum gesegneten Wohlstande beraubt, durch die Aussicht auf die ewig junge Schönheit der Natur nur wenig gefördert; es war in Gefahr, ein offenes Dorf zu werden. Einsichtsvolle Männer fanden in der Errichtung des Gymnasiums das einzige Mittel, noch einiger Maßen die Isolirtheit der Stadt zu beleben, und durch Bildung des Geistes zu ersetzen, was ihr an materiellen Vortheilen entgangen war. Deshalb war die Freude allgemein, als die Benediktiner im Ansitze Seisenegg, dem Hause, das jetzt dem Herrn v. Breitenberg in Botzen gehört, die lateinischen Schulen eröffneten. Aber leider war die Anstalt wenig mehr als eine Winkelschule. Die Regierung zögerte, sie anzuerkennen, Spießbürger begriffen ihre Wichtigkeit nicht, weil sie den Brocken nicht mit den Löffeln essen konnten. Aber die Vorsehung, die beste Hüterin jeder zarten Pflanze, die aus Gott geboren ist, wußte bald Rath zu schaffen. Johann Rufin, Hofkammerrath in München, ein geborner Meraner, kam dem Unternehmen mit einer Stiftung von 8000 fl. zu Hülfe. Er hatte diese Stadt als armer Brothütersohn mit 24 kr. im Sacke verlassen, sich durch Fleiß und Talent zu dieser einträglichen Stelle in Baiern empor geschwungen, und obgleich er baierisches Brot aß, so blieb doch sein Herz tirolisch. Er konnte seine Vaterstadt nicht vergessen und bewies es durch die That. Mit dem Gelde, das er anwies, wurde im Jahre 1729 der Bau des Gymnasiums begonnen, in dessen Räumen ich zu sprechen die Ehre habe, und durch die Mithülfe edler Bürger in kurzer Zeit vollendet. Selbst die Regierung nahm keinen Anstand mehr, eine Lehranstalt zu bestätigen, die mit so viel edlem Eifer begründet wurde. Aber noch fehlte eine Behausung für die Professoren; denn der Ansitz Tiefenbrunn an der Stelle des heutigen Knabenseminars war nur wenig geeignet, um einem Vereine von Ordensmännern die gehörige Bequemlichkeit zu gewähren. Die Stadt wollte oder konnte nichts thun, diesem Bedürfnisse abzuhelfen. Selbst in Marienberg bildete sich eine Parthei von Kurzsichtigen, die nie fehlt, wenn es gilt, etwas Heilsames auf Erden auszuführen. Man nahm dem würdigen Abte Johann Murr seine Uneigennützigkeit für die Bildung der vaterländischen Jugend übel, und es fehlte nicht an Kränkungen, die deshalb den Abend seines verdienstvollen Lebens trübten. Aber mittlerweile war Abt Beda Hillebrand zur Verwaltung des Stiftes Marienberg gekommen. Er hatte als junger Mann an der hiesigen Lehranstalt mehrere Jahre gedient, theils als Professor, theils als Präfekt der Anstalt selbst. Er war charakterfest genug, die Grundsätze seines frühern Lebens auch im Besitze der Gewalt frei zu bekennen und mit Energie auszuführen. Trotz der blinden Schreier im eigenen Hause, trotz der Bornirtheit des damaligen Stadtmagistrates, legte er mit einem Aufwande von 12,000 fl., die er aus der Kasse seines Stiftes nahm, den Grund zum nahe stehenden Kollegiumsgebäude, das von italienischen Bauleuten wacker gefördert, bald zur Wohnung der Professoren sich erhob. Somit war im Jahre 1742 der Schlußstein zu jener Anstalt gelegt, die noch heute zum Segen des Landes fort besteht. Oft hat die Zeit an derselben gerüttelt; aber ihre Lebenskraft war so mächtig, die Theilnahme der Bürger von Meran so entschieden, die Mitwirkung des Stiftes Marienberg so zuvorkommend, daß es keiner Engherzigkeit gelang, das schöne Werk eines bereits hundertjährigen segenreichen Einwirkens auf die Bildung der vaterländischen Jugend zu zerstören. (Beschluß folgt.)
*) Die Aufnahme dieser Schulrede in diese Blätter dürfte sich durch ihren historischen Inhalt und durch die Beziehung auf die Säkularfeier des Meraner Gymnasiums, das zu den bewährtesten und tüchtigsten Anstalten dieser Art im Lande gehört, rechtfertigen.
Auch in diesem Monat
- Der Bote für Tirol1840er4 Schlagwörter
Hundertjahrfeier des Meraner Gymnasiums: Rede des Schülers Franz Kupperion
Zum hundertjährigen Jubiläum des Meraner Gymnasiums hält der Schüler Franz Kupperion eine Dankesrede. Er würdigt das unentgeltliche Wirken der Lehrkräfte aus dem Stift Marienberg sowie die Unterstützung durch die Stadt Meran und blickt hoffnungsvoll auf das beginnende zweite Jahrhundert der Schule.
1842 im Überblick
Im Jahr 1842 prägten hochrangige Besuche und bedeutende Jubiläen das Leben in Meran und Tirol. Besonders hervorzuheben ist die Reise von Erzherzog Stephan durch die Region im Spätsommer sowie das hundertjährige Bestehen des Meraner Gymnasiums unter der Leitung der Benediktiner im August. →
Zitieren & Teilen
"Zur Geschichte des Meraner Gymnasiums." Der Bote für Tirol, 1. August 1842. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/01.08.1842/151942/4. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1842-08-01-zur-geschichte-des-meraner-gymnasiums